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Von Rückenschmerzen bleibt kaum jemand verschont. Ob anatomisch speziell gefertigte Bürostühle für Frauen und Männer sinnvoll sind und wie man richtig sitzt, erklärt Professor Nikolaus Wülker

Nachhilfe für Sitzenbleiber

Von Barbara Forro

Eher gerade sitzen - oder lümmeln? Ein ganz normaler Bürostuhl - oder einer speziell für Frauen? Redakteurin Barbara Forro fragt Professor Nikolaus Wülker, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Orthopädie in Tübingen, wie man richtig sitzt.

Das Kreuz mit dem Kreuz: Wer sich wenig bewegt, leidet häufig unter Rückenschmerzen. FOTO: FOTOLIA
GEA: Herr Professor Wülker, wie lange sitzen Sie täglich?
Nikolaus Wülker: Wenn es gut läuft, nur etwa eine Stunde. Wenn es schlecht läuft, bis zu sechs Stunden.

Im normalen Büroleben sitzt man häufig auch sechs Stunden oder länger am Schreibtisch. Was sind die häufigsten Probleme, die dadurch auftreten?
Wülker: Am häufigsten sehen wir Orthopäden Rückenprobleme, das "Kreuz mit dem Kreuz". Sie können auftreten, wenn man unsachgemäß oder auf schlechten Stühlen sitzt. Diese Schmerzen können dann auch bis in den verlängerten Rücken ausstrahlen, also dahin, wo der Ischiasnerv verläuft. Wenn man viel mit den Armen arbeitet, etwa an der Computertastatur, können auch Schulterschmerzen hinzukommen.

Welche Fehler kann man beim Sitzen machen?
Wülker: Den größten Fehler macht man, wenn man starr sitzt. Ein Beispiel: die Arbeit am Computer, die die volle Aufmerksamkeit erfordert. Dadurch vergisst man, mal auf dem Stuhl hin- und herzurutschen, sich nach vorne oder nach hinten zu neigen oder kurz aufzustehen. Stattdessen verharrt man in dieser starren Haltung. Das kann zu Muskel- und auch Rückenproblemen führen.

Dabei wurde einem als Kind doch oft vorgehalten: "Sitz gerade." Gilt das denn noch?
Wülker: Dieser Leitsatz gilt nur noch insofern, als dass man die Sitzposition wechseln muss. Also: mal nach vorne, mal nach hinten rutschen. Wenn man hinten sitzt, sitzt man eher gerade; wenn man vorne sitzt, eher hingelümmelt. Dieser Wechsel ist wichtig. Was einem hingegen als Kind erzählt wurde - nämlich dass der Rücken krumm wird, wenn man krumm sitzt -, stimmt nicht.

Wie man sitzt, bezieht sich ja auch auf die Sitz-Unterlage: Da gibt es etwa Keilkissen oder Medizinbälle. Ist das besser für den Rücken?
Wülker: Es kommt darauf an. Ein Medizinball etwa bewegt sich hin und her. So wird das starre Sitzen genau vermieden. Allerdings kann man sich auch auf einem normalen Stuhl hin- und herbewegen und Pausen einlegen. Ein Keilkissen erhöht die Sitzposition. Dadurch wird vermieden, dass die Lendenwirbelsäule zu sehr gebogen wird. Wenn dies der Fall ist, kann das zu Beschwerden führen.

In einigen Medien wurde vor Kurzem noch ein anderer Zusammenhang dargestellt: Wer länger sitze, habe ein höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden.
Wülker: Diesen Zusammenhang sehe ich nicht. Und ich halte es auch für schwierig, ihn herzustellen: Zwischen diesen beiden Punkten - Sitzen auf der einen, Herzinfarkt auf der anderen Seite - ist der Abstand zu groß, als dass man da wissenschaftlich zuverlässige Daten erhalten kann. Allerdings: Wer viel sitzt, bewegt sich entsprechend weniger. Und wenn man untrainiert ist, ist man eher gefährdet, einen Herzinfarkt zu erleiden. Dieser Zusammenhang ist offensichtlich. Aber das hängt nicht mit der sitzenden Stellung des Körpers allein zusammen, sondern generell mit zu wenig Bewegung.

