Heimat und Welt
DIE LÄSTERSPALTE

Fasten für die Leidenschaft

VON EMANUEL K. SCHÜRER

Ein Teil der Menschheit steckt mitten in der Fastenzeit. Die ist von den christlichen Kirchen zwar nicht mehr vorgeschrieben, wird aber empfohlen. Während das katholische Hilfswerk Misereor ein Zeichen gegen den weltweiten Klimawandel setzen will, empfiehlt die evangelische Bischöfin mit dem schönen Namen Susanne Breit-Keßler, »kluger, heilsamer Verzicht« könne zu Lebensfreude und einem leidenschaftlicheren (!) Dasein beitragen. Lieb gewonnene Gewohnheiten mal über Bord werfen und testen, was passiert ? Fasten ist zweifellos eine gute Idee.

Eine Umfrage hat ergeben, dass fast zwei Drittel der Deutschen am ehesten auf Alkohol verzichten. Bischöfin Margot Käßmann war dieses Jahr ja leider nicht dabei, obwohl sie doch 2009 um diese Jahreszeit noch wie folgt zitiert wurde: »Ich verzichte auf Alkohol (...) ich merke auf einmal, wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann.« Wohl wahr.

Bei der Umfrage folgten auf den Plätzen Süßigkeiten, Zigaretten und ? mit weitem Abstand ? Computer oder Internet sowie Autofahren. Welcher Verzicht am besten zur Steigerung der Leidenschaftlichkeit taugt, muss jeder selbst entscheiden.
Eigentlich habe ich ja mit der Idee geliebäugelt (das Wort wollte ich schon lange mal im GEA unterbringen), auf die Lästerspalte zu verzichten, um sie dann mit umso größerer Leidenschaft zu Ostern wieder einzuführen. Dagegen hatten aber meine Chefs etwas.

Mit etwas Verzögerung fastet nun auch der Geschäftsführer der Berliner Treberhilfe. Er verzichtet auf seinen Maserati quattroporte als Dienstwagen (»einem Wirtschaftsmenschen angemessen«) und im Moment auch auf die Arbeit in der diakonischen Einrichtung.
Für die restlichen Wochen der Fastenzeit hätten wir noch einige Vorschläge. Die Regierungskoalition könnte doch mal auf die Profilierungs-Mätzchen verzichten und sich stattdessen leidenschaftlich an die Lösung der Probleme machen. Die Banker könnten sich des windigen Spekulierens mit dem Geld anderer enthalten. Vielleicht würde sich ja die Finanzkrise dann bald ganz von selbst auflösen. Und unschätzbar wären die Folgen, wenn die Gastronomen mal auf Fertigsoßen und Glutamat verzichteten.

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