Baltistan Virgin Summit Expedition - Reutlinger Extrembergsteiger, Stadtrat, Professor und Chemiker Jürgen Straub und seine Partnerin Gabi Schneider in Pakistan
Zwischendurch ein Hallo aus Pakistan
Der Reutlinger Extrembergsteiger Jürgen Straub und seine Partnerin Gabi Schneider schicken dem GEA und seinen Lesern einen Zwischenbericht von ihrer Expedition in Pakistan. Spannende Eindrücke, zusammengefasst in einer Art Reisetagebuch.
Neue Bilder aus Pakistan schickten uns am 24.08. Jürgen Straub und Gabi Schneider. FOTO: PR
Unsere Expeditionsreise hat sehr gut begonnen. Alles lief perfekt: Der Flug ging von München über Abu Dhabi nach Islamabad und schon wenige Stunden später konnten wir weiterfliegen in den wunderschönen Norden von Pakistan nach Skardu in Baltistan, schreiben Schneider und Straub. Der Provinz, wo die hohen gewaltigen Bergriesen unserer Welt eine andere Dimension geben. Hier stehen fünf der höchsten Berge der Welt, darunter der zweithöchste, der K2 in den Karakorum Bergen und der noch zum Himalajagebirge gehörende Nanga Parbat.
Er reguliert im Normalfall das Wetter zwischen der Monsunregion südlich und dem zentralasiatischen Wetter nördlich von ihm.
Das hat in diesem Jahr nicht funktioniert. Der aus dem Norden kommende Indus-Fluss wurde durch ungeahnte Regenmassen im sonst wüstenhaften Ladakh so sehr gespeist, dass seine Geschwindkeit und seine Wassermassen auch hier im Norden zu erheblichen Schäden geführt haben.
So nach und nach konnten wir dies erst richtig sehen und miterleben. Doch eins nach dem anderen. Nach guter Landung ging es flott ans Auspacken der Bikes. Alles ok, sauber zusammen gebaut, aber Schreck lass nach: Es fehlt von meinem Fahrrad eines der wichtigsten Teile. Die Steckachsen um die Räder zu fixieren. Wo sind sie, fragt sich Gabi Schneider. Durch irgendeinen Spalt aus der Kiste geschlüpft? Womöglich zu Hause? Es wird uns ein Geheimnis bleiben.
Was tun? Wir suchen den Bazar von Skardu ab, nach einen Fahrradhaendler und werden fündig. Alle sind unendlich hilfsbereit. Aber ohne Erfolg. Unsere Hightech-Räder sind meilenweit von den hier erhältlichen Standard entfernt. Es gibt einfach nichts Vergleichbares. Hier werden die Räder völlig anders fixiert. Bei den Mechanikern dasselbe. Alle wollen helfen, können es aber mangels Material nicht.
Letztendlich sind wir soweit, dass aus einem Moped die Bremsstange ausgebaut wird und der Mechaniker dreht sie so dünn wie wir sie brauchen und schneidet ein Gewinde darauf. Jetzt kann es endlich losgehen. Auf unserer Strecke an einem herrlichen, klaren Bergsee vorbei in Richtung Deosai Plateau werden wir zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht, dass die wichtigste Passage, nämlich die einzige Hängebruecke zerstört ist. Ein Jeep der unachtsam darüber gefahren ist, kippte mitsamt der Hängebruecke und hat sie dadurch aus den Verankerungen gerissen.
Die vier Personen, die im Fahrzeug waren, sollen im eiskalten Wasser ums Leben gekommen sein, erzählen die Abenteurer. Bei solchen Horrormeldungen wird einem Angst und Bang. Wir sind weitergefahren. Allerdings nur bis zum nächsten Ort. Hier sind wir dann überzeugt worden, dass dieser Strecke keinen Sinn macht. Wir kämen höchstens noch einen Tag weiter, bräuchten dann aber die Brücke zur Flussueberquerung. Die existiert definitiv im Moment nicht mehr. Sie wird wieder errichtet, nur wann?? Inshalllah.
Also zurueck nach Skardu. Planänderung. Fahrt durchs Industal nach Gilgit, der Provinzhauptstadt hier oben. Für Lkws gibt es kein Durchkommen aber für kleine Fahrzeuge und schon gar für Fahrraeder ist es möglich, auf dieser Strecke wieder zu fahren. Hier waren die Militärbautrupps schon richtig am Werkeln und haben die Strecke notdürftig nach den vielen Murenabgaengen wieder fahrbereit gemacht.
Los gehts! Am frühen morgen ist es in Skardu wie ausgestorben. Alles schläft noch. Wir radeln in aller Stille durch den Basar und aus dem Ort. Vorbei am Flughafen bis hin zu einer riesigen Sandbank. Jetzt steht sie unter Wasser. Die Bäume einer Aprikosenplantage stehen gut und gerne noch zwei Meter unter Wasser. Wir radeln am Rand dieses Beckens vorbei. Die Indusbrücke, eine tolle Holzkonstruktion, ist betriebsbereit. Der Brückenwaerter winkt uns zu. Die Strecke ist gigantisch. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich die Schlucht fast 1000 Meter tief eingeschnitten.
