Das GEA-Team der »Red-Akteure« hat die Rallye von Oberstaufen nach Amman wohl nicht gewonnen. Dennoch geht der erste Preis nach Reutlingen: Die Rommelsbacherin Franziska Kneile war die Beste und hat ein Kamel gewonnen
Staub zwischen den Zähnen
VON HANS JÖRG CONZELMANN
»Drive against hunger«, heißt eines der 88 Rallye-Teams. Hunger? Wir vom GEA-Team »Die Red-Akteure« wären schon froh, etwas gegen den eigenen Durst unternehmen zu können. Mitten in der Wüste, kurz nach der syrischen Grenze, ist uns tatsächlich das Wasser ausgegangen. Die nächste Versorgungsstation ist eine halbe Tagesreise entfernt und so sitzen wir in kurzen Hosen auf einer Sanddüne, schauen mit trockenem Gaumen unseren Autos zu, wie sie unbeweglich in der Hitze ticken. Der Motor des 23 Jahre alten Passat streikt bei 45 Grad im Schatten, ist ausgegangen, weil es ihm zu warm geworden ist verständlich.
»Wir bauen ihn aus«, sagt Bordmechaniker Lukas Altmann und meint den Thermostat. Kurz bevor er den Schraubenschlüssel ansetzen will, drehen wir ein letztes Mal am Zündschlüssel, und siehe da: Er läuft. Die »Red-Akteure« sind wieder mobil und steuern die nächste Oase an.
»Mir tut schon beim Anblick des Käfers der Rücken weh«
Auf dem Highway ist die Hölle los. 400 »positiv Verrückte«, wie Organisator Wilfried Gehr später sagen wird, sind auf dem Weg nach Süd-Osten, von Oberstaufen nach Amman, um dort ihre tollen Kisten zu verschenken. Die Jordanier verkaufen die Autos und bauen mit dem Erlös eine Käserei mitten in der Wüste, damit Beduinen ihre Ziegenmilch verwerten können. 50 000 Euro kommen so jedes Jahr zusammen. Mit im Boot der Benefizveranstaltung: Die Vereinten Nationen mit dem World Food Programm »WFP« und weitere nationale Hilfsorganisationen.
Eine verrückte Idee, eine bestechende Idee. Noch verrückter sind die Regeln, die einen hohen Spaßfaktor erwarten lassen. Die Fahrzeuge müssen älter als 20 Jahre oder unter 2 000 Euro wert sein. Unterwegs darf kein Stück Autobahn befahren werden, Navigationsgeräte sind verboten. Übernachtungen müssen weniger kosten als zehn Euro ab Rumänien kein Problem, davor schon. Und so ist das Zelt ständiger Wohnsitz. Mit im Auto: Ein Baum, der in der Wüste gepflanzt werden soll, und ein Koffer voller Spielzeug für arme Kinder.
Am Ende werden die »Red-Akteure« sagen können: Zu einem Kamel hat es nicht gereicht. Nach Reutlingen ging der erste Preis dennoch. Franziska Kneile vom Sieger-Team »Kette rechts und Bremse offen« stammt aus Rommelsbach. Die 35-jährige Marketing-Managerin wohnt in München und entschloss sich fünf Wochen vor dem Start, bei dem Sieger-Team einzusteigen. Die vier Mountainbiker, die »einfach mal was anderes« machen wollten, haben alles richtig gemacht: Sonderaufgaben gelöst, die Wüstenprüfung gut absolviert, Fotos mit der Einweg-Kamera originell geknippst und ins Lösungsbuch geklebt. Alle Nationalhymnen der einzelnen Staaten, die befahren wurden, sind vorhanden vorbildlich. Schöner Nebeneffekt: Beim Beschaffen der Hymnen müssen die Teams anhalten, reden, erklären. »Wir haben gemerkt, wie nett, positiv und gastfreundlich die Leute im Orient sind«, sagt Franziska Kneile.
