Heimat und Welt

Ein bunter Strauß Wissen: Vera F. Birkenbihl im Gespräch

Von Ralf Grabowski

Vera F. Birkenbihl ist eine streitbare Persönlichkeit. Auf Basis der Hirnforschung entwickelt die 64 Jahre alte Management-Trainerin unter anderem Kreativitäts- und Lerntechniken. Ihr Thema ist das assoziative »Gehirn gerechte« Lernen und Arbeiten. Mit gut 60 Titeln und Sprachkursen ist sie auch als Sachbuchautorin sehr produktiv. Die Auflagen gehen in die Millionen. Ralf Grabowski unterhielt sich mit der gebürtigen Münchnerin, und musste dabei auf der Hut, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Ein "Ka-Wa" zum Thema Wissen. Vera F. Birkenbihl arbeitet gern mit solchen Sinnbildern, die hoch assoziativ Wissen generieren.
GEA: Sie hadern seit Ihrer Schulzeit mit der Art und Weise, wie Wissen vermittelt wird. Was läuft schief?
Vera F. Birkenbihl: Ich sage Ihnen, was schief läuft. In einem Beispiel verstehen Sie alles: Wir haben eine Kanzlerin, die die Frechheit besitzt, bei der Föderalismusreform die Bildungshoheit an die Länder zurückzugeben und dann zu einem Bildungsgipfel aufzurufen und Deutschland zum Bildungsland zu ernennen - dabei kann sie jetzt gar nichts mehr beitragen.

Aber das hat doch nichts mit unseren Schulen zu tun ...
Birkenbihl: Natürlich hat es das! Oder schauen Sie Bayern und Baden-Württemberg an. Die südlichen Bundesländer schneiden in Bildungstests besser ab als die nördlichen. Dafür ist im Süden die sozio-ökonomische Distanz größer. Soll heißen: Die soziale Herkunft entscheidet stärker über den Schulerfolg. Schule müsste eigentlich die Kluft zwischen bildungsfern und bildungsnah schließen. Tut sie aber nicht!

Das wird kein leichtes Interview werden, bei dem ich kurze, klare Antworten erwarten darf, denke ich. Jetzt erklärt sie bildreich, wo auf einer vorgestellten Skala bildungsnahe, bildungsferne und bildungsfeindliche Milieus verortet sind.
»Unsere Schule wurde für das Industriezeitalter geschaffen«
 

Warum schließt die Schule denn nicht die Kluft zwischen bildungsfern und bildungsnah?
Birkenbihl: Weil Schule, wie wir sie jetzt kennen, für das Industriezeitalter geschaffen worden ist. Ich referiere jetzt den US-amerikanischen Schulkritiker John Tayler Gatto: In der aufkommenden Industrialisierung ging es darum, pünktlich zu erscheinen, gehorsam zu sein und minimal lesen zu können. Es wurde also keine Bildung vermittelt! Man hat aber dabei, wie ich hinzufüge, traditionelle Bildungsformen zerstört ...

Nun geht sie in der Geschichte weit zurück - zu Martin Luther, der Anfang der 1520er-Jahre die Bibel ins Deutsche übersetzte, und so für eine wahre Bildungs-Revolution sorgte. Nicht zu vergessen der Beitrag Indiens zum derzeitigen »stupiden Schulsystem«. Mir schwirrt der Kopf, doch ihre Erklärungen haben Hand und Fuß. Und ich merke: Sie verfügt über einen ungeheuren Vorrat an Wissen. Wow!

Mein Eindruck ist, dass Sie viel schneller denken als andere Menschen.
Birkenbihl: Es ist so: Ich bin neuronal langsam. Neue Dinge zu lernen, fällt mir wahnsinnig schwer. Und zwar gibt es beim Lernen drei Aspekte. Da wäre erstens die Geschwindigkeit der Neuronen, wenn man Neues lernt. Meine Neuronen feuern langsam, das ist angeboren. Deshalb kam ich mir immer ein bisserl blöd vor. Zweitens: Je mehr ich weiß, desto leichter lerne ich Neues, weil ich über ein Wissensnetz verfüge, in das ich lose Enden, schnell einknüpfen kann. Drittens: Die Methode, wie ich lerne.

Das »Wissens-Netz« ist ein wichtiger Ansatz bei Birkenbihl. Demnach liegt Wissen nicht in schön geordneter Form vor, vergleichbar mit einer Tabelle, sondern eher chaotisch und assoziativ, vergleichbar mit einem Netz. Wichtig für Lernende sei es, neues Wissen an bestehendes anzuknüpfen. Ihre Bücher spiegeln diesen Netz-Gedanken wider: Dort wimmelt es von Querverweisen, von fetter und kursiver Schrift. Neben, unter dem oder mitten im Text stehen handschriftliche sinnbildhafte Skizzen, wie oben eines zu sehen ist.
Vera F. Birkenbihl streitet und kämpft für Hirn gerechtes Lernen. FOTO: PRIVAT
Sie arbeiten viel mit Papier und dicken Filzstiften. Ist das hirn-gerechter?
Birkenbihl: Na klar. Von den Chinesen stammt der Spruch »Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.« Die neuen bildgebenden Verfahren in der Medizin haben gezeigt, dass unser Hirn ein Bild ungefähr tausend Mal schneller verarbeitet als ein Wