Der Familienvater und Journalist Joachim Mohr lebt seit Jahrzehnten mit einem schwer kranken Herzen
Herzenssache
VON EMANUEL K. SCHÜRER
Joachim Mohr ist seit seiner Geburt herzkrank. Er musste schon mit 21 Jahren eine große Operation über sich ergehen lassen, brauchte seither weitere Operationen und immer wieder Elektroschocks. Der heute 48-Jährige lebt seit Jahrzehnten mit dem Bewusstsein, dass sein Leben schnell enden kann. Heute fühlt er sich als »Überlebenskünstler«
Joachim Mohr wird seine schwere Herzkrankheit partout nicht los. Er hat damit leben gelernt. Foto: Martin Zitzlaff
Wenn Joachim Mohr eine E-Mail mit der Floskel »Mit herzlichen Grüßen« unterschreibt, dann steht das »herz« in »herzlichen« in Anführungszeichen. Das ist wenig verwunderlich, denn Mohr ist von Geburt an herzkrank. Seit Jahrzehnten ist er immer wieder mit der Krankheit und der damit verbundenen Todesgefahr konfrontiert. Gerade hat er ein Buch über sein Leben mit der kranken Pumpe veröffentlicht (Joachim Mohr: »Das Loch in meinem Herzen«, Droemer Verlag, 222 Seiten, 16,95 Euro).
Joachim Mohr ist in Kirchheim/Teck geboren, hat in Tübingen studiert und als Journalist Karriere gemacht. Er arbeitet beim Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«, ist glücklich verheiratet und stolzer Vater. Dass er schon so lange krank ist, sieht man ihm nicht an. Er könnte vom Aussehen her durchaus auch als Marathonläufer durchgehen. Tatsächlich geht er mehrmals pro Woche joggen und fährt viel Rad, wenn es sein Herz eben zulässt.
»Mit 21 Jahren veränderte sich mein Leben von einem Tag auf den anderen radikal. Nichts war mehr sicher, absolut nichts.« Mohr, damals Student in Tübingen, hatte die Diagnose bekommen: »Vorhofseptumdefekt mit Links-rechts-Shunt, das bedeutet, dass ich ein Loch in der Scheidewand zwischen den beiden Vorhöfen des Herzens habe.« Es folgen eine schwere Operation plus weitere Rhythmusstörungen - im Fachjargon, den Joachim Mohr inzwischen bestens kennt - »Vorhofflimmern, Vorhofflattern, atriale Tachykardien, ein Bigeminus und bradykarde Attacken«. Das klingt übel und ist es auch. Das Loch im Herzen wurde bei der Operation 1983 geschlossen. Was aber seither immer mal wiederkehrte, waren die gefährlichen Herzrhythmusstörungen.
Bis heute ist Mohr lebensbedrohlichen Krisen ausgesetzt. Sein Herz gerät aus dem Takt, schlägt zu viel schnell, schlägt zu langsam, schlägt im falschen Rhythmus. Das wird lebensbedrohlich und zwingt Mohr nicht nur zur Einnahme von vielen Medikamenten, sondern immer wieder auch zu Elektroschocks und schweren Operationen - ohne dass eine endgültige Heilung in Sicht gekommen wäre. Die Gefahr, dass das Leben einmal plötzlich zu Ende sein kann, lässt sich kaum verdrängen, ist stets im Bewusstsein. »Seit Jahren ist existenzielle Angst mein permanenter Lebenspartner.« Insgesamt gut dreißig Mal in seinem bisherigen Leben bekam Mohr schon Elektroschocks unter Narkose, vier Mal führten Ärzte Katheter in seine Herzkammern, um dort Gewebe zu zerstören, das für Rhythmusstörungen verantwortlich gemacht wird. »Meine Pumpe ist ein beliebtes Ausflugsziel für Kardiologen geworden«, sagt er. Galgenhumor hilft manchmal.
