Literatur - Martin Walser liest im Tübinger Sparkassen-Carré quer durch seine Novelle »Mein Jenseits«
»Berge besteigen, die es nicht gibt«
TÜBINGEN. Martin Walser zieht. Rund 450 Besucher füllten am Dienstagabend das Sparkassen-Carré, um ihn aus seiner fast noch druckfrischen Novelle »Mein Jenseits« lesen zu hören. Dank der jahrzehntelangen guten Kontakte hatte er der Buchhandlung Osiander eine seiner einzigen beiden Autorenlesungen in Baden-Württemberg zugesagt. Die andere bekam Weingarten, wo die Novelle spielt - allerdings unter dem Namen Scherblingen.
Martin Walser (82) lässt in Tübingen den lapidaren Witz seiner Novelle »Mein Jenseits« spürbar werden.
FOTO: Uschi Pacher
Nach Tübingen war auch Walsers neuer Verleger gekommen: Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, der mit dem neuen Werk des Großschriftstellers die Literatursparte seines Verlags für intelligent-leichte Wissenschaftsliteratur, »Berlin University Press«, höchst effektiv eröffnen konnte. Das Buch ist schon äußerlich ausgesprochen schön, allerdings mit fast zwanzig Euro für 119 Seiten auch schön teuer.
Ein Vorfahr war Abt
Wie schon in Walsers letzten Büchern geht es darin ums Alt-Werden - und ums Halt finden in einer unsicheren, von einem Nebenbuhler und unerfüllter Liebe getrübten Welt. Der Held Augustin Feinlein, Chefarzt des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Scherblingen, pflegt eine Neigung zu Reliquien der katholischen Kirche und liebt die Dunkelheit der Stiftskirche, in der schon sein Vorfahr als letzter Abt des Klosters spirituellen Trost gefunden hat. August Feinlein, der mit 63 aufgehört hat, seine Lebensjahre zu zählen, erschafft sich sein Jenseits durch Glaubensleistungen: »Glauben heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt.«
Das Irrationale dieser Haltung, das Unerklärliche im Wesen Feinleins, der schließlich zum Reliquiar-Dieb wird, erhielt im Vortrag Walsers eine ganz eigene Qualität. Seine schwere süddeutsche Zunge, sein raues R und seine prägnante Betonung erdeten die Erzählung, und aus der Perspektive des unbedarft Beobachtenden wirkte vieles komisch. So wurde oft eine satirische Absicht erkennbar, die man bei der Lektüre nicht unbedingt gemerkt hätte.
Viel Gelächter rief die Schilderung der schwimmerischen Höchstleistungen der fabelhaften, Latein sprechenden Eva-Marie im Bodensee hervor. Diese Ex-Geliebte, deren Schenkel ihn unablässig verfolgen, verlor Feinlein zuerst an einen Grafen Wigolfing, der an der Eiger Nordwand erfror, und dann an seinen jungen Oberarzt Dr. Bruderhofer. Mit dessen oft wiederholtem Namen geht Augustin Feinleins Qual einher.
Echt durch den Glauben
Walser bot mit seinen Lesepassagen einen Streifzug quer durch die Novelle, »sodass vorstellbar werden kann, um was es sich handelt«. Stets trieb der Text wieder auf die Glaubensfrage zu. »Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.« Und von seinem Vorfahr, dem Abt, hat Feinlein angenommen, dass es nicht wichtig ist, dass Reliquien echt sind: »Nur durch den Glauben werden sie echt«.
Um Martin Walser und seinem Jenseits auf die Spur zu kommen, bot die Lesung jedoch zu wenig. Nach fünfzig Minuten war Schluss und es ging zum Signieren. Ein Gespräch mit ihm, wie es sich mancher gewünscht hätte, war nicht vorgesehen. (GEA)