Die Rommelsbacherin ist mit ihrem Team in zwei Mercedes S-Klassen unterwegs. Komfortabel also, in bequemen Sitzen, mit langem Radstand und Klimaanlage. Bei anderen geht?s spartanischer zu: Alte Lieferwagen wurden zu Wohnmobilen umgebaut, manche quälen in französischen Kleinstwagen über die Schotterpisten. Sogar ein Leichenwagen ist im bunten Tross der Besitzer, ein pensionierter Staatsanwalt, trägt bereits beim Start ein T-Shirt mit der Aufschrift »Der letzte Wagen ist immer ein Kombi«. Aber auch ein Zweirad-Team kämpft sich nach Jordanien durch: Auf zwei Yamaha fahren die beiden täglich bis zu 15 Stunden lang durch Staub und im Slalom an Schlaglöchern vorbei. Ein Wiederholungstäter mit dem Pseudonym »Arabär« hatte den ganzen Winter lang einen VW Käfer wüstentauglich gemacht und fährt (»mein Traum«) durchs Wadi Rum. »Mir tat schon beim Anblick der Rücken weh«, sagt Kneile dann lieber in der S-Klasse.
»Der letzte Wagen ist immer ein Kombi«
Dennoch gab es Zeiten, in denen sie sich einen Geländewagen gewünscht hätte in den Karpaten, wo anderen Teams zwei Ölwannen platzten. Oder während der Wüstenprüfung, als Kneiles Mercedes mangels Bodenfreiheit Kontakt zu den Felsen aufnahm. Trotz größter Strapazen kamen beide S-Klassen wohlbehalten ins Ziel Wertarbeit alter Schule eben. Gleiches gilt für die Fahrzeuge der »Red-Akteure«. Die rote E-Klasse Baujahr ?88 sei am Ende sogar besser gelaufen als vorher, behauptet GEA-Redakteur Michael Merkle. Das große Lenkspiel, das er vor dem Start beklagte, verschwand während der Durchquerung der Karpaten gänzlich und für immer, und ein Problem mit der Einspritzpumpe, das Lukas Altmann mit Panzer-Tape »profisorisch« geflickt hatte, verschwand ebenfalls.
Auch das langsamste Auto des GEA-Teams, ein Golf Baujahr ?95 mit 75 PS, kam erstaunlicherweise wohlbehalten in Amman an, obwohl es von den »Red-Akteure«-Youngstern Lukas Altmann und Sebastian Rilling mit 120 Sachen durch die syrische Wüste getrieben wurde und anschließend auch noch an ein bayerisches Damen-Team verliehen wurde, das dann prompt in einem Sandloch stecken blieb. Das Team musste am Seil herausgezogen werden, doch der Golf war immer noch fahrtauglich.
Der Oldtimer im Team, ein Passat Benziner Baujahr ?86, war vor seinem Einsatz von einem Reutlinger Rentner gefahren worden und stand dann jahrelang in einer Garage. Auch er machte keine Probleme, von einigen Aussetzern bei hohen Temperaturen abgesehen. Eine Klimaanlage hat keines der drei Autos.
Siegerehrung im »Royal« in Amman: Unter Kronleuchtern hindurch, über Brokat-Teppiche hinweg, vorbei am stehenden Fußvolk der Rallye-Fahrer, schreitet Prinzessin Basma von Jordanien, Vorsitzende des 1977 gegründeten »Jordanian Hashemite Fund for Human Development«. Der königlichen Hoheit folgt eine Entourage an Leibwächtern und jordanischen Rallye-Funktionären, die offenbar unbemerkt im Hintergrund gewirkt haben. Basma lobt die »Völkerverständigung«, schüttelt leutseelig Hände, lässt sich fotografieren und übergibt schließlich den ersten Preis. Ein wirklich sehenswertes, wenngleich auch unfreiwillig komisches Schauspiel: Franziska Kneile und ihr Team werden von den Jordaniern auf die Bühne gebeten, der Boden öffnet sich, ein sitzendes Kamel und dessen Treiber werden auf einer Plattform hydraulisch in die Höhe gefahren. Das Kamel, offenbar noch jung an Jahren, hat so etwas wohl noch nie gesehen: ein Festsaal voller Menschen. Beifall, Glückwünsche, Streicheleinheiten. Nach zwei Minuten verschwindet das Kamel wieder im Untergrund. Dem Team »Kette rechts und Bremse offen« wird versichert, dass der lebende Gewinn künftig im königlichen Hofgarten wohnen darf. Die Trophäe mit nach Hause zu nehmen, geht leider nicht. Was hätte ein Kamel auch in Rommelsbach zu suchen? (GEA)
Welcher Sport ist überhaupt der Richtige? Was ist besser: Joggen, schwimmen oder Krafttraining? Und kann ich als älterer Mensch auch noch mit Ausdauersport beginnen? In einer mehrteiligen Serie geben wir die Antworten.