Heimat und Welt
Zirkus - Gerald Regitschnig und Jan Dutler sind die Clowns der Cirque-du-Soleil-Show »Ovo«

Stinkkäfer und Mistfliege

von Monique Cantré

ZÜRICH. »Wir zwei haben Glück gehabt, wir verstehen uns«, lacht Jan Dutler. Er und Gerald Regitschnig sind als Clowns zentrale Figuren in »Ovo« und müssen gewissermaßen die Inszenierung mit punktgenauem Jux zusammenhalten. Die Produktion des Cirque du Soleil feierte ihre Europa-Premiere im Hallenstadion von Zürich und kommt Ende November auch nach Stuttgart.

Jan und Gerry sind zwei Kollegen, die es auf der Bühne leicht miteinander haben, wenn sie im straffen Korsett der Inszenierung ihre kleinen Freiheiten ausleben. Sie verbringen oft auch ihre Freizeit gemeinsam: »Wir gehen zusammen fischen, wandern, bergsteigen.« Ein halbes Jahr Tournee durch Nordamerika liegt hinter ihnen mit einem Bühnendasein als komische Krabbeltiere. Und wenn sie einander nicht leiden könnten? Jan: »Dann würden wir das wohl auf die Bühne tragen - das wäre wahrscheinlich auch lustig.«

Anders als die gewohnten Programme des Cirque du Soleil bringt »Ovo« nicht die spezielle geheimnisvolle Aura hervor. Die von einem brasilianischen Regieteam entwickelte Show ist vielmehr ein buntes, verspieltes Vielerlei von akrobatischen Sensationen mit der überaus attraktiven Idee, Insekten nachzuahmen. »Ovo« heißt auf portugiesisch »Ei«. Aus dem schlüpft ein vielgestaltiger Insektenkosmos: Chinesische Fuß-Jonglage-Damen lassen als rote Ameisen Kiwis rotieren, ein Dutzend Trampolin-Heuschrecken laufen an der glatten Wand hoch, russische Luftakrobaten-Skarabäen schleudern ihre Weibchen durch die Luft, ein Schmetterling entpuppt sich an einem Seil oder ein Glühwürmchen jongliert mit vier leuchtenden Diabolos auf einmal.

Gerry Regitschnig spielt den Master Flipo, einen aufgekratzt trippelnden Stinkkäfer, und Jan Dutler verliebt sich als »der Fremde« in Gestalt einer schlaksigen Schmeißfliege in eine pummelige Marienkäferdame. Beide tragen sie irrwitzige, aufwendige Kostüme - die übrigens nach jeder Vorstellung gewaschen werden. Die 25 Spikes des Fliegenkostüms müssen dabei jedes Mal entfernt werden. Neun Waschmaschinen und drei Trockner führt der Cirque du Soleil mit sich. Mit 23 Lastwagen enterte er für »Ovo« von seinem Heimatstandort Kanada aus Europa. Und wie fühlt es sich an, in der großartigen Kostümierung? »Sehr eng«, stöhnt Gerry, »und saumäßig heiß«.

Gerald Regitschtnig ist ein alter Hase im Metier und hat schon auf vielen Bühnen gestanden, Varieté und Zirkus in fast jeder Form hat der 51-Jährige in seiner Laufbahn schon kennengelernt. Er stammt aus Klagenfurt und wuchs in der Schweiz auf. Mit seinem Beruf, der ihn oft unterwegs sieht, muss er seine Familie unter einen Hut bringen. Zwei Kinder gehören dazu, fünf und sieben Jahre alt. Als Zwölfjähriger habe er im berühmten Schweizer Zirkus Knie den Clown Dimitri gesehen, erzählt er. Und da war's um ihn geschehen: Die Liebe für den Spaßmacherberuf hatte sich in ihm eingepflanzt. Und erfüllte sich, Gerry: »Mit 20 stand auch ich in der Manege des Zirkus Knie.« Davor lag eine Ausbildung in der Mimenschule Ilg in Zürich. Nach einer Audition - ein Vorsprechen - in Montreal erhielt er vor einem Jahr das Engagement als »Ovo«-Solist. Groß war die Genugtuung. Schließlich, so Gerry: »Der Cirque du Soleil ist die Formel 1 unter den Zirkussen.«

»Ich hab gedacht, ich steig' gleich oben ein«, witzelt Jan Dutler. 32 Jahre alt ist er und hat eine Karriere als Straßenmusiker hinter sich. Dabei sei er immer mehr ins Clownische gerutscht, weil man damit die Leute besser packen könne. In Montreal entdeckte er dann eines Tages die Francine Cottet Clown & Comedy School und wurde prompt aufgenommen. Als er davon hörte, dass der Cirque du Soleil für »Ovo« einen neuen »Foreigner«, also den Fremden im schillernd blauen Fliegenwams, sucht, meldete er sich - und bekam den Job.

Jan Dutler hat eigentlich Zimmermann gelernt. Er stammt aus Hütten im Kanton Zürich. Wie es sich gehört, war er nach der Gesellenprüfung auf der Walz. Er ist mit der traditionsreichen Gesellenbruderschaft »Freie Vogtländer Deutschland« 40 Monate lang zwischen Russland und Marokko durch die Lande getippelt. Danach tauschte er den Zimmermannshammer gegen Mundorgel, Gitarre, Ukulele, Akkordeon und Posaune aus und wurde zum musizierenden Straßenclown. Um schließlich direkt in der Formel 1 der Zirkusse zu landen.

Die Arena-Auftritte des Cirque du Soleil in den riesigen Hallen wie der Münchner Olympiahalle oder der Porsche-Arena in Stuttgart sind für Jan gewöhnungsbedürftig. »Mir fehlt die Nähe«, sagt er. Dass im Züricher Hallenstadion bei der Premiere der Frohsinn der Dreitausend nicht überschwappte, erklärt er sich jedoch aus der Mentalität seiner Landsleute: »Die Schweizer lachen halt nicht.« »Und die Deutschen sind sehr kritisch«, fügt Gerry an.

Lampenfieber kennen die beiden Clowns nicht. Jan grinst: »Man darf sich nicht aufregen, wenn die Mama im Publikum sitzt, oder, noch schlimmer, Clowns-Kollegen. Trotzdem: Manchmal ist es schwierig, die Stimmung zu halten.« Clowns sind eben auch nur Menschen. Sie trainieren wie die Artisten ihre Fitness. Gerry fasst sich an die Stirn: »Auch hier«. Die Choreografie und die Charakteristik ihrer zu spielenden Insekten sind vorgegeben. Die Abläufe müssen exakt eingehalten werden, dennoch bleibt Raum, wie man zum Beispiel Gefühle ausdrückt. Jan macht seine Verknalltheit für Maikäfer Coccinelle durch knatterndes Liebesgeflüster deutlich, mit »Küssle, Küssle« oder immer wieder »Schnusibusi«. Das gilt für die deutschsprachigen Länder; in Genf oder Lausanne umgarnt er die Angebetete mit »Bisou, Bisou«. (GEA)





Cirque du Soleil: »Ovo« Porsche-Arena Stuttgart 29. November bis 3. Dezemberwww.livenation.de



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