Musik - Die KuRT-Macher präsentierten zum Jahreswechsel ein erstaunlich vielseitiges Panoptikum an jungem Pop

Aus erdigem Groove ins Elektro-Nirwana

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Was machen die Leute von KuRT, wenn zwischen den Jahren mal ein bisschen Luft ist? Das, was sie am besten können: ein Festival. Nun ja, eigentlich war es ja als Tripel-Konzert angekündigt, was da am Montagabend im franz.K über die Bühne ging; aber wenn man dann zwischen die Haupt-Acts im Saal noch zwei weitere Auftritte auf der Club-Bühne im Foyer schaltet, darf man das ein Festival nennen. Ein Festival mit durchweg jungen Akteuren, das ein verblüffendes Spektrum dessen aufzieht, was junger Pop alles sein kann.

Ekstatisch: Kaind im franz.K.
Ekstatisch: Kaind im franz.K. FOTO: Armin Knauer
Im Saal spannte das Programm einen sinnigen Bogen von der handgemachten Singer-Songwriter-Musik Eva Winters über ein akustisch-elektronisches Pop-Hybrid mit Lia Reyna bis hin zur rein elektronischen Version des Berliners Kaind. Eva Winter, die mit ihrer Band den Auftakt machte, war dabei erst ganz kurzfristig für die Berliner Gruppe Game Over Baby eingesprungen, die wegen eines Krankheitsfalls passen musste.

Eva Winter und Lia Reyna

Die in der Region beheimatete Band erwies sich als weit mehr als ein Notnagel. Eva Winters gefühlvolle, intensive Stimme, die unverstellte Emotionalität ihrer Songs, die einfühlsamen deutschen Texte – all das ist wie ein Kaminfeuer, an dem man sich wärmt. Zuweilen aber auch ziemlich rockig mit mächtig Schub von Akustik- und E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug. Von glücklicher und unglücklicher Liebe singt sie und von falschen Freunden namens Alkohol und Drogen. Kraftvoll, innig und in der Singer-Songwriter-Tradition wurzelnd.

Bei der Aalenerin Lia Reyna, deren Bandmitstreiter aus dem Stuttgarter Raum kommen, tendiert das Ganze schon stärker ins flippig Urbane. Auch da hört man noch Geige, E-Gitarre und E-Bass. Aber Lia Reynas Spiel am E-Piano ist von elektronischen Sounds überglitzert. Und Geigerin Angela Mellwig ist fast öfter am Laptop zu finden, um neonbunte Klänge einzustreuen. Statt folkig klingen die englisch betexteten Songs nun jazzig und poppig, viel näher am Dancefloor. Und Lia Reynas trotz Erkältung sehr bewegliche Stimme tanzt gern mädchenhaft verspielt durch die Höhen.

Synthie-Clubsound mit Kaind

Der Berliner Kaind bricht die letzten akustischen Brücken ab, dimmt das Licht und lädt zur Elektro-Tanzparty im Dämmerdunkel. Der 25-Jährige, der ursprünglich ebenfalls aus der Gegend kommt, hat den Auftritt gleich für einen Heimaturlaub bei der Familie genutzt.

Seine deutsch betexteten Songs verraten die Herkunft vom Balladenpop, doch nun sind sie in einen Kosmos treibender Drum ’n’ Bass-Klangwolken geraten, von zwei Mitmusikern an elektronischem Schlagzeug und Synthesizer gewoben. So wandeln sich auch Kainds erstaunlich flexible Vocals zu einer Mischung aus Popgesang und tanzbar in die Höhen ausgreifender Rhythmik, immer in Bewegung gehalten von wummernden Synthiebässen und den flackernden E-Drums. Das ist schon sehr effektüberladen – aber einen gewissen hypnotischen Sog kann man dem Sound nicht absprechen. Als narkotischer Klangteppich zur Dunkeltanzparty taugt er allemal.

Klanglich erfrischend anders präsentierten sich die beiden Zwischen-Acts im Foyer. Mit der »Band 23 B« taucht man in Popsongs von Coldplay bis Muse ein, rein instrumental umgesetzt auf zwei Geigen, zwei Celli, Kontrabass und Cajón. Die vier Musikerinnen an Geige und Cello kommen wie der Kontrabassist aus den Reihen der Jungen Sinfonie und haben sich vor einiger Zeit für ein Straßenmusikprojekt zusammengetan. Das Ergebnis entfaltet eine Klangwelt, die filmmusikartig zwischen Pop und Klassik schwebt: luftig, durchsichtig und doch auf eine leichtfüßige Art sehr rhythmisch. Das macht Laune – und kommt beim Publikum bestens an.

Eine Entdeckung ist auch das Duo Sveny N’ Eve: zwei junge Frauen mit Reutlinger Wurzeln, die Songs von Bob Marley, Rihanna oder Foster The People mit eigenen Arrangements in ganz sphärische Harmoniegesänge verwandeln. Ein bisschen klingt das, was Svenja Haarmann-Thiemann und Eva Conte da präsentieren, wie Simon and Garfunkel – nur eben von zwei einfühlsamen Frauenstimmen gesungen und mit einer guten Prise Folk-Gefühl dahinter. Getragen wird es von Svenjas filigranem Gitarrenspiel, den ganz sparsamen Cajón-Klängen Shawn Wiesners und ab und an ein paar Einsprengseln von Melodica oder Ukulele. Ganz bezaubernd! (GEA)



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