Wir passieren wunderschöne, bewirtschaftete Oasen. Die Menschen sind freundlich und feuern uns an, fast wie wir es von der Tour de France her kennen. Sie sind eifrig am Ernten und guter Dinge. Es spricht sich das Elend aus dem Süden des Landes nicht so leicht bis in diese Gegend herum. Unsere Strecke kreuzt ein bisher noch nie gesehener, etwa einen halben Meter großer Leguan. Er ist fast schwarz und hat eine dicke Schuppenhaut. Erst auf dem gemachten Bild sehen wir, dass am Hals ein wunderschöner orangfarbener Streifen verläuft. Passend zum Karakorumgebirge, denn dies bedeutet "schwarzes Gebirge", ist diese Echse somit bestens getarnt. Wir hatten Glück.
Der nächste Schock lässt nicht lange auf sich warten. Nach einer Wegbiegung sehe ich Jürgen auf dem Boden sitzen, den Reifen auf dem Schoß, beschreibt Gabi Schneider. Also einen Platten. Drei aufmerksame Beobachter scharen sich bereits um ihn. An einer total unglücklichen Stelle, am Ventil. Vermutlich hat das Gewicht des Anhängers seinen Anteil an diesem Plattfuß. Jürgen flickt die Stelle mit mehreren Flickpflastern. Aufpumpen, es hält. Weiter geht's. An einigen Wasserfurten nutzt es nichts, die Füße hochzuziehen.
Sie sind so tief, dass wir immer wieder gebadet werden. Tragen, fahren schieben, ziehen alle Variationen sind zum Weiterkommen erforderlich. Das Militär baut eine Behelfsbrücke auf. Wir sind in der Lage über die einzelnen vorhandenen Eisenteile zu balancieren. Andere Fahrzeuge müssen warten bis es irgendwann weitergeht.
Wieder ein Plattfuß, an derselben Stelle. Jetzt wird Jürgen radikal. Der vorhandene Ersatzschlauch wird verwendet. Der hält die nächsten 20 Kilomneter und gibt dann wieder an der gleichen Stelle, am Ventileinsatz, den Geist auf. Das haben wir auf all unseren Reisen noch gar nie erlebt. Flicken, aufpumpen, fahren und bald wieder einen Plattfuß. Solidarisch schiebe ich neben Jürgen das Rad, erzählt Gabi Schneider. Nach vielen, vielen Kilometern unfreiwilligen Schiebens, wir wollten unsere Wanderkraft eigentlich für die Berge aufbewahren, erhalten wir inmitten einer heftigen langen Steigung Hilfe.
Ein weißer Pickup mit einem freundlichen, dicken Herrn hält neben uns an und bietet in perfektem Englisch seine Hilfe an. Er muss zunächst den militärischen Bautrupp einsammeln, damit pünktlich gegen 19 Uhr das Fastenbrechen eingehalten werden kann. Es ist Ramadan und gegessen wird erst nach Einbruch der Dunkelheit.
Bald kommt der Pickup gefüllt mit Männern zurück und im Gefolge gleich noch ein altersschwacher roter Jeep. In den werden schnell die Räder und der Anhänger verladen. Wir dürfen in der Fahrerkabine Platz nehmen.
Nach ein paar Kilometern erreichen wir eine kleine Siedlung. Vor dem Militärcamp wird abgeladen und er zeigt uns den Weg ins "Hotel" hier. Dort wird flugs das gesamte Fuhrwerk in den ersten Stock getragen und ins Zimmer gestellt. Zimmer? Es ist wohl die übelste Absteige, die wir auf allen unseren Reisen je erlebt haben. 0,01 Sterne Kategorie. Der Schullehrer wird aktiviert, er vermittelt uns einen Mechaniker.
Der nimmt das Rad mit. Wir sind gespannt. Nach zwei Stunden bringt er das Hinterrad voll aufgepumpt zurück. Er meint, das hält nun für alle Zeiten. Auf unseren Isomatten verbringen wir die Nacht. Jürgen wird von den vorhandenen "Betttieren" übelst zugerichtet. Er leidet jetzt noch unter den Bissen und Stichen.......
Schwupp, schnell verlassen wir bei Tagesanbruch diese höchst ungastliche Stätte.
Jetzt geht es eine lange Strecke bergab. Wir sind vergnüglicher Dinge. Die Landschaft zeigt all ihre Reize. Die hohe Fließgeschwindigkeit des Indus verblüfft uns immer wieder und wir fotografieren mit Genuss.
Die nun folgende Nacht in unserem kleinen gelben Bungalow - gemein auch Zelt genannt - verbringen wir in Ruhe. Der Indus biegt in seinem Verlauf nach Süden ab und der Nanga Parbat begrüßt uns in einem tollen Morgenlicht, schwärmen die Abenteurer. Vor mir sehe ich ein kleines Drama. Jürgen schlingert über die Straße und kann sich gerade noch fangen. Der Reifen ist wieder platt.
Diesmal hat es den Schlauch zerrissen, das ist nicht mehr reparabel. Schluss, aus, vorbei. Am Straßenrand sitzend warten wir stundenlang auf eine Mitfahrgelegenheit. Ein Polizeifahrzeug hilft, nimmt uns mit und wir sitzen nun im Hotel in Gilgit. Guter Hoffnung einen passenden Schlauch zu finden. Bisher hat sich nur chinesischer Schrott finden lassen. Aber hier ist alles möglich. Inshallah.
Weltenbummler
Foto: Prof. Dr. Jürgen Straub