Heimat und Welt
Rock −Die Rolling Stones greifen mit ihrem Album »Blue & Lonesome« ihre Wurzeln im Blues wieder auf

Zurück im Club

von dietmar schrade

»Es gibt die Sonne, den Mond und die Rolling Stones«, sagt Keith Richards. Und die Stones seit nunmehr 54 Jahren. Sie haben die Rockmusik geprägt wie keine andere Band. Es gab Ausflüge in die Country-Ecke (»Dead Flowers«), zum Punk (»Respectable«) und mit »Miss You« sogar einen Disco-Hit. Über all die Jahre blieben sie jedoch keinem anderen Musikstil so verbunden wie dem Blues.

London 1962: Eine rasch wachsende Schar von Musikern versammelt sich im Club von Alexis Korner, der als einer der ersten Weißen in Europa die Musik der schwarzen Blues-Pioniere auf die Bühne bringt. Muddy Waters, Little Walter oder Jimmy Reed hießen die Helden dieser jungen Wilden, darunter Eric Clapton, John Mayall oder eben auch Mick Jagger, Keith Richards, Brian Jones und Charlie Watts. Weiße Jungs, die schwarze amerikanische Musik lieben.

Am Anfang iher Karriere spielten die Stones ausschließlich Blues-Covers, ergänzt durch Rock 'n' Roll-Nummern von Chuck Berry. Als die kaum 20-Jährigen 1964 zum ersten Mal durch Amerika tourten, waren sie fassungslos darüber, dass ihre Helden dort kaum bekannt waren. Keith Richards berichtete, Muddy Waters habe in den Chess-Studios die Decke gestrichen, als die Stones dort aufnahmen.

Dies änderte sich mit dem Erfolg der ersten Stones-Platten . »Little Red Rooster« von Willie Dixon war 1964 ihr erster Nummer-1- Hit in Großbritannien. Plötzlich waren die Blues-Pioniere in ihrem Heimatland und in Europa angesagt, und die Rolling Stones hatten maßgeblichen Anteil daran. »Wir sind quitt«, sagte Muddy Waters später. »Wir haben die Stones bekannt gemacht und die Stones uns.«

Andere blieben stehen

Im weiteren Verlauf haben die Stones dann die puristischen Blues-Pfade verlassen, während Weggefährten von damals beim Blues stehen geblieben sind und letztlich, wie etwa Cream oder die Yardbirds, in einer musikalischen Sackgasse endeten. Aber auch die Rockmusik war irgendwann ausdefiniert: Die besten Rocksongs sind in den 60er- und 70er-Jahren erschienen, und auch den Stones selbst ist seit »A Bigger Bang« von 2005 nichts Neues mehr eingefallen – wobei auch dieses Album keine Glanzleistung mehr war. Allerdings hatten sie den Blues nie hinter sich gelassen, auf vielen Platten und bei Live-Auftritten haben sie ihren Idolen immer wieder gehuldigt.

Nun also ein ganzes Album ausschließlich mit Blues-Covern. Zwölf Klassiker des Genres, der Großteil aus den 50ern oder gar noch früher. Vier von Little Walter, dazu Jimmy Reed und Willie Dixon.

Und die Stones lassen es nochmal richtig rumpeln: Der Sound ist roh und ungeschliffen, teils minimalistisch, immer dreckig und wild. Spürbar wird eine unbändige Spielfreude bei fast jugendlicher Unbedarftheit. Richards und Wood spielen sich gegenseitig fesselnde Gitarren-Licks zu wie zu ihren besten Zeiten. Jagger singt so ungekünstelt wie schon lange nicht mehr (Ausnahme vielleicht »I can't quit you, baby«, das angestrengt klingt). Herausragend ist jedoch seine Bluesharp, die das Album stark prägt. Keith Richards sagt, Jagger sei noch nie so gut gewesen wie auf dieser Platte, die in nur drei Tagen in London im Studio von Mark Knopfler aufgenommen wurde.

Atmosphäre im Studio

Diese Atmosphäre spürt man auf jeder Nummer. Produzent Don Was griff nur wenig ein und ließ die ungeschliffenen Songs so puristisch wie möglich. Unterstützt wurden die Stones bei zwei Stücken von Eric Clapton, der gerade im Nebenraum aufnahm, und von ihren langjährigen Pianisten Chuck Leavell und Matt Clifford. So gibt es stampfenden Boogie mit Honky-Tonk-Piano (»Just your fool«), flehende Harp-Soli (»Blue & Lonesome«), aber auch starke langsame Cuts wie »All of your Love« oder »Little Rain«, das berührend romantisch daherkommt. Und das rockig-treibende »Ride em on down« war tatsächlich auf der Setlist beim allerersten Auftritt im Marquee-Club im Juli 1962.

Alles erinnert an den alten Sound der Chess-Studios – mit wenig Technik, aber viel Dreck unter den Fingernägeln. Hinzu kommt, dass die Herren Jagger und Richards wohl wieder miteinander harmonieren, nachdem sie jahrelang privat kein einziges Wort gewechselt haben. Auf Youtube gibt es ein anrührendes Video aus jüngster Zeit, in dem die zwei in einer trostlosen Garderobe nur zur Gitarre ein schlichtes, aber emotionales »Country Honk« darbieten. Das Album rockt und rumpelt aus einem Guss, die Songs klingen jederzeit nach Stones, lassen aber nie den Respekt vor den großen Meistern vermissen. Und so hat die Stones ihre unglaubliche Reise der letzten 54 Jahre quasi wieder in den Marquee-Club von 1962 zurückgeführt – musikalisch reifer und technisch besser, aber urwüchsig wie damals.

Viele hätten sich ein neues Stones-Album mit Eigenkompositionen gewünscht (so auch ich) – die Frage ist, ob es ein solches Album überhaupt noch einmal geben wird. Sollte »Blue & Lonesome« das letzte Werk und die Abschiedsplatte der Rolling Stones gewesen sein, dann könnte man sich kein besseres Vermächtnis wünschen. (GEA)



The Rolling Stones: Album »Blue & Lonesome« (Polydor)

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