So mancher wäre wohl an einem solchen Schicksal verzweifelt, hätte sich Depressionen ergeben, oder auch sein Heil in Religion oder Esoterik gesucht. Joachim Mohr ist da anders. Er geht sehr rational mit seiner Krankheit um. Aufgeben lohnt sich (fast) nie, und Frust bringt gar nichts, sagte er sich. »Der Sessel des Selbstmitleids kann äußerst bequem sein, doch immer ist es dort auch langweilig, freudlos und hässlich.«
Er habe versucht, sich seinen Lebensmut, seine Lebensfreude nicht von der Krankheit streitig machen zu lassen und sei so zu einem »echten Profi in Sachen frohes Durchbeißen gegen die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Daseins« geworden, schreibt Mohr, und berichtet »von der Kunst, das Leben trotz aller Widrigkeiten, Enttäuschungen und Verzweiflung zu lieben und zu genießen«. Ganz nach dem Motto: »Das Leben an sich ist nun einmal ungerecht, also machen wir das Beste daraus.«
Es sei »verschwendete Zeit, dem Schicksalhaften einen Sinn geben zu wollen«, so die Erfahrung des studierten Historikers und Germanisten. »Das Beste aus dem anscheinend Sinnlosen zu machen, das ist spannend.« Niemals so rät er, dürfe sich ein Kranker die Frage stellen: Warum gerade ich? Die Frage sei nicht nur völlig nutzlos, sondern sogar gefährlich, ja böse. Seine Begründung ist so einfach wie überzeugend: Man werde keine Antwort darauf finden, warum ausgerechnet man selbst mit einer fiesen Krankheit geschlagen sei.
Stattdessen plädiert Mohr dafür, sich aktiv mit seinen Malaisen auseinanderzusetzen: »Mein Plädoyer für Ehrlichkeit den Krankheiten gegenüber: Nur wenn Sie Ihren Feind kennen, können Sie ihn besiegen. Nehmen Sie Ihre Krankheit an und den Kampf dagegen auf - so früh wie möglich!« Sich informieren, gute Ärzte suchen, immer wieder nachfragen, alles tun, was die Gesundung befördert, rät er.
Viele Kranke meinten, sie müssten ihre Krankheit und damit sich selbst verstecken. Das muss nicht sein, so Mohr. »Krankheit ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, die Normalität,« weiß er. Krankheiten und Schicksalsschläge gehörten untrennbar zur menschlichen Existenz. Deshalb könne dann auch jeder Einzelne selbstbewusst mit körperlichen oder anderen Unzulänglichkeiten umgehen. Mohr selbst hat im Privatleben gute Erfahrungen damit gemacht, offen mit seiner Krankheit umzugehn. Er berichtet seit 2007 sogar beruflich in einem Blog über seine Erfahrungen als dauerhaft Herzkranker.
»Ohne das Wunder der modernen Medizin würde ich längst nicht mehr leben«, ist sich Mohr sicher. Doch auch die beste Medizin konnte ihn noch nicht von seinen Rhythmusstörungen befreien. Dennoch ist er ein entschiedener Verfechter der sogenannten Schulmedizin: Bei seinem angeborenen Herzfehler, dem Loch in der Herzscheidewand, habe es nur die Lösung gegeben, »Kardiologen und Chirurgen ranzulassen, den Brustkorb aufzusägen, mich an die Herz-Lungen-Maschine anzuschließen und das Loch zuzunähen«. Mohrs trockener Kommentar zu den Alternativen: »Drei Ave-Maria, Waschungen mit lauwarmem Lavendelöl oder Mumpitz wie magnetische Steine unter dem Kopfkissen helfen da nicht mehr.«
Joachim Mohr - selbst kein Privatpatient - hat naturgemäß viel Erfahrung mit dem deutschen Gesundheitssystem gemacht. Bei allem, was man so alles in den vergangenen Jahren an Debatten über Versicherungsbeiträge, Krankenhausfinanzierung, Ärztehonorare, Apparate- und Zweiklassenmedizin gelesen und gehört hat, überrascht sein Fazit: »Das Gesundheitssystem in Deutschland ist trotz allen Irrsinns eines der besten der Welt.« Die Begründung: »Wer zwischen Hamburg und München ernsthaft erkrankt in der Notaufnahme einer Klinik landet, der wird behandelt - und meist nicht schlecht. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Patient Millionär ist, bei welcher Krankenkasse er versichert ist oder ob er von staatlicher Unterstützung lebt.« Dass das nicht überall so ist, hat Mohr in den USA erlebt. Als er im kalifornischen Rancho Mirage mit massivem Vorhofflimmern in Krankenhaus kam. Da musste seine Frau erst per Kreditkarte tausend Dollar hinterlegen, bevor sich die Ärzte seiner annahmen. (GEA)
Welcher Sport ist überhaupt der Richtige? Was ist besser: Joggen, schwimmen oder Krafttraining? Und kann ich als älterer Mensch auch noch mit Ausdauersport beginnen? In einer mehrteiligen Serie geben wir die Antworten.