INTERVIEW - Enrico Urbanek, seit zehn Jahren Intendant der Tonne, sieht sich als Netzwerker und Kunstermöglicher
»Wir machen, was wir gut finden«
REUTLINGEN. Enrico Urbanek ist seit zehn Jahren Intendant des Reutlinger Theaters Die Tonne, das seither einen signifikanten Aufschwung genommen hat. Nicht nur, dass er durch die Etablierung einer zweiten Spielstätte die Zuschauerzahl verdoppelt hat, auch das öffentliche Ansehen des Theaters hat sich enorm verbessert, sodass man nun einem Neubau entgegensehen kann. Der 46-jährige Berliner, der zunächst zur See fuhr, bevor er zur Bühne ging, führt ein Haus, das für sein gutes Arbeitsklima bekannt ist und darum hervorragende Gäste engagieren kann. Auch er selbst tritt immer wieder als Regisseur hervor, zuletzt bei »Brundibár«, wahrlich eine Sternstunde des Theaters. Ihm verdankt Reutlingen auch das bundesweit wahrgenommene Theater mit Behinderten. Monique Cantré hat Enrico Urbanek zu seinem Theater befragt.
GEA: Herr Urbanek, als Sie vor zehn Jahren nach Reutlingen kamen, war der damals verantwortliche Tonne-Verein dabei, mit größten persönlichen Anstrengungen Einzelner, das Theater aus einer finanziellen Talsohle zu führen. Mit welchen Erwartungen traten Sie Ihre Intendanz an?
Enrico Urbanek: Mit keinen.
Sie wollten doch Theater machen -
Urbanek: Natürlich. Aber das Umfeld war ja nicht klar. Ich wusste, dass der Verein Arbeitgeber ist, aber wie es um den stand, und wie das Verhältnis zur Stadt war, wusste ich nicht. Ich habe mich ja auch nicht auf die Ausschreibung für die Intendanz hin beworben, ich bin vom damaligen Vorsitzenden angerufen worden. Da stand ich in einem Supermarkt mit meiner Tochter an der Kasse und habe gesagt: »Moment, ich muss mal kurz beiseite gehen.« Er fragte, ob ich mich nicht bewerben wolle. Das habe ich dann gemacht und kam hier völlig offen an.
Was hat Sie gereizt an der Tonne?
Urbanek: Es war erst einmal nichts anderes als das Grabbe-Haus, das ich in Detmold leitete, nur ohne Kinder- und Jugendtheater. Und dass im Endeffekt der Intendant den Kopf hingehalten hätte und ich hier die gesamte Verantwortung selbst tragen sollte. Es war ein großer Reiz, ein festes Haus zu haben und Verantwortung zu übernehmen und etwas Neues aufzubauen.
Und die Schwaben, die momentan in Berlin so schlecht angesehen sind, haben Sie nicht abgeschreckt?
Urbanek: Ich war schon überall in der Republik, und mich schreckt so schnell nichts ab.
»Und plötzlich war ganz Tübingen hier« §§ Ihre Spielplan-Mischung kommt meistens an. Was wird Ihrer Erfahrung nach vom Reutlinger Publikum am besten angenommen?
Urbanek: Das, was man nie glaubt. (lacht) Im Ernst, es ist sehr unterschiedlich. Zum Beispiel das »Maß der Dinge«, da hätten wir nicht geglaubt, dass es sich mit einer musikalischen Winterproduktion messen kann. Bei »Nordost« hätte ich wiederum gedacht, dass es mit der aktuell-politischen Geschichte besser liefe; oder solche Experimente wie mit »Capa« - man weiß es nie. Bei Jelinek, die »Prinzessinnendramen«, war es ein Glück, dass sie damals den Nobelpreis gekriegt hat und wir die ersten waren, die Jelinek hier gespielt haben. Und plötzlich war ganz Tübingen hier. Solche Zufälle spielen auch mit. »Messer in Hennen«, von mir inszeniert, haben wir nach fünf, sechs Aufführungen abgesetzt. Das hat einigen Leuten gefallen und hat auch gute Besprechungen erhalten, doch Besucher kamen nur wenige. Es gibt ganz bestimmte Nischen und Gruppierungen, die auch nur in bestimmte Sachen reingehen.
§§ »Es ist auch gut, ein Alleinstellungsmerkmal in der Region zu finden« §§ Tanztheater ist wohl so etwas.
Urbanek: Ja, die zweimal zwei Aufführungen im Jahr sind ausverkauft. Da ist es aber auch die Mischung. Wir haben auch probiert, reine Gastspiele einzukaufen. Das war nicht so erfolgreich. Das Mischen verschiedener Handschriften kommt dagegen an. Oder das Monospektakel. Man fragte sich, ob das Experiment funktionieren kann, Solostücke, die woanders nicht angesehen sind, zu versammeln. Doch es wurde ein Erfolg. Also: Ich kann's nicht sagen, was angenommen wird. Wir machen halt, was uns gefällt und was wir gut finden, und von dem wir finden, dass es auch gut in die anderen Spielpläne in der Region eingebettet ist. Es ist auch gut, ein Alleinstellungsmerkmal in der Region zu finden, zu wissen: Was macht uns aus und was ist einzigartig. Im Laufe der zehn Jahre ist unser Spektrum breiter geworden, auch durch spezielle Angebote, die es nur hier gibt. Witzig ist auch: »ABM« hat nicht funktioniert, jetzt heißt es »Geheimtipp« und ist voll, dabei ist es dasselbe Konzept. Oder »Melange« - jedes Mal kommen viele Leute dahin, und es ist jedes Mal ein ganz anderes Publikum.
