Lesung - Gert Postel doziert im Sudhaus. Ein Hochstapler, der sich berufen fühlte, jahrelang Arzt zu spielen

»Professionelles Dilettieren«

VON NADINE NOWARA

TÜBINGEN. Es ist schon eine unglaubliche Geschichte. Gert Postel hat es mal so eben vom Postboten zum leitenden Oberarzt einer psychiatrischen Anstalt geschafft. Der wahre Skandal ist jedoch, dass ein Laie jahrelang ohne medizinisches Studium praktizieren konnte und so lange unentdeckt blieb.

Gert Postel im Sudhaus. FOTO: NOWARA
Gert Postel im Sudhaus. FOTO: NOWARA
Seine Lebensgeschichte mit dem polemischen Titel »Doktorspiele. Geständnisse eines Hochstaplers« wurde 2001 veröffentlicht und sorgt noch heute für solch ein reges Interesse, dass das Sudhaus am Freitagabend fast ausverkauft war. Postel verfügt über eine souveräne Ausstrahlung und ein fachmännisches Ausdrucksvermögen. Den Arzt könnte man ihm ohne Weiteres abnehmen. Sein sehr schneller Lesefluss, der viele Informationen beinhaltet, führt gerne auch mal auf eine falsche Fährte. Da heißt es: Aufpassen, dass man nicht an der Nase herumgeführt wird!

Urkunden gefälscht

Seine Anarchie hat schon etwas erfrischend Respektloses, wenn natürlich auch eine ordentliche Portion Dreistigkeit. Mal eben einen riesigen Karrieresprung hinzulegen, klingt bei ihm wie ein Kinderspiel. Man sollte sich nur etwas Fachvokabular anlesen, sich einen passenden elterlichen Background zulegen und natürlich die nötigen Urkunden und Zeugnisse fälschen – schon kann man alles schaffen, was man sich in den Kopf setzt.

Das weckt Träume, denn wer würde sich nicht gerne insgeheim nehmen, was er will, ohne Rücksicht auf Regeln und Gesetze zu nehmen? So erkundigt sich ein Zuschauer schelmisch danach, ob Postel ihm denn seine gefälschten amtlichen Stempel überlassen könnte.

Am Klinikalltag in der Psychiatrie hat Postel einiges auszusetzen. Den wissenschaftlichen Jargon etwa bezeichnet er als eine Aneinanderreihung von Leerwörtern und beschwert sich über den allgegenwärtigen Narzissmus in diesem Berufszweig. Natürlich bedient er sich selber des Fachvokabulars mit Leichtigkeit – und neigt eindeutig zur Selbstüberschätzung. Sogar ein Krankheitsbild hat er erfunden: die bipolare Depression dritten Grades, die ein Kollege unhinterfragt übernahm – er bestätigte, solche Fälle zu kennen. So zeige sich das »Hochstapeln« der anderen Hochstapler, die auch gerne mal dilettierten.

Schnippisch bis arrogant

Eine von Postels bekanntesten Äußerungen lautet: »Bestimmte Symptome unter bestimmte Begriffe zu subsumieren, kann auch jede dressierte Ziege.« Länger als die wenigen Jahre, die seine medizinische Laufbahn währte, behauptet er, hätte er den Beruf nicht mehr ausgeübt, da dieser seiner Meinung nach keine »intellektuelle Herausforderung« sei.

Natürlich hat er auch bei einigen Aspekten recht. So betont er, dass der gesunde Menschenverstand in Verbindung mit Empathie im Klinikalltag eine wichtigere Rolle spielen sollte als das sture Abspulen von Methoden. Die Frage ist, ob man deswegen das gesamte psychiatrische System an sich als lächerlich abtun muss.

Dass Postel auch bei seinem Vortrag im Sudhaus eine Rolle spielt, legt er offen dar. »Man darf den Schauspieler nicht mit seiner Rolle verwechseln.« Emotional lässt er nicht tief blicken. Den Menschen Postel und seine Beweggründe lernt man an diesem Abend nicht kennen.

Seine zynische Art und lockere Einstellung zu den gesellschaftlichen Regeln und Gesetzen stößt auf Begeisterung beim Publikum. Da ist es nicht so schwerwiegend, dass er auf kritische oder zu »naive« Zuschauerfragen schnippisch bis arrogant reagiert. Schließlich beweist er auch Selbstironie, als er meint, dass es ihn verblüffe, dass er immer noch für sein sozialauffälliges Verhalten beklatscht wird.

Wie man auch immer zu seiner moralisch-fragwürdigen, kriminellen Laufbahn steht – Postel saß dafür vier Jahre im Gefängnis: Seine Erlebnisse sind zweifelsohne faszinierend. (GEA)



Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Die GEA-Kampagne

200 Jahre Fahrrad

Geschichten, Messe, Touren, Gewinnspiel: Der 200. Geburtstag des Fahrrads wird  gefeiert, und der GEA ist mit einer großen Kampagne dabei
Geschichten, Touren, Hintergründe: Der 200. Geburtstag des Fahrrads wird gefeiert, und der GEA ist mit einer großen Kampagne dabei.
lesen » www.gea.de/fahrrad
Parteien

Groko und Co.: Die Optionen bei der Regierungssuche

Dunkle Wolken ziehen über das Kanzleramt in Berlin. Foto: Wolfgang Kumm
Vor vier Jahren waren Union und SPD schon etwas weiter bei der «Operation große Koalition». Am 14. Dezember 2013 stimmten 75,96 Prozent der SPD-Mitglieder für den Koalitionsvertrag, der Weg zur Wiederwahl von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war frei.
lesen »
Unfälle

Flugzeugabsturz - Suche nach der Ursache

Eine Cessna war auf dem Weg von Frankfurt-Egelsbach nach Friedrichshafen dort abgestürzt. Drei Menschen kamen bei dem Absturz ums Leben.
Sie wollten von Frankfurt nach Friedrichshafen fliegen - doch kurz vor dem Ziel stürzt eine Cessna mit drei Insassen in einem Waldgebiet ab. Unter den Opfern ist auch der Unternehmer Josef Wund. Die Ursache für das Unglück ist noch unklar.
lesen »

Tournee-Test: Deutsche Serie, ein Rückkehrer und Ammann

Die DSV-Adler sind derzeit auch international der Maßstab. Foto: Patrick Seeger

Engelberg (dpa) - Im malerischen Engelberg hoffen ... mehr»

Lichtblick in der Trauer

**REUTLINGEN. **Einen nahen Angehörigen zu verlier... mehr»

Institut: Mehr Deutsche spenden im Durchschnitt mehr Geld

Köln (dpa) - Immer mehr Bundesbürger spenden im Du... mehr»

Ministerpräsident: Sondierungszeitplan «ambitioniert, aber machbar»

Hannover (dpa) - Niedersachsens Ministerpräsident ... mehr»

Großbrand auf Schrottplatz: bis zu 1000 Autowracks in Flammen

Recklinghausen (dpa) - Bei einem Feuer auf einem S... mehr»

Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Videos
Aktuelle Beilagen