Reisen
Frankreich - Eine Region Frankreichs, die viel besser erreichbar und erschwinglicher als der Süden ist

Voll auf Kreide und Calvados in der Normandie

VON STEPHAN ZENKE

Die Küste, die man in Frankreich kosten sollte, ist nicht die Cote d’Azur. Wirklich nach Meer und vielem mehr schmeckt die Normandie. Vorurteile über das angeblich schlechte Wetter im Norden sind spätestens seit dem Kinofilm »Willkommen bei den Sch’tis« ausgeräumt, viele Vorteile im Vergleich zum Süden liegen dagegen auf der Hand und der Landkarte. Diese nördliche Provinz der Grande Nation kommt in Kilometern und Euro gerechnet deutlich günstiger. Keine Weltreise dorthin zu fahren, kein Problem ein erschwingliches Ferienhaus zu mieten.

Der Blick auf die Kreidefelsen von Etretat ist den schweißtreibenden Aufstieg wert.  FOTO: ZEN
Der Blick auf die Kreidefelsen von Etretat ist den schweißtreibenden Aufstieg wert. FOTO: ZEN
Etwa im Dorf Saint Pierre-en-Port in der Region Haute-Normandie, zweihundert Kilometer nördlich von Paris. Überall sorgsam gehegte Häuser aus Klinkersteinen, alle ducken sich mit höchstens zwei Stockwerken vor dem kräftigen Wind. Die Gemeinde besitzt sogar so etwas wie ein Geschäftszentrum. Jawohl, hier gibt es einen Metzger und einen Bäcker, zwei kleine Supermärkte sowie eine Bar für den obligatorischen Calvados zum Cafe Creme. Nicht weit weg vom Zentrum sind die Wellen und der Kiesstrand und eine steile Küste mit Kreidefelsen, alles ganz typisch für die Orte hier. Die See ist so rauh wie die Landschaft oder der Apfelbranntwein.

Kein Massentourismus


Gewundende Sträßchen führen die Küste entlang. Vereinzelte Anwesen lassen vermuten, dass hier wirklich auch Einheimische zu Hause sind. Keine Bettenburgen, Hotelanlagen, sonstige Nebenwirkungen von sowas wie Massentourismus. Die Normandie ist normal geblieben.

Gemütliche Gelassenheit macht sich breit, und ist zusammen mit Licht und Natur wohl auch der Reiz für bekannte Künstler des Impressionismus gewesen, die hier an vielen Orten gelebt und gearbeitet haben.

Ein besonders berühmter ist der Plage des Petit Dalles. Über Stoppelfelder führt der Wanderweg GR 21 perfekt schattig durch den Wald runter zu den Grand Dalles, dann auf der anderen Seite wieder hoch auf die Kreidefelsen, um schließlich nach einer Stunde steil abwärts den Blick auf den Strand von Petit Dalles und einige Backsteinhäuser freizugeben. Der Zauber des Ortes hat Prominente angezogen: Jules Verne war ebenso hier wie Gustave Eiffel oder Kaiserin Sissi. Eine Tafel an der Uferpromenade erinnert an Claude Monets genau hier 1880 gemaltes berühmtes Bild »Les falaises des Petites Dalles«. Viel mehr als beispielsweise Antibes oder Cannes vermittelt der Flecken eine vornehme Abgeschiedenheit sowie den Wohlstand von Vergangenheit und Gegenwart. Die alten Häuser sind teils vergammelt, aber ihre Backsteinarchitektur lässt in Details wie aufwändigen Verzierungen erkennen, dass hier mal reiche Leute gewohnt haben. Typisch französisch: den Zugang zum Meer können sich auch Millionäre nicht kaufen, hier darf jeder laufen. Was sehr praktisch ist, denn auch andere Sehenswürdigkeiten sind ideal für Spaziergänge.

Eine aussichtsreiche Wanderung über den berühmtem Klippen von Etretat hat etwa folgende Charakteristik: Steil nach oben schwitzen, damit man schwindelerregend steil nach unten blicken kann. Das Abenteuer auf einem der ausnahmsweise mal halbwegs brauchbar ausgeschilderten Wege startet am Casino des Strandbads, das touristisch bestens erschlossen, aber dennoch Spuren seines normannischen Ursprungs erhalten hat.
Es geht in Gesellschaft heftig aufwärts. Mehrere Kreidefelsen stehen im Meer. Die Aussichten sind grandios, und je weiter sich der Wanderer vom Strandbad entfernt, umso menschenleerer wird die Landschaft. Ganz anders sieht’s in den großen Städten der Normandie aus, die manchmal unerwartete Reize offenbaren.

