Kultur
INTERVIEW - BAP-Sänger Wolfgang Niedecken über Karneval, Afrika und die Lust auf kleine, feine Konzerte

»Songs Schreiben ist was Schönes«

REUTLINGEN. Mit BAP füllt er die großen Hallen. Nun aber ist Wolfgang Niedecken auf Mini-Tour in kleinen Sälen. Am 12. März kommt er ins franz.K nach Reutlingen und bereichert die Reihe »Songs & Poesija«, die vom GEA als Medienpartner unterstützt wird. Aber BAP ist nicht vergessen, und auch sonst ist der umtriebige Sänger an allen möglichen Ecken engagiert: humanitär in Afrika und neuerdings sogar im Kölner Karneval. GEA-Redakteur Armin Knauer verrät er, wie es dazu kam.

GEA: Herr Niedecken, Sie kommen zu uns ins franz.K - in Stuttgart hätten Sie viel mehr Zuhörer haben können.

Wolfgang Niedecken: Die Tour ist nicht unter normalen Maßstäben zu sehen. Ich habe mit der Geigerin Anne de Wolff in Berlin ein kleines Konzert zum 30-jährigen Bestehen der taz gegeben. Am Vorabend rief unser Freund, der Percussionspieler Rhani Krija an und fragte, kann man da nicht mitspielen? Genau aus diesem »Kann man da nicht mitspielen?« heraus ist was Wunderschönes und Spontanes entstanden. Da haben wir gesagt, wir müssen noch ein paar von diesen Konzerten machen: klein, fein, weg von den Metropolen.

Und was macht BAP solange?

Niedecken: Mit BAP sind wir bis auf eine Österreich-Schweiz-Tour von der Bildfläche verschwunden, um im Herbst ein Album aufzunehmen. Im Frühjahr melden wir uns damit dann wieder zurück. In Deutschland spielen wir dieses Jahr nur ein Konzert, am 29. Mai in Bonn.

Zurück zu dem kleinen, feinen Konzert in Reutlingen. Was ist der Charme dieses Programms?

Niedecken: Es ist ein absolutes Nicht-Big-Hits-Programm. Wir haben etliche Songs im Repertoire, die bei den großen Konzerten selten eine Chance bekommen. Jetzt ist die Gelegenheit da. Es ist übrigens ein Konzert, bei dem ich wirklich versuchen werde, mal an »Verdamp lang her« vorbeizukommen (lacht).

Na, ob das klappt - Versprochen sind neben BAP-Songs auch solche von Bruce Springsteen, Leonard Cohen, Bob Dylan oder Lou Reed. Die große amerikanische Songwriter-Tradition. Sind deren Ideale noch aktuell?

Niedecken: Für mich schon. Wenn ich ehrlich sein will, muss ich mich ja zu meinen Wurzeln bekennen. Ohne Bob Dylan wäre ich niemals auf die Idee gekommen, Songs zu schreiben. Dann hätte ich Ende der Sechziger mit meiner Schülerband aufgehört, ab und zu die Gitarre noch mal für ein bisschen Fetenmusik aus dem Schrank geholt und das wär's gewesen. Dabei ist Songs Schreiben einfach was Wunderschönes. Die mit der Band einproben und auf die Straße bringen, das ist das Eigentliche.

Jetzt kennen wir Sie von BAP her rockig, nach Reutlingen kommen Sie aber mit der Geigerin Anne de Wolff und dem Perkussionisten Rhani Krija. Das hört sich eher nach Folk an -

Niedecken: Na klar, das wird jetzt keine Rockveranstaltung. Aber für mich heißt Rock ?n' Roll nicht immer nur schnell und laut. Irgendwann habe ich mir mal überlegt, was wäre das einleuchtendste Beispiel für einen nicht schnellen und lauten Song, der für mich aber trotzdem alles enthält, was Rock ?n' Roll ausmacht. Da bin ich auf den Redemption-Song von Bob Marley gekommen. Das Stück kommt in einem irgendwie vertrauten aber doch seltsamen Groove daher und es ist obendrein auch noch die Essenz aus sämtlichen Marley-Songs.

