Jazz - Andersen-Mössinger-Schriefl im Pappelgarten

Abenteuerim Dreieck

VON THOMAS MORAWITZKY

REUTLINGEN. Vor der Bühne liegt ein Alphorn, rätselhaft. Ein Mikrofon steht über seinem Schalltrichter – das Publikum im Reutlinger Pappelgarten weiß also: Etwas wird geschehen. Das Alphorn wird gespielt. Ein Abend beginnt, an dem drei außergewöhnliche Musiker dreier Generationen aufeinandertreffen.

Arild Andersen, geboren 1945, gehörte dem Jan-Garbarek-Trio an, trat schon zu Beginn der 1980er mit Nils Petter Molvaer auf, spielte mit Größen wie Chick Corea oder Sonny Rollins. Der Pianist Johannes Mössinger, Jahrgang 1964, gehört zu den umtriebigsten Jazzern des Südwestens, ein Grenzgänger von internationalem Ruf. Matthias Schriefl schließlich, 35 Jahre alt, ist der exzentrische Überflieger aus dem Allgäu, einer, der als Elfjähriger schon alles konnte, Preise einsackte und skurrile Bandprojekte startete.

In Reutlingen trägt er einen Anzug, halb blau, halb rot, eine Brille mit Gläsern in eben diesen Farben, einen erleuchteten Bart. Er springt kurz noch von der Bühne, um mit einem Stoß aus Notenblättern zurück zu kehren. Später wird er sein Instrument mit solchen Blättern dämpfen. Er spielt die Trompete, das Flügelhorn, Bassflügelhorn, das Alphorn. Und manchmal auch all diese Instrumente zugleich.

Fragmente, Gesten, Impressionen

Andersen und Mössinger beginnen mit einem sehr freien Spiel – Fragmente, Impressionen, Gesten, die sich langsam verdichten. Eine Zwiesprache, aus der plötzlich fühlbar ein Stück wird, als Andersens Bass in eine trockene, schnelle Figur hineinfindet. Nun schaltet Schriefl sich ein, sehr zurückhaltend noch, mit gehauchten, brüchigen Klängen. Schon in diesen leisen Momenten spürt man Schriefls Interesse an Experimenten, ungewöhnlichen Spielweisen. Er überbläst seine Instrumente, reißt knatternde, knallende Töne aus ihnen heraus, springt in Kindermelodien, Karnevalsmelodien, ist seine eigene ausgeflippte Blaskapelle. Schriefl reiste nach Indien, komponierte Melodien zum Ostinato seines höhenkranken Herzschlages. Nun malt er mit dem Bassflügelhorn ein glaubhaftes Bild von Elefanten, die eine Straße überqueren. Mössinger lässt ihnen auf dem Flügel einen Schwarm Ameisen folgen.

Dieser einmalige Abend, veranstaltet vom Förderverein für Theater und Musik »TheMu«, ist aber auch eine Begegnung von Musikern mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, ein Dialog der Haltungen und Auffassungen. Mössinger scheint hier der Part zu sein, der, elegant, vielseitig und mit Gefühl, die Pole Andersen und Schriefl miteinander verbindet. Sie finden zwar auch ohne ihn zueinander, streben aber oft in ganz andere Richtungen.

Arild Andersen spielt seinen Kontrabass kraftvoll, dunkel, überrascht mit immer neuen Wendungen, speist kurze Schläge, Rhythmen, den gestrichenen Bass in einen Loop ein, auf dem er weiter improvisiert. Momente von wunderbarer Tiefe und Melancholie schlagen die Zuhörer in ihren Bann.

Matthias Schriefl dagegen, der Paradiesvogel, trumpft augenzwinkernd auf, ordnet sein instrumentales Spektakel aber auch immer wieder solch schwebenden, stillen Momenten unter. Andersen, Mössinger und Schriefl gemeinsam lassen diesen Abend zu einem erstaunlichen Erlebnis werden. (GEA)



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