Heimat und Welt
Feiern - Gegen Randale und Gewalt: Narrenzünfte aus dem Schwarzwald machen über Facebook mobil

Fasnet statt Krawall

Von Ralf Grabowski

Diese Hästräger wollen eine friedliche Fasnet: Die Initiative wurde ursprünglich nur von ein paar wenigen Gruppen getragen, jetzt kommen immer mehr dazu. FOTO: SPETHER
Alkohol, Drogen, Gewalt. Was seit Jahrhunderten als Gaudi und Auszeit vom Alltag gefeiert wird, endet mittlerweile immer häufiger in handfesten Prügeleien und Alkoholexzessen. In manchen Gegenden leben Hästräger gefährlich. Ihnen werden die Masken heruntergezogen, sie werden getreten, ihr Häs angezündet.

So erzählt es Benedikt Spether, der Zunftmeister der Sasbacher Lochmatt-Druden. Seit über 25 Jahren engagiert er sich in der Fasnet, das Brauchtum liegt ihm am Herzen. Doch in den vergangenen Jahren erlebte er auf Umzügen und Faschingsbällen immer häufiger ganz und gar unnärrische Szenen. Zusammen mit fünf befreundeten Zünften aus dem Schwarzwald gründete er deshalb das Aktionsbündnis »Hästräger gegen Gewalt«.



Anfang November platzierten er und seine Mitstreiter eine Homepage im Netz sowie eine entsprechende Seite auf Facebook, die mittlerweile über 2.000 Fans hat - und täglich kommen neue hinzu. »Brauchtum statt Krawall«: Seit ein paar Tagen bringen die Aktivisten auch in einem pfiffig gemachten YouTube-Video, unterlegt mit einem fetzigen Rhythmus, ihre Botschaft auf die Bildschirme.

Sie scheinen damit einen Nerv getroffen zu haben. »Das ist Wahnsinn«, sagt Spether, »ich bekomme jeden Tag Hunderte Mails. Gestern waren es 250!« Mittlerweile sind weitere Narrengruppen - auch aus der Schweiz - dazugestoßen; Hunderte Zünfte vor allem aus Baden und der Bodenseeregion unterstützen die Initiative. Wieder einmal zeigt sich, dass sich Interessengruppen via Web und Facebook sehr schnell bekannt machen können. Doch ein virtuelles Netzwerk wollen die Hästräger nicht bleiben. Sie suchen den Schulterschluss mit der Polizei und treffen sich immer wieder ganz real zu gemeinsamen Sitzungen. Schließlich wollen sie auch »Normalos« wach rütteln: »Wir brauchen mehr Zivilcourage, auch von den Besuchern.«

Aber geht es wirklich so schlimm zu bei der Fasnet? Die tollen Tage sind eben eine turbulente Zeit, bei der schon immer viel Schabernack getrieben wurde. »Die Fasnet bleibt gleich«, sagt auch der Zunftmeister, »aber die Gesellschaft ändert sich.« Und dann erzählt er von seinen Erlebnissen auf Umzügen und bei Faschingsbällen, von Beleidigungen, Rempeleien und aggressiver Anmache.
Mein Sohn musste sich Arschtritte gefallen lassen
 

Andere Maskenträger berichten Ähnliches, wie im Forum nachzulesen ist: »Die Straße wurde immer enger, Zuschauer standen nahezu Aug? in Aug? mit den Hästrägern. Keine Streckenposten, die die Meute wieder auf die Seiten schob. Mein Sohn musste sich Arschtritte von Jugendlichen gefallen lassen. Ausdrücke, Frotzeleien, Schubser und dergleichen musste man über sich ergehen lassen.« Für Spether spielt bei solchen Szenen der »Freund Alkohol« eine große Rolle: »Auf Nachtumzügen sehe ich dreizehn- oder vierzehnjährige Mädchen im Rausch auf dem Boden liegen. Das hat doch nichts mit Fasnacht zu tun.« Seine Angst: »Das Brauchtum bleibt dabei auf der Strecke.«

Auch um Reutlingen herum haben Narren diese Gefahren erkannt. Bereits im vergangenen Jahr wurde bei den Umzügen in Eningen und Engstingen deshalb kein Schnaps mehr verkauft - mit gutem Erfolg. Die Vereine bleiben bei diesem Konzept, erklärt Markus Lorenz, bei der Reutlinger Polizei zuständig für Prävention. Auch die anderen mittlerweile rund 70 Narrenvereinigungen aus dem Kreis stünden hinter solchen Verkaufsbeschränkungen. Übrigens schon eine ganze Weile. »Wir erleben hier im Kreis in den vergangenen vielleicht vier Jahren eher einen Rückgang der Vorkommnisse bei der Fasnet«, sagt Lorenz.

