Heimat und Welt
Gesundheit - Vorzeitige Wechseljahre sind keine lebensbedrohende Erkrankung, aber auch kein Spaziergang

Hitzewallungen mit Mitte 30

VON CLAUDIA ARTHEN

Bei manchen Frauen kommen die Wechseljahre viel zu früh. Wer entsprechende Beschwerden hat, sollte unbedingt zum Arzt gehen. FOTO: FOTOLIA/ROBERT LEHMANN
Die ersten Hitzewallungen kamen während des Urlaubs in Rom. Katharina schob es auf die extrem hohen Temperaturen und die Strapazen der Besichtigungen. Erst zu Hause beim Arzt kam die Ernüchterung: Sie stecke mitten in den Wechseljahren, sagte der Mediziner. Dabei war sie erst 36. Wechseljahre mit Mitte 30? Ist Katharina ein Einzelfall? Mitnichten, sagt die österreichische Wissenschaftsjournalistin und Wechseljahr-Beraterin Sigrid Sator.

Sator hat mit zahlreichen Frauen in Katharinas Alter gesprochen: mit Cordula, die die ersten Wechseljahresbeschwerden schon mit Anfang 30 hatte. Mit Tanja, die mit 37 Jahren spürte, »dass da etwas im Kommen ist«. Und mit einer jungen Frau aus Colorado in den USA. »Sie war 24 Jahre, als die letzte Regelblutung festgestellt wurde.«

Fünf bis zehn Prozent aller Frauen sind ihrer Schätzung nach von vorzeitigen Wechseljahren betroffen. »Bei jeder Frau stellen die Eierstöcke die Produktion von Eizellen nach und nach ein«, sagt Sator. Meist begännen die ersten Beschwerden des Klimakteriums mit Mitte bis Ende 40, die Menopause, die letzte Regelblutung, hätten Frauen durchschnittlich mit 51 Jahren. »Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, die Wechseljahre sind keine Krankheit«, sagt die Sachbuchautorin. Wenn der Funktionsverlust der Eierstöcke jedoch sehr viel früher auftrete, vor dem 40. oder dem 35. Lebensjahr, handele es sich um vorzeitige Wechseljahre.

Ob normale oder vorzeitige Wechseljahre - die Hormonumstellung verläuft bei einigen Frauen eher unauffällig, bei anderen kann sie zu Schlafstörungen, Reizbarkeit, Haarausfall, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie verminderter sexueller Lust führen. Der erste und typischste Hinweis auf die Wechseljahre sind Hitzewallungen und Schweißausbrüche. »Manche Frauen quälen sie ein Jahr, manche sogar fünf Jahre und mehr. Es können drei, aber auch 30 Wallungen an einem Tag oder in einer Nacht sein«, sagt Sator. Manche Frauen blieben aber gänzlich von solchen »flushes« verschont.

»Warum die Eierstöcke bei manchen Frauen die Produktion funktionstüchtiger Eizellen frühzeitig einstellen, ist noch unklar«, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF). Ursachen könnten Stoffwechsel- oder Autoimmunerkrankungen wie Diabetes oder chronische Gastritis sein. Vorzeitige Wechseljahre könnten jedoch auch Folge einer Chemotherapie oder Strahlenbehandlung sein.

Diskutiert werden nach Angaben des Frauenarztes auch Faktoren wie die Einnahme bestimmter Medikamente, Stress oder Rauchen. »Raucherinnen kommen in der Regel zwei Jahre früher in die Wechseljahre«, sagt Albring. Nikotin stelle die Blutgefäße eng, was zu verminderter Durchblutung der Eierstöcke führe.

Bei anderen Frauen sind die vorzeitigen Wechseljahre genetisch bedingt. »Die sind von Geburt an mit einem sparsameren Vorrat von Eizellen ausgestattet sind, der dann einfach früher aufgebraucht ist«, sagt Albring. Meist sei die Tendenz zur frühen Menopause vererbt, und auch die Mutter habe ihre Wechseljahre früher als üblich erlebt. Herauszögern oder verhindern lässt sich dieser Vorgang laut dem Mediziner nicht.

»Dass sie in die Wechseljahre kommen könnten, bemerken junge Frauen vor allem an ersten Unregelmäßigkeiten des Zyklus«, sagt Sator. Andere Begleiterscheinungen wie Schweißausbrüche, trockene Augen, unreine Haut oder morgendliche Gelenkschmerzen würden selten in Zusammenhang mit einem möglichen Beginn der Wechseljahre gesehen. Oft führe auch ein unerfüllter Kinderwunsch die Frauen zum Arzt - »wie traurig, dann hören zu müssen, dass vorzeitige Wechseljahre der Grund sind«.
Geht die Produktion an Östrogenen zurück, steigt das Risiko für Osteoporose
 

Katharina hat die Diagnose als einen »Riesenschock« erlebt. Ihr Mann habe letztlich nicht verkraftet, »dass ich kein Kind mehr bekommen konnte, irgendwie war ich in seinen Augen keine vollwertige Frau mehr«, sagt die Reisebüro-Angestellte. Viele Partnerschaften zerbrächen an den frühen Wechseljahren, bekräftigt Sator. »Verfrühte Wechseljahre sind kein Drama, keine lebensbedrohende Erkrankung, kein Grund für Schuldgefühle oder Depressionen. Aber sie sind auch kein Spaziergang.« Denn die betroffenen Frauen müssten damit klarkommen, dass ihre Fähigkeit zur Reproduktion erloschen sei und kaum mehr die Chance bestehe, auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen.

Frauen, die vorzeitig in die Wechseljahre kommen, benötigen eine Hormonersatztherapie mit Östrogenen und Gestagenen - daran geht für Frauenarzt Albring kein Weg vorbei. »Geht die Produktion an Östrogenen zurück, steigt das Risiko für Osteoporose sowie für Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen«, sagt der Mediziner. Denn Östrogen schütze Knochen und Gefäße. Komme eine Frau mit 50 in die Wechseljahre, liege noch eine Lebensspanne von etwa 30 Jahren vor ihr. »Bei gesunden, beschwerdefreien Frauen reicht der Schutz durch die Hormone meist für diese Zeit«, sagt Albring. Bei jungen Frauen dagegen sei ohne Behandlung »der Knochenschwund programmiert«.

Meist ersetzten Ärzte die Hormone bis etwa 50, »also zu dem Alter, an dem die Frau physiologisch in die Wechseljahre käme«. Neben einer Hormonersatztherapie sind nach seinem Rat eine ausgewogene Ernährung und viel Bewegung besonders wichtig. (dapd)

Sigrid Sator: »Frühe Wechseljahre. Was Frauen wissen wollen.«
Patmos-Verlag, 14,90 Euro

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