Heimat und Welt
Höhlenforschung

Raumfahrt des kleinen Mannes

Von Hans Jörg Conzelmann

Wo die Wimsener Höhle für normale Besucher endet, fängt sie für die Mitglieder der Höhlenforschungsgruppe Ostalb erst richtig an. Sie tauchen durch Schächte, klettern durch Kamine, steigen Röhren hinab, waten auf lehmigem Boden fast einen Kilometer ins Berginnere hinein. Sie entdecken eine Welt jenseits des Lichts, aber doch voller Farben. Der Forscherdrang treibt sie an. »Was kommt nach der nächsten Biegung?«, fragen sie sich auf ihrem Weg.

Eng und dunkel: Die Wimsener Höhle ist nichts für Menschen mit Platzangst. Höhlentaucher drangen mehr als 700 Meter weit vor. FOTO: GESSERT, MEZGER, SCHOPPER, STRAUB/ALLE HFGOK
Nach 70 Metern endet die Fahrt. Das Boot mit den Besuchern muss wieder umkehren, weil der Abstand zwischen Wasseroberfläche und Höhlendecke immer kleiner wird. Hier beginnt das Abenteuer für die Taucher. Sie steigen in einen wasserdurchfluteten, 30 Meter langen Siphon hinab, den sie an Seilen überwinden. Licht und Luft verschwinden, Dunkelheit umfängt die Taucher. Haben sie den ersten Siphon überwunden, tauchen sie in einem Becken auf, das »Schatzkammer« genannt wird. Der Betrachter staunt über die steinerne Pracht. Unzählige Tropfsteine haben sich in Tausenden von Jahren gebildet - ein faszinierender Anblick.

Die Taucher steigen aus dem Wasser und werden notgedrungen zu Bergsteigern. 200 Meter lang ist der trockene Gang, der gerade noch breit genug ist für einen menschlichen Körper, aber teilweise so schroff, dass er nur über Leitern zu erklettern ist. Der Boden ist lehmig. Es geht auf und ab bis zum »Ehrenfelser See«. Die Taucher kämpfen gegen extreme Strömung an und gegen scharfe Kanten im Gestein. Eine Führungsleine ist unerlässlich, um die Orientierung im teilweise trüben, sedimenthaltigen Wasser nicht zu verlieren.
Das Höhlenprofil ändert sich fortwährend: Mal kommt ein schmaler Gang, dann finden sich die Taucher in einem großen Tunnel mit Biegungen und Kurven wieder. Immer neue Felsformationen tun sich auf.

Doch die Schönheit der Natur ist es nicht allein, die die Taucher vorwärts treibt. Es ist der Forscherdrang. Auf ihrem Weg ins Berginnere finden sie Tonkrüge und Scherben, die sie vermessen, fotografieren und den Forscherkollegen in den Labors der Universitäten zukommen lassen. Einmal fanden sie sogar Teile eines menschlichen Skeletts, das aus der Zeit stammt, als der Wasserstand noch einige Meter tiefer war, also vor dem Bau der Wimsener Mühle. Wissenschaftler konnten die Knochenreste auf die späte Bronzezeit datieren, 1300 Jahre vor Christi Geburt.
Zum ersten Mal nach 400 Metern erreichen sie im zweiten Siphon eine Schlüsselstelle: die »20er-Quetsche«. Sie ist eng und schmal, ein Durchkommen kaum möglich. Als Belohnung tut sich ein gigantischer Blick auf: »Es ist wie auf dem Zehnmeterbrett.

Man schaut senkrecht nach unten und es geht im Freiflug von 20 Meter auf 60 Meter Wassertiefe durch glasklares Wasser hinab«, sagt Höhlentaucher Dr. Salvatore Busche. Er war es, der bisher am weitesten vorgedrungen ist: durch eine Engstelle in eine mit Luft gefüllte Spalte, die außer ihm bisher kein anderer Mensch gesehen hat. Vielleicht wegen dieser einizgartigen Möglichkeit gilt das Höhlentauchen als »die Raumfahrt des kleinen Mannes«.

Hinter Busche lag eine extrem lange Tauchstrecke im zweiten Siphon. Bereits 1961 hatte Jochen Hasenmayer den ersten Siphon durchtaucht. Drei Jahre später fand er den zweiten Siphon und drang 400 Meter weit vor. Busche hat die Erlebnisse gemeinsam mit Taucherkollege Rainer Straub dokumentiert. Am Donnerstag berichten sie im Reutlinger Naturkundemuseum. (GEA)


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