Heimat und Welt
Gesundheit - Ständig das Haustürschloss kontrollieren, dauernd Händewaschen: Zwangsstörungen machen den Alltag zur Qual

Ist das noch normal?

Von Angela Stoll

Acht Uhr - höchste Zeit fürs Büro. Die Haustür fällt zu. Ist der Herd aus? Ja, ich habe ihn ausgeschaltet. Bestimmt? Ich weiß es genau. Wirklich ganz sicher? Eigentlich schon. Aber vielleicht sollte ich noch mal nachschauen ...

Panische Angst vor krank machenden Keimen: Reinigungszwänge gehören zu den häufigsten Zwangsstörungen. Foto: Fotolia
Manch einer muss jeden Morgen zweimal prüfen, ob alle Elektrogeräte aus sind. Andere Menschen schauen täglich mehrfach, ob sie den Geldbeutel noch haben. Oder sie können es nicht ertragen, wenn eine Tür offen steht. Oder sie drehen ständig die Wasserhähne zu. Es gibt Menschen, die wechseln mehrfach am Tag die Unterwäsche oder laufen sofort zum Waschbecken, wenn sie jemandem die Hand geben mussten. Oder sie ordnen Regale penibel nach Systemen, die nur sie selbst verstehen.

Ist das noch normal? Oder handelt es sich etwa um eine Zwangsstörung? »Wer zweimal den Herd kontrollieren muss, bevor er beruhigt aus dem Haus gehen kann, leidet noch nicht an einer Zwangsstörung. Aber wenn andere Aktivitäten eingeschränkt sind und die Betroffenen anfangen zu leiden, wird es bedenklich«, sagt der Psychotherapeut Jan-Michael Dierk, Experte für Zwangsstörungen in der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Arolsen.

Ein alarmierendes Zeichen ist auch, wenn Menschen erfolglos versuchen, sich den inneren Zwängen zu widersetzen. Zwangs-Patienten erkennen meist, dass ihre Rituale sinnlos sind, können aber dennoch nicht davon lassen.

In manchen Fällen reicht es den Betroffenen eben nicht, ein paar Mal nach dem Schalter der Kaffeemaschine zu sehen. Ständig müssen sie die Kontrolle wiederholen, immer und immer wieder nachsehen, sodass sie kaum noch aus dem Haus kommen. Experten sprechen von einem Kontrollzwang, einem der häufigsten Zwänge überhaupt. Die Betroffenen leben stets in der Angst, potenzielle Gefahren zu übersehen. Der Psychotherapeut Thomas Hillebrand aus Münster, der auf die Behandlung entsprechender Störungen spezialisiert ist: »Die Patienten interpretieren die Welt und das Leben vom Grund her als gefährlich und leben in ständiger Angst, dass etwas Schlimmes passiert.«

Auch bei Reinigungszwängen, die ebenfalls zu den typischen Zwangsstörungen zählen, steht die Angst im Vordergrund. In der Regel fürchten sich die Betroffenen vor Keimen, vor Gift, Krankheiten und Tod. So bittet im Internet-Forum der Selbsthilfeorganisation Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen »Leonidas« um Hilfe, der unter einem exzessiven Wasch- und Putzzwang leidet: Seitdem er als Krankenpfleger aidskranke Patienten versorgen musste, lebt er in der ständigen Angst, sich mit HIV zu infizieren. »Alles in meiner Wohnung und meiner Stadt ist mit HIV kontaminiert«, schreibt er. »Es ist die Hölle. (...) Nach Feierabend zwängle ich häufig stundenlang ... wasche Wäsche, putze, dusche ...« Obwohl sich »Leonidas« durchschaut und weiß, dass seine Angst grundlos ist, kann er sich nicht befreien.

Außerdem gibt es Menschen, die unter zwanghaften Gedanken leiden. Zum Beispiel Mütter, die von dem Gedanken besessen sind, sie könnten ihrem Kind etwas antun. Oder Männer, die in ständiger Angst leben, sie könnten gegen ihren Willen eine Frau vergewaltigen. Bezeichnend für solche Fälle ist, dass die Betroffenen sich vor ihren aggressiven Gedanken fürchten, obwohl sie sie niemals in die Tat umsetzen.

Viele Betroffene legen schon in der Kindheit auffällige Verhaltensweisen an den Tag. Gisela Röper, Expertin für Zwangsstörungen an der Universität München, rät Eltern daher, Ordnungsrituale von Kindern zu beobachten, ohne sie jedoch überzubewerten. Viele Kinder pflegen eine Zeit lang harmlose Marotten, die von selbst wieder verschwinden - zum Beispiel, die Kleider nach einem bizarren System bereitzulegen oder abends zweimal unters Bett zu schauen, ob ein Monster darunter liegt. »Erst wenn das Kind belastet wirkt, sich die Rituale massiv ausweiten und der Tagesablauf gestört wird, sollten die Eltern den Arzt darauf ansprechen.«

Dabei sind familiäre Rituale eigentlich etwas Positives, da sie Halt vermitteln. So tragen Einschlaf-Rituale wie abendliches Vorsingen oder Vorlesen dazu bei, dass sich die Kinder beschützt fühlen. Vor diesem Hintergrund geht Röper davon aus, dass in den Familien vieler Zwangs-Patienten Geborgenheit zu kurz kam: »Die Betroffenen leiden unter einem chronischen Gefühl mangelnder Sicherheit.« Die oft skurril anmutenden Rituale dienen ihnen dazu, gegen die ständige Unsicherheit anzugehen.

Inwiefern auch die Gene eine Rolle spielen, ist unklar. Zwar betont Jan-Michael Dierk: »Ein Zwangs-Gen gibt es nicht.« Dennoch gehen Experten davon aus, dass bei der Veranlagung zur Ängstlichkeit, die Zwangs-Patienten meist haben, Erbfaktoren mit im Spiel sind. Daneben könnte es sein, dass sich die Betroffenen zwanghaftes Verhalten ein Stück weit von ihren Eltern abgeschaut haben. Auch so erklärt sich, warum die Probleme in manchen Familien gehäuft auftreten.

Vielen Betroffenen hilft eine kognitive Verhaltenstherapie, bei der sie lernen, den Zwängen nicht nachzugeben. Ein Patient, der Angst vor Schmutz hat, glaubt zum Beispiel, sich nur entspannen zu können, wenn er sich wäscht. »Dieser Teufelskreis wird in der Therapie durchbrochen«, sagt Thomas Hillebrand. Der Patient ringt sich dazu durch, sich absichtlich zu beschmutzen, ohne sich danach zu waschen. »Er macht dabei die Erfahrung, dass seine Anspannung mit der Zeit auch von allein vergeht«, erklärt der Experte. Dieser Prozess wird mehrfach wiederholt. Die Aussichten auf Erfolg sind bei der Verhaltenstherapie relativ gut: Etwa 60 bis 80 Prozent der Patienten leben danach freier.

Die Selbsthilfeorganisation Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen klärt über alle Formen der Störung auf und betreibt die Webseite www.zwaenge.de. Außerdem nennt sie Adressen von Selbsthilfegruppen und Therapeuten in der Nähe:
Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen, Postfach 70 23 34, 22023 Hamburg, Telefon 0 40/ 68 91 37 00.(GEA)

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