Reisen
Jenesien - Grandiose Ausblicke und Wanderparadiese hoch über Südtirols Hauptstadt Bozen

Die Sonnenkönige

VON PHILIPP FÖRDER

Jenesien bietet spektakuläre Ausblicke in die nahen Dolomiten. FOTO: FÖRDER
Es kam, wie es kommen musste. Ein heulendes Häuflein Elend im Bett, das zwischen zwei Schluchzern mühsam herauspresste: »Ich will nicht heim. Ich will noch hierbleiben.« Wir haben reagiert, wie Eltern in solchen Fällen immer reagieren: vernünftig. Haben beruhigt, getröstet, erklärt, dass der Urlaub schön war und jetzt eben vorbei ist. Und wollten eigentlich sagen: Wir bleiben da. Hier, im Gasthof Wieser, ein paar Kilometer außerhalb von Jenesien auf dem Tschöggelberg hoch über Südtirols Hauptstadt Bozen.

Grammatik außer Kraft

Hier oben ist die Residenz der Sonnenkönige. Kein Ort in Südtirol hat so viel Sonne wie Jenesien, und kaum einer hat diese Farbenpracht. In der Schule haben wir gelernt, dass sich Farben nicht steigern lassen, aber hier oben scheint dieses grammatikalische Gesetz außer Kraft. Wer im Sommer über die Almwiesen wandert, hat das Gefühl, dass das Gras grüner ist als grün. Und wer an einem sonnigen Spätherbsttag, an dem der Morgen kalt ist und Rosengarten und Latemar-Gruppe vom ersten Schnee bepudert sind, zum Himmel schaut, der sieht ihn blauer als blau und die Lärchen goldener als golden.

Dabei ist Jenesien auf den ersten Blick weniger einladend als manches andere Dorf in Südtirol. Der erste Blick, das ist meistens der von der Straße von Bozen herauf. Wer unten in der Stadt am G'scheibten Turm vorbei Richtung Jenesien fährt, kommt sich zunächst vor wie in einem Karussel. Im Wechsel zwischen Tunnel und Brücken schraubt sich die Straße den Berg hinauf, um wenig später zwischen den Weinbergen spektakuläre Ausblicke zu bieten über den Talkessel hinweg auf die nahen Dolomiten.

Weniger spektakulär ist der erste Anblick des Dorfs. Neubauten am Ortsrand wirken von Ferne wie eine Stadtmauer, deren Aufgabe ist es, Fremde abzuschrecken. Wer aber einmal im Ortskern angekommen ist, der weiß, dass er in Südtirol ist: Hotels, Gasthöfe, Wirtshäuser, der Metzger, die 1838/39 erbaute Pfarrkirche im Nazarener-Stil und daneben der wuchtige gotische Widum, das historische Zentrum Jenesiens.

Rücken an Rücken

Ganz oben am Waldrand liegt das Hotel Latemar. Von dort bietet sich eine grandiose Sicht. Unten, im Vordergrund, liegt das Dorf mit seinem spitzen Kirchturm. Dahinter ist das Sarntal als Einschnitt erkennbar. Dann folgen der Bergrücken des Ritten, das Eisacktal und am Horizont, doch scheinbar vor der Haustür, der wuchtige Schlern, der »heilige Berg« der Südtiroler.

Ein Haus auf dem Ritten zu haben gehört zu den Seligkeiten des Bozners. Doch der wahre Hausberg der Hauptstädter ist der Tschöggelberg. Sein Höhenzug, der Salten, ist ein Wanderparadies mit seinen lichten Lärchenwäldern, den Haflingern auf den Almwiesen, Gasthäusern, Hütten und, ganz hinten, auf etwa 2 000 Metern Höhe, den Stoarnernen Mandeln - jener sagenumwobenen Steinsetzung, die den Übergang zum Sarntal markiert.

Ein Wanderparadies mit Großstadtanschluss. Vom Ortsrand Jenesiens führt ein Seilbahn hinab nach Bozen, über Wiesen, Bauernhöfe und Weinberge. Wer seinen Urlaub in der Natur rund um Jenesien auf dem Bergrücken des Salten verbringt, der kann per Seilbahn einen Blitzbesuch in der Stadt machen, ohne lange auf Parkplatzsuche gehen zu müssen. Von der Talstation führt ein Fußweg an der Talfer entlang in einer Viertelstunde ins Zentrum. Wer unten ankommt, hat noch einen kleinen Spaziergang vor sich, dann ist er - nun ja, das kommt auf die Richtung an. (GEA)


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