Heimat und Welt
Alltag - Kleingeldmangel in Südamerika nervt Händler, Kioskbesitzer und Busfahrer. Sammelt die Mafia etwa die Münzen?

Warum Geldscheine ungern genommen werden

VON FRIEDERIKE RÜLL

In Argentinien Mangelware: Peso-Münzen. FOTO: dpa
In vielen lateinamerikanischen Städten gehören sie zum Alltag: lange Menschenschlangen, die morgens zwischen 8 und 9 Uhr vor den Banken warten. Es sind Besitzer von Restaurants oder Straßenständen, die Wechselgeld für ihr Geschäft eintauschen wollen. Für ein paar kleine Scheine oder Münzen warten sie manchmal Stunden. Denn viel geben ihnen die Banken nicht, und so werden die Händler später jeden Kunden fragen, ob er nicht bitte mit Kleingeld bezahlen kann. Wer etwas mehr von dem raren Kleingeld hat, kann damit sogar ein gutes Geschäft machen.

Kleine Läden und Kioske sind die Stütze des Einzelhandels in Ecuador, Peru und Bolivien. Alle Dinge des täglichen Gebrauchs werden hier angeboten ? gegen Kleingeld. Wer beispielsweise in der bolivianischen Hauptstadt La Paz etwas mit einem Schein zu 100 Bolivianos (knapp zehn Euro) bezahlen will, muss lange suchen, bis ein Händler ihn annimmt. Ein frisch gepresster Saft kostet schließlich nur drei Bolivianos. Doch die Geldautomaten zahlen meist nur große Scheine aus. Wer etwas kaufen will, muss sich also in die Schlange der Wartenden vor einer Bank einreihen und Kleingeld eintauschen.

In der argentinischen Metropole Buenos Aires werden zwar überall fast alle Geldscheine akzeptiert; die Stadtbewohner klagen aber über zu wenige Münzen. Sie brauchen sie, um die Busse zu benutzen, »Colectivos« genannt, die das wichtigste Verkehrsmittel sind. Tickets gibt es in den »Colectivos« nur an Automaten, und die schlucken nur Münzen. Die Busgesellschaften sollen die Münzen sammeln und sie den Banken geben, die sie dann über die Händler in den Geldkreislauf zurückführen. Soweit die Theorie. Doch die Händler gestalten ihre Preise oft so, dass sie Papiergeld herausgeben können, wie die Tageszeitung »La Gaceta« berichtete. Und die Passagiere hüten ihre Münzen wie einen Schatz, für die nächste Busfahrt.

Jeder weiß, dass es auch einen Schwarzmarkt für Münzen gibt, auch Ignacio Duelo von der Zentralbank Argentiniens. Warum er existiert, kann er sich nicht recht erklären. »Wir haben keine Münzknappheit« sagt er. Und rechnet vor: 658 Millionen Münzen sind im Land in Umlauf, für jeden Einwohner 16 Geldstücke (zum Vergleich: In der Eurozone sind es pro Person 26 Münzen). »Vor zwei Jahren hatten wir nur halb so viele Münzen, da gab es eine Kleingeldknappheit, aber heute nicht mehr«, sagt Duelo.

Renan Oropeza glaubt, es gebe »eine Mafia, die mit den Münzen Handel treibt und sie sammelt, damit sie knapp und wertvoll bleiben«. Vielleicht, so fügt er hinzu, »verkaufen sie sie sogar nach Chile, wo sie eingeschmolzen werden. (dpa)

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