In anderen Landesteilen scheint das anders zu sein. Auch außerhalb der Fasnet häufen sich Exzesse. Das haben beispielsweise die Jugendämter gemerkt und sich deshalb zum »Landesnetzwerk neue Festkultur« zusammengeschlossen. Auch das Reutlinger Landratsamt ist dabei. Die Experten erstellten Leitlinien zum Schutz der jugendlichen Festbesucher. Einen Schritt weiter geht der Landkreis Sigmaringen, der mit dem »Fairfest«-Siegel eine Art Premiumversion geschaffen hat. Damit werden Veranstaltungen zertifiziert, die besondere Regeln einhalten. Dort sind die Einlasskontrollen beispielsweise besonders streng, es gibt immer auch günstige nicht-alkoholische Getränke, und spätestens um drei Uhr nachts ist der Laden dicht.
Bisher gab es bei ?Fairfesten? keine Auffälligkeiten
 

»Seit 2008 gab es bei uns 68 Fairfeste«, freut sich Dietmar Unterricker vom Landratsamt. Er gibt aber auch zu, dass die meisten Veranstalter schwer zu überzeugen sind. Auf Ablehnung stoße vor allem das One-Way-Ticket: Wer bei einer solchen Party einmal rausgehe, müsse danach wieder den vollen Eintritt zahlen. Grund: Die Gäste sollen nicht mal kurz ans Auto zur Schnapsflasche gehen. Durch solch rigide Regeln werden Fairfeste bei Jugendlichen uncool - das weiß Unterricker und das ahnen die Veranstalter, weshalb kommerzielle Partymacher gar nichts von diesem Siegel wissen wollen. Doch der Experte weiß auch: »Bisher gab es bei Fairfesten keine Auffälligkeiten, und wenn Veranstalter sich einmal zertifizieren ließen, bleiben sie dabei. Sie machen gute Erfahrungen.« Nun haben Unterricker und sein Team noch eines draufgesetzt und den Party-Pass kreiert.

»Das sorgt gerade für mächtig Furore«, freut sich der Experte und erklärt den Hintergrund: Bis vor Kurzem konnten minderjährige Festbesucher beim Eingang ihren Personalausweis hinterlegen und so dokumentieren, dass sie rechtzeitig die Fete verlassen. Wenn nicht, wurden sie beispielsweise von der Bühne aus namentlich aufgerufen oder mussten am andern Tag mit ihren Eltern kommen und ihren Ausweis abholen.

Seit einer Gesetzesänderung dürfen die Ausweise nicht mehr hinterlegt werden. Hier kommt der Partypass ins Spiel, der aus dem Web heruntergeladen und ausgedruckt wird. Versehen mit Namen, Adresse und Bild geben die Jugendlichen ihn als Pfand am Eingang ab. »Wir haben seit Sommer 22.000 Downloads«, freut sich Unterricker. »Allein an einem der letzten Wochenenden wurden 3.000 Formulare abgerufen.« Und zwar nicht nur aus den elf Landkreisen und Städten, die offizielle dabei sind (Reutlingen und Tübingen fehlen), sondern auch aus angrenzenden Regionen.

Der Zunftmeister Spether denkt auch an ein Gütesiegel für Fasnetsveranstaltungen - das beispielsweise den Alkoholausschank kontrolliert und Verkleidungen vorschreibt - so soll das normale Diskopublikum draussen bleiben. Wie genau das aussehen soll, darüber werden er und seine Mitstreiter sich in ein paar Wochen Gedanken machen. Bis jetzt ist es ihnen wichtig, bekannt zu werden, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und fürs Thema Gewalt zu sensibilisieren. Vorerst genug Arbeit, schließlich haben sie jetzt erst mal die Fasnet zu feiern. (GEA)

Weitere Informationen

Seite versenden
 

Das könnte Sie auch interessieren

Afghanistans Partner zu...

Chicago (dpa) - Die internationalen Partner sind b... mehr»

Afghanistans Partner zu...

Chicago (dpa) - Die internationalen Partner sind b... mehr»

Drogba verlässt...

Didier Drogba wird den FC Chelsea verlassen. Foto: Marcus Brandt

London (dpa) - Final-Held Didier Drogba verlässt d... mehr»

Spaniens Rajoy äußert sich...

Chicago (dpa) - In der neuen europäischen Debatte ... mehr»

F&A: Was der Nato-Gipfel gebracht hat

Chicago (dpa) - Die Staats- und Regierungschefs de... mehr»

H+W Serie

Alles über Fitness

Welcher Sport ist überhaupt der Richtige? Was ist besser: Joggen, schwimmen oder Krafttraining? Und kann ich als älterer Mensch auch noch mit Ausdauersport beginnen? In einer mehrteiligen Serie geben wir die Antworten.
lesen »