Überraschung Le Havre

Le Havvre ist nur auf den ersten Blick hässlich. FOTO: ZEN
Le Havvre ist nur auf den ersten Blick hässlich. FOTO: ZEN
Le Havre ist so eine Überraschung. Von Beton und rechten Winkeln schreibt der Reiseführer, die dazugehörigen Fotos lassen wenig Schönes erwarten. Stimmt alles, aber dann doch nicht. Je länger der Besucher durch diese Planstadt läuft, umso mehr er von der tragischen Geschichte des zweitgrößten Hafens Frankreichs erfährt, umso mehr entsteht ein ganz anderes Bild von Le Havre. Unvermeidlich der Blick zurück.
In nur 48 Stunden legten britische Bomber 1944 die von den Deutschen besetzte Stadt in Schutt und Asche. Der Wiederaufbau wurde zur Meisterleistung und zum Lebenswerk von Architekt Auguste Perret. Dieser Mann hat mit modernstem Betonbau, industrieller Fertigungstechnik sowie vor allem reichlich Gedanken an die Bedürfnisse der Bewohner eine funktionierende Stadt aus Trümmern geschaffen, ist seiner Zeit weit voraus gewesen. Die scheinbar nur hässliche Uniformität der Häuser hat gute Gründe, deren Kenntnis die Perspektive des Betrachters verändert. Alle Gebäude sind in Beton-Skellettbauweise schnell gewachsen. Der Lebensraum für die Ausgebombten ist dabei ähnlich durchdacht durchgestaltet wie etwa das Interieur der Stuttgarter Weissenhof-Siedlung.

Perret lässt das Tageslicht durch die Wohnung hindurchscheinen, während die Möbel wie Schränke oder Regale ein Baukastensystem darstellen, das den Bewohnern später unzählige Kombinationsmöglichkeiten bietet. Einfach beeindruckend. Der Kontrast zwischen Außenansicht und inneren Werten ist besonders bei der katholischen Kirche Saint Joseph dramatisch.

Das Gottenhaus sieht wie eine graue russische Rakete aus Beton aus, die noch nicht gestartet ist. Aber der Kirchenraum selbst bezaubert durch das Licht unzähliger Fenster, die farbige Lichtpunkte je nach Sonnenstand werfen, sowie dem scheinbar bis zum Himmel reichenden Blick in den 107 Meter hohen Turm. Selten ist außen so pfui und innen so hui. Woanders wird Geschichte verkauft.

Überall ist Invasion

Bedrückend ist der amerikanische Soldatenfriedhof beim Ohama-Beach. FOTO: ZEN
Bedrückend ist der amerikanische Soldatenfriedhof beim Ohama-Beach. FOTO: ZEN
Jeder, der den Spielfilm »Saving Private Ryan« gesehen hat, kennt diese bewegende Aussicht: Der Blick schweift über endlose Reihen weißer Grabkreuze auf makellos grünem Rasen. Den Horizont bildet das bezaubernde Meer, aber der Strand davor ist ein brutaler Ort: Ohama-Beach. Hier starben am D-Day, dem 6. Juni 1944, tausende amerikanische Soldaten im deutschen Maschinengewehrfeuer, ertranken in ihren Panzern auf hoher See, wurden von Landminen zerfetzt. Genau 9387 liegen auf dem größten amerikanischen Soldatenfriedhof außerhalb der USA in Colleville-sur-Mer begraben, die Namen von 1557 Vermissten sind in Stein gemeißelt. Krieg ist im Friedhofs-Museum eine saubere Sache. Keine Bilder von zerfetzten Leichen oder zusammengeflickten Verletzten, in einer Vitrine liegt nur ganz jugendfrei der Verbandskasten der Sanitäter. Keine Rede von den Leiden der Zivilbevölkerug. Die weißen Kreuze machen dennoch sprachlos betroffen, und wenn da nicht die ständig knatternden Rasenmäher wären, würde wirklich Stille herrschen. Wie prägt der D-Day, die Invasion, diesen Teil der Küste?

