Heimat und Welt
Elektrifizierung - In Laos praktiziert ein deutscher Unternehmer nachhaltige Entwicklungshilfe

Licht in den Dschungel gebracht

VON CHRISTIANE OELRICH

Für Keo Noy war der Tag früher mit Einbruch der Dunkelheit gelaufen. Strom ist für ihn und für die 300 Mitbewohner des Dorfes Bong Nam im laotischen Dschungel bis heute ein unerreichbarer Traum. Spärliches Licht gab es abends nur aus gefährlichen Kerosinlampen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute hellt Keo ihre Holzhütte mit einem Strahler auf. Der Saft kommt aus einer solarbetriebenen Ladestation.

Dahinter steckt ein ungewöhnliches Konzept: Es sorgt nicht nur für erneuerbare Energie ohne Abfallprodukte, sondern schafft auch Arbeitsplätze im Dorf und einen nachhaltigen Wirtschaftskreislauf. Die Dorfbewohner betreiben die Ladestation in Eigenregie, die Familien zahlen für das Aufladen ihrer Strahler einen kleinen Betrag. Mit dem Geld werden Lichtmeister entlohnt, die Ladestation und Solarkollektor in Ordnung halten. Der Rest dient als Rücklage für Reparaturen oder den Austausch der Batterien.

»Nachhaltige Energie ist der goldene Faden«
 
»Ich komme mindestens dreimal in der Woche zum Aufladen«, sagt Keo. »Wir können uns die Abende ohne Licht kaum noch vorstellen«, sagt die 40-jährige Mutter von sieben Kindern zwischen zwei und 21 Jahren. Heute machen die Kinder abends bei Licht ihre Hausaufgaben.

Die Elektrifizierung der Welt ist nach Meinung der Vereinten Nationen der Schlüssel auf dem Weg aus der Armut. 1,4 Milliarden Menschen – 20 Prozent der Weltbevölkerung – haben keinen Strom. Viele arme Länder brauchen aber noch Jahre, um entlegene Regionen an ein Stromnetz anzuschließen. Wie Laos.

Keo Noys Dorf liegt 200 Kilometer östlich der Kleinstadt Pakse im dünn besiedelten Süden des Landes. 52 Familien wohnen hier am Rande des Dschungels.

Die Holzhütten auf Stelzen stehen über rötlichem Lehmboden. Sie sind kärglich ausgestattet. Viel Geld ist in Bong Nam nicht zu machen, die Menschen leben von der Hand in den Mund. Sie verkaufen Eier oder Gemüse, wenn die Ernte gut war. Dieses Dorf und ähnliche stehen bei der Elektrifizierung auf der Prioritätenliste der Regierung nicht gerade oben.

Deshalb sind kleinere, lokale, bezahlbare Lösungen gefragt. »Nachhaltige Energie ist der goldene Faden, der Wirtschaftswachstum, soziale Fairness, das Klima und die Umwelt verbindet und der Welt zur Blüte verhilft«, sagt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Das Konzept mit Strahlern und Aufladestation hat Andy Schroeter entwickelt. Der Elektroingenieur ist gebürtiger Hamburger, die Pico-Strahler kommen von der Firma Phocos aus Ulm. Nach Laos kam Schroeter 1995 mit seiner Frau, die als Entwicklungshelferin im Einsatz war. Bei Reisen durch das Land sah er die bitterarmen Dörfer ohne Strom. Im Jahr 2000 startete er seine Firma Sunlabob.

Schroeter hat mit vielen Leuchten experimentiert. Die ersten Prototypen sehen wie Grubenlampen in Bergwerken aus. Heute kommen leuchtend orange-farbene Strahler etwa in Form überdimensionaler Taschenlampen zum Einsatz. Feuchtes Dschungelklima, Regengüsse, Hinfallen – das Gehäuse ist dicht, der Strahler unverwüstlich. »Wunderschön«, sagt Keo Noy. Sie hat am Design nichts auszusetzen.

Sunlabobs Strahler kosten 48 Euro. Das garantiert zwar Unverwüstlichkeit, ist für arme Dörfler aber nicht zu zahlen. Deshalb brauchen die Sunlabob-Projekte eine Initialspende. Im Fall von Ban Nam und sechs umliegenden Dörfern gab die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Vientiane 10 000 Euro für sieben Ladestationen mit je 50 Strahlern. Dafür gehören Aufladestation und Strahler dem Dorf, der Einzelne zahlt nur für das Licht.

Auch am Geschäftsmodell hat Schroeter lange gebastelt. »Wir wollten zeigen, dass auch mit den Ärmsten nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt werden können.«

Schroeters Konzept hat sich bewährt. Sunlabob-Stationen in ähnlicher dörflicher Eigenregie gibt es in Uganda und Tansania. In Mikronesien installierte die Firma 70 Dorf-Ladestationen mit 3 500 Strahlern. Sunlabob hat schon Preise der Weltbank und des UN-Entwicklungsprogramms UNDP gewonnen. Das Unternehmen beschäftigt 70 Mitarbeiter.

Es baut auch Solar-Stationen für die Weltbank oder die Asiatische Entwicklungsbank (ADB), oder für Konzerne, die sich in der Umgebung ihrer Fabriken oder Bergwerke mit einem Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung sozial engagieren wollen. »Corporate Social Responsibility« heißt das auf Neudeutsch. In der Nähe von Bong Nam finanzierte die ADB zum Beispiel eine Sunlabob-Solarstation, die für die Gesundheitsstation Strom für eine Tiefkühltruhe liefert. (dpa)



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