INTERVIEW - Kabarettist Rüdiger Hoffmann über die Kunst der Langsamkeit und den deutschen Spießer in sich
»Privat kann ich auch schneller«
REUTLINGEN. Kaum ein Kabarettist kann so genüsslich die Langsamkeit zelebrieren wie Rüdiger Hoffmann. So gedehnt er spricht, so provozierend er die Pausen setzt, alles hängt ihm an den Lippen. Denn jeder weiß, der scheinbar so gemütliche Typ wird gleich wieder eine faustdicke Gemeinheit vom Stapel lassen. Da fragt sich doch: Spielt da einer nur auf der Bühne den entschleunigten Fiesling oder ist er sonst auch so? Armin Knauer hat nachgefragt.
Rüdiger Hoffmann sieht sich selbst als Geschichtenerzähler. FOTO: KEMPKE
GEA: Herr Hoffmann, was uns alle brennend interessiert - sind Sie privat genauso wie auf der Bühne?
Rüdiger Hoffmann: (gedehnt) Äääähm - weiiiiiß ich jetzt niiicht - Spaß beiseite, ich glaube, ein bisschen was fließt davon auf jeden Fall mit ein. Aber ich kann privat auch etwas schneller sprechen, wenn's sein muss. Es ist also schon viel von mir drin in der Figur. Wenn man aus Paderborn kommt, kann man seine Wurzeln nicht ganz ablegen.
Wie viel Prozent von Ihnen stecken da in dieser Figur, würden Sie sagen?
Hoffmann: Das kann man schwer sagen. Ich zeige in der Figur ja eher Seiten, die ich sonst nicht so extrem auslebe (lacht). Ich schlüpfe da ja oft in sehr gemeine und böse Rollen. Im privaten Leben bemühe ich mich, nicht ganz so zu sein.
»Ich zeige in der Figur Seiten, die ich sonst nicht so extrem auslebe«
Kann man sagen, Sie lassen auf der Bühne das Böse in sich raus?
Hoffmann: Ich würde eher sagen den typischen deutschen Spießer, der eben auch in mir drinsteckt.
Und das Publikum darf den Spießer in sich selbst entdecken -
Hoffmann: Genau! Die Kunst ist, dass man es immer nur ein klein wenig übertreibt. Dann lachen die Leute, weil sie meinen, so jemanden zu kennen - oder sie erkennen sich teilweise selber. Das ist es, wie die Sache funktioniert.
Das zu treffen, hängt von der Genauigkeit der Beobachtung ab. Wo kriegen Sie diese Beobachtungen her?
Hoffmann: Das passiert mir ganz automatisch. Wenn ich über den Markt gehe und ich höre im Vorbeigehen irgendeinen Satz, da geht bei mir schon eine Geschichte los im Kopf. Und schon ist die Idee für eine neue Nummer da, das ist eine Art Automatismus bei mir.
Was für ein Verhältnis haben Sie denn zum deutschen Spießer?
Hoffmann: Ein sehr widersprüchliches. Zum einen finde ich ihn schrecklich. Zum andern steckt das aber doch auch in jedem drin. Dass man ganz genau nachzählt, ob es auch wirklich acht Kostbarkeiten sind. Oder dass man dem Mitbewohner mal zeigt, wie man mit dem Schwamm richtig durchwischt. Das hat man in sich drin, und wenn man es auf eine humorvolle Weise darstellen kann, dann befreit man sich eigentlich auch schon wieder ein bisschen davon.
Ihr Thema sind die Niederungen des Alltags. Ist man da nicht irgendwann durch?
Hoffmann: Anscheinend nicht. Ich feiere dieses Jahr 25-jähriges Bühnenjubiläum, und die Geschichten gehen mir nicht aus. Es ist eher so, dass ich bei der Vorbereitung eines Programms immer auswählen muss, was ich weglasse.
Gehören Sie zu denen, die zum Schreiben totale Ruhe brauchen?
Hoffmann: Ich hab bei mir so ein Studio im Haus, in das ich mich zurückziehe und wo ich meine Ruhe habe. Aber ich kann auch am Strand schreiben, das habe ich schon öfter gemacht. Zu der Arbeit gehört ja auch, dass man ständig Ideen sammelt. Ich notiere viel in Notizbücher oder in mein Handy, das neuerdings auch wie so eine Art Notizblock ist. Wenn ich dann schreibe, setze ich mich hin und schaue die ganzen Notizen durch. Ich kann dann auch Ideen ausschreiben, die ich vor zwei Jahren nur so mal in einem Satz notiert hab. Das geht nicht verloren. Das auszuschreiben ist aber dann schon richtig Arbeit.
»Wenn man gewisse Pausen lässt, entstehen die Bilder im Kopf«
Sind Sie da der ganz disziplinierte Typ, der sich wirklich acht Stunden ransetzen kann?
Hoffmann: Ja, schon, wenn ich damit anfange, dann fällt es mir eher schwer, wieder aufzuhören. Wenn ich so drin bin, merke ich gar nicht, wie viel Stunden das jetzt waren. Da geht man zwischendurch mal kurz einen Kaffee trinken, dann geht's schon weiter. In dem Moment bin ich ein bisschen besessen.
Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, dass Langsamkeit ein Erfolgsrezept für einen Komiker sein kann?
Hoffmann: Ich glaube, es liegt auch an meiner Herkunft. Als Ostwestfale ist man ja schon eher so, dass man langsamer spricht und nicht viele Wörter benutzt. Ich sag immer, wenn Jesus Ostwestfale gewesen wäre, dann hätte das Neue Testament auf eine DIN-A4-Seite gepasst. Das ist das Eine. Das Andere ist: Ich sehe mich als Geschichtenerzähler. Und dabei habe ich gemerkt, wenn man gewisse Pausen lässt, dann entstehen die Bilder in den Köpfen der Zuschauer. Ich könnte das alles viel schneller erzählen, aber ich habe gemerkt, die Geschichten, die ich erzähle, brauchen genau dieses Timing. Abgesehen davon finde ich auch, wenn man Pausen halten kann, dann entstehen ganz tolle Sachen im Publikum. Die spannenden Momente sind genau die, in denen man nichts sagt! (GEA)
HOFFMANN IN REUTLINGEN
Rüdiger Hoffmann kommt mit seinem Programm »Obwohl ?« am 17. April nach Reutlingen. Sein Auftritt - vom GEA als Medienpartner unterstützt - beginnt um 20 Uhr in der Listhalle. Es gibt noch Restkarten. (GEA)
Die Liste der Cannes-Stars auf dem Festival ist lang. Einer aber versetzte die Fotografen, Journalisten und Autogrammjäger wieder in fast hysterische Aufregung: Brad Pitt.