D-Day ist überall, nirgendwo ist man sicher. 80 Seiten hat der »Visitors Guide to the Landing Beaches and the Battle of Normandy«, der überall ausliegt. Weil hier offenbar jeder, der irgendwelchen militärischen Müll gesammelt hat, ein Museum daraus macht. Weil jeder Bunker zur begehbaren Gedenkstätte und jeder Wanderweg an der Steilküste zum Memorial Trail hochstilisiert wird. Vielleicht ist die Erkenntnis zu enttäuschend, dass es so lange Zeit danach eigentlich garnichts mehr zu sehen gibt. Außer vom Rasen bedeckte Bombenkrater und verwitterte Reste des Atlantikwalls wie am Pointe du Hoc nördlich vom Ohama Beach. Hoch über dem Meer hatten »die Nazis« hier eine Artilleriebatterie installiert, die von amerikanischen Rangers unter hohen Verluste erobert worden ist. Besucher turnen dort auf Bunkertrümmern herum, die jetzt ein Geländer haben, oder füttern im Schatten von Kanonenschlitzen ihre Kleinkinder. (GEA)

Tipps für einen gelungenen Normandieurlaub

LE HAVRE. Wer in der Normandie Ferien macht, sollte vor allem Ruhe und Natur schätzen, sowie gerne wandern. Unbedingt mitnehmen: Festes Schuhwerk, denn die Wege sind ebenso steil wie steinig. Anständige und möglichst schmutzunempfindliche Treter sind auch bei Wattspaziergängen unerzichtbar, denn der bei Ebbe betretbare Meeresboden besteht aus scharfkantigen Kreidefelsen.

Mit Netz und Besenstiel


Dafür gibt’s in jeder Wasserpfütze das pralle Meeresleben zu bewundern. Auf jeden Fall hinschauen: Sehr nett ist es auch, den Normannen bei der Jagd am Strand zuzuschauen. Männer sind mit runden Netzen an Besenstielen unterwegs. In den Maschen sind Fischstücke festgemacht. Netz und Köder werden unter die großen Felsen geschoben und kurze Zeit später herausgeholt. Jedes Mal sind sowohl Krabben als auch Garnelen im Netz. Es scheint so, als ob hier jeder sein Seafood-Menü selbst aus dem Meer holen kann. Für Touristen ohne passendes Handwerkszeug tut’s auch die Fischtheke im nächsten Supermarkt, die passend zur Feinschmeckernation gut bestückt ist. Urlauber, die gerne kochen und schlemmen, sind in der Normandie genau richtig. Lecker sind nicht nur Meeresfrüchte aller Art, sondern auch die landestypischen Backwaren aus der ortsansässigen Boulangerie. Wer eher auf Kultur als auf Kalorien steht, muss sich ins Auto setzen. Abgesehen von der französischen Formel, nach der alle größeren Städte mindestens eine Kathedrale und eine putzige Altstadt besitzen, gibt es wenige wirkliche Sehenswürdigkeiten – jenseits von vielen Museen und Ausstellungen rund um die Invasion.

Meister des Impressionismus


Gänzlich friedlich ist das Musée d'art moderne André Malraux in Le Havre. 1961 am Meeresufer errichtet, zeigt das Museum Werke von Eugène Boudin und weiteren Meistern des Impressionismus. Man ist schnell durch, aber die Lage des Kulturtempels macht den Weg zur Hafenrundfahrt, die richtig spannend ist, kurz und schmerzlos. Keinesfalls in Le Havre verpassen: Ein Besuch im Appartement Témoin Perret, einer Musterwohnung des berühmten Architekten und Schöpfers des modernen Le Havre, zu finden passenderweise am Place Auguste Perret.

Was man dringend lassen sollte, sind Wanderungen direkt an der Steilküste ohne vorher zweierlei genau geprüft zu haben: Erstens, wann kommt das Meer wieder, sonst wird’s unter Umständen richtig fies nass. Zweitens, gab’s hier möglicherweise erst vor kurzer Zeit einen Felsabsturz. Die Warntafeln am Strand sollten sehr ernst genommen werden, sonst endet der Urlaub möglicherweise als tödliches Unglück. (GEA)
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