Auf sanfte Weise rebellisch - Wie fühlt sich das für Sie als Sänger an, mit zwei akustischen Musikern zusammenzuspielen?

Niedecken: Ich glaube, dass der Unterschied gar nicht so groß ist. Gut, man hat jetzt kein Schlagzeug hinter sich, wo's mal »bum« macht. Aber Rhani spielt auch sehr intensiv. Ein international sehr gefragter Musiker, momentan ist er gerade mit Sting unterwegs. Und er leidet darunter, dass er so selten in Deutschland ist. Das gibt's auch: Ein Marokkaner, der Heimweh nach Deutschland hat (lacht).

Sie setzen sich sehr für die Menschen in Afrika ein. Gibt's da was Neues?

Niedecken: Ja, momentan steht Köln Kopf, weil ich zwei Wagen mit afrikanischen Themen für den Rosenmontagszug entworfen hab'. Die Kölner Lokalzeitungen haben das als Rückkehr des verlorenen Sohns dargestellt. Mein karnevalskritisches Verhältnis hat hier natürlich nicht jedem gepasst. Köln ist ja komplett karnevalsverrückt, und wenn da ein so bekannter Sohn der Stadt das Nest beschmutzt, hat man das nicht so gerne, und jetzt wurde ich tatsächlich gefragt, ob ich nicht zwei Wagen zu afrikanischen Themen mitgestalten wolle.

Was ist da drauf zu sehen?

Niedecken: Der eine Wagen heißt »weckjezäppt«, da sitzt ein Pärchen vor einem Fernseher und zappt eine Szene mit einem Kindersoldaten, der um Hilfe bittet, weg, weil es lästig ist. Der andere Wagen heißt »Dä Sponsor kütt«. Da kommt einer mit dem Geldkoffer, offensichtlich ein Wirtschaftsvertreter, und bringt einem afrikanischen Despoten und seiner juwelenbehangenen Gattin Geld von großen europäischen Firmen - und im Hintergrund sieht man arme Teufel, die gezwungen werden, Bodenschätze auszubuddeln. Das ist natürlich so gemacht, dass es komisch aussieht. Man kann den Leuten am Rosenmontagszug nicht mit dem Holzhammer kommen und die Stimmung killen, damit hätte man der Sache einen Bärendienst erwiesen. Aber das wird sehr positiv aufgenommen, ich bekomme Anrufe über Anrufe, die freuen sich weg!

Gehen Sie selbst wieder nach Afrika?

Niedecken: Ja, ich werde dieses Jahr auf jeden Fall noch mal mit der Welthungerhilfe im Ostkongo sein. Dann drehen wir einen weiteren Film über die Problematik der Kindersoldaten. Hinzu kommt, dass im Ostkongo in einem unvorstellbaren Ausmaß vergewaltigt wird, ohne dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, weil das Land so korrupt ist und der Staatsapparat vollkommen versagt. Vergewaltiger sind dort unmittelbar wieder aus dem Gefängnis draußen, sofern sie zwanzig Dollar übrig haben, um sie dem Gefängniswärter zuzustecken.

Sehen Sie überhaupt Land bei all den Problemen?

Niedecken: Zunächst geht es einmal darum, den Leuten zu helfen, die individuell am schlimmsten betroffen sind. Es gibt Initiativen in dem Land, die sehr unterstützenswert sind, die genau für diese vergewaltigten Frauen etwas tun. Auch unter dem Gesichtspunkt, das nicht an die große Glocke zu hängen, weil die Frauen als geschändet gelten; die dürfen in ihrer Gesellschaft nicht als Vergewaltigte erkennbar werden. Genau diese Einrichtungen zu unterstützen, darum geht es. Alles andere geht über das große politische Zahnrad. Man muss dafür eintreten, dass Rohstoffe nur zertifiziert aus diesen Ländern exportiert werden. Wenn dieses Zeug, das bei uns in den Handys als Coltan auftaucht, oder die Diamanten oder das Gold oder das Tropenholz oder das Öl, wenn das unzertifiziert ausgeführt wird, dann nützt das der Bevölkerung gar nichts. Im Gegenteil, die Länder sind dann am ärmsten dran, die eigentlich die reichsten wären. (GEA)


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