Einen kleinen Schritt zur Bewegung - zumindest am Schreibtisch - kann man mit höhenverstellbaren Tischen tun. Sollte das, ebenso wie etwa Stühle mit Lordosestütze, zum Standard am Arbeitsplatz werden?
Wülker: Höhenverstellbare Tische und Stühle sind wichtig, gerade wenn man am Computerbildschirm arbeitet. Damit reagiert man auf unterschiedliche Körpergrößen. Eine Stütze der Lordose - also der Rückwärtsneigung der Lendenwirbelsäule - ist kein Muss. Es gibt keinen medizinischen Sachverhalt, wonach ein Stuhl mit Lordosestütze Bandscheibenschäden vorbeugt. Das sollte man so handhaben, wie es angenehm ist.

So gut ist nicht jeder Arbeitsplatz ausgestattet. Die Krankenkassen könnten doch für solche Anschaffungen einen Zuschuss zahlen - damit sparen sie sich Behandlungskosten.
Wülker: Das gilt aber auch für Arbeitgeber. Ein schlauer Arbeitgeber wird maximale Sorgfalt walten lassen: Denn ein höhenverstellbarer Tisch kostet deutlich weniger als ein Arbeitnehmer, der eine Woche krank ist. Und gerade wegen Rückenschmerzen gibt es sehr viele Krankmeldungen; Beschwerden am Bewegungsapparat sind nach Erkältungen und Ähnlichem sogar der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen. Wenn man in diesem Punkt Geld sparen will, investiert man in vernünftige Sitzmöbel.

Stichwort vernünftige Sitzmöbel: Ein Hersteller wirbt mit Stühlen, die speziell für Frauen beziehungsweise für Männer seien. Ist das sinnvoll?
Wülker: Nein, das halte ich nicht für sinnvoll. Was soll denn da der Unterschied sein? Ob man nun breiter ist oder schmaler - deswegen kann man dennoch auf einem ganz normalen Stuhl sitzen. Und die unterschiedliche Körpergröße von Männern und Frauen ist bei höhenverstellbaren Tischen und Stühlen berücksichtigt. Aber das ist ein Trend, den man in verschiedenen Bereichen beobachten kann, etwa bei Knieprothesen - auch da gibt es ein »Frauen-Knie«. Das ist aber reines Marketing.

Dieser Hersteller wirbt aber für diesen Frauen-Stuhl, weil dadurch angeblich das Immunsystem, die Atmung und das Bindegewebe gestärkt und verbessert werden.
Wülker: Ach Quatsch. Und worauf sitzen dann die Männer?

Auf Männer-Stühlen. Deren Sitzfläche hat eine Vertiefung, die die Fortpflanzungsorgane schützen soll.
Wülker: Das halte ich für Blödsinn. Männer sitzen doch nicht auf ihren Fortpflanzungsorganen. Da handelt es sich meiner Meinung nach um Marketing, nicht aber um medizinische oder biologische Zusammenhänge.

Wer viel sitzt - egal, auf welchem Stuhl -, dem wird als Ausgleich Sport empfohlen. Ist jede Sportart gut?
Wülker: Da gibt es keine Empfehlung; jeder macht das gerne, was ihm liegt. Aber gerade wenn man einen Bürojob hat, finde ich es total wichtig, dass man dafür einen körperlichen Ausgleich schafft. Das gelingt am besten mit Ausdauersportarten, womit man den ganzen Körper in Schwung bringt und den Pulsschlag deutlich erhöht. Ich persönlich finde Laufsportarten genial, weil man hier mit relativ geringem Zeitaufwand genau das erreichen kann. Aber ins Fitnessstudio zu gehen ist eine gute Alternativen. Rückenbeschwerden bekommt man mit Sport auch sehr gut weg.

Summa summarum: Kann man ein normales Büroleben überhaupt ohne Beschwerden überleben?
Wülker: Rückenprobleme sind derart häufig, dass kaum einer davon verschont bleibt. Aber man sollte sich fragen, ob das mit dem Sitzen zusammenhängt oder andere Ursachen hat. Davon abgesehen, ist der Körper sehr robust. Die meisten Rückenschmerzen bekommt man wieder weg. (GEA)

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