Sie sind ein talentierter Netzwerker.
Urbanek: Netzwerker, ja, ich mache das gerne. Das ist ja auch die Aufgabe eines Intendanten. Einfach Leute zusammenbringen und denen den Rücken frei halten, damit sie Kunst machen können. Wie jetzt mit »Brundibár«. Seit der »Stadtoper« versucht man ja, die Kräfte zu bündeln. Wir hatten mit der Philharmonie schon die Kooperation bei Strawinskys »Geschichte vom Soldaten«. Jetzt noch die Capella vocalis hinzuzunehmen, war eine tolle Erfahrung.
Ihre erste Inszenierung war »Biedermann und die Brandstifter«, ein nach wie vor aktuelles Stück. Wie sehen Sie die Bedeutung von politischem Theater?
Urbanek: Absolut wichtig. In jedem Theater ist Politik natürlich drin. Wir suchen die Stücke nach den Themen aus, die die Leute aktuell interessieren. Bei »Harold und Maude« geht es um die Altersproblematik, bei »Effi Briest« um Karriere. Mit »Pi«, dem nächsten Stück mit Behinderten, befassen wir uns mit der Wirtschaftskrise und dem Euro. Zufällig haben wir das vor einem Jahr ausgesucht, als wir noch nicht wussten, wie brisant das Thema jetzt werden würde. Ansonsten ist Theater für das Reagieren auf Tagespolitik zu lahm. Bevor wir jetzt das »Wulffen« rausbringen oder irgendwas über einen Kapitän und seine Verantwortung, ist das schon längst vorbei. Das kann Kabarett viel schneller. Aber in die Inszenierungen kann man aufnehmen, was gerade in der Luft liegt, indem man eine Szene entsprechend ändert.
In »Biedermann und die Brandstifter« haben Sie einen Polizisten gespielt. Sind Sie danach nochmals als Darsteller aufgetreten?
Urbanek: Nein. Nur ein bisschen Statisterie. Aber Lesungen mache ich sehr gerne. Wie bei »Spuren des Wortes« in der Katharinenkirche oder bei der »Melange« oder in der laufenden Kooperation mit der Eichendorff-Realschule und der Stadtbibliothek.
Welche Produktion liegt Ihnen in der laufenden Spielzeit besonders am Herzen?
Urbanek: »Brundibár«.
Warum ist das so gut, warum ist das Publikum so hingerissen?
Urbanek: Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen. Das Thema Holocaust schreckt ja eher ab. Die Kinderoper allein ist es nicht, sondern das Ganze. Es ist ein glücklicher Zufall, dass das alles so gut funktioniert hat. Dass die verschiedenen Kräfte so gut zusammengingen, dass man sie dort abholen konnte, wo sie standen. Warum dann etwas ganz Besonderes entsteht, kann man nicht definieren. Das ist ja das Schöne - und das Bittere - an der Kunst. Auch ein blindes Schwein findet mal eine Eichel.
Nun soll ja endlich ein Reutlinger Schauspielhaus gebaut werden. Das erhoffte große Theaterzentrum ist damit begraben. Was erwartet uns?
Urbanek: Uns erwartet eine Light-Version. Ich denke, dass man nicht alle Wünsche erfüllen kann, aber trotzdem viele Möglichkeiten erhält. Wir arbeiten gerade daran, dass wir nicht nur einen 150er-Saal, wie es beschlossen war, erhalten, sondern dass man auch die Probebühne bespielt, wo Kinder- und Jugendtheater stattfinden kann. Das ist ein Saal mit nochmal 100 Plätzen. Und jetzt haben wir rausgekriegt, dass der große Saal 240 Plätze fassen kann. Ich finde, das ist eine gute Alternative. Diesen interfraktionellen Antrag im Gemeinderat dafür fand ich schon toll!
§§ »Um die kleine Form weiter zu bedienen, ist der Spitalhofkeller ideal«
Der Spitalhofkeller wird aber weiterhin bespielt?
Urbanek: Ja klar! Weil diese Spielstätte so einen Charme hat. Und ich finde, man muss bestimmte historische Sachen einfach behalten. Um die kleine Form weiter zu bedienen, ist der Spitalhofkeller ideal. Kollegen, die dort auftreten, wie Benjamin Hille mit seinem »Kontrabass« und auch Heiner Kondschak, sagen: Besser geht's nicht. Die lieben einfach diesen Raum und mir geht's genauso.
Sie sind gewissermaßen rund um die Uhr fürs Theater im Einsatz - inklusive Reparaturen an der maroden Haustechnik der alten Heinzelmannfabrik. Wie schöpfen Sie privat Luft?
Urbanek: Ach, eine Stunde mit meinen Kindern spielen, da hat man dann für den ganzen Tag wieder Energie. Und im Sommer fahre ich weg, vier, fünf Wochen. Meine Frau ist Bulgarin, darum fahren wir meistens nach Bulgarien. Mit einem Schlenker nach Wien, dort arbeitet meine Tochter. Da bleiben wir ein paar Tage und reisen dann weiter zur Großmutter aufs Dorf. Und da ist wirklich alles, was man braucht. Ganz einfaches Leben, aber es ist schön. Es ist warm, und wenn man sich Salat machen will, dann geht man in den Garten und findet alles, was man braucht. (GEA)
Die Liste der Cannes-Stars auf dem Festival ist lang. Einer aber versetzte die Fotografen, Journalisten und Autogrammjäger wieder in fast hysterische Aufregung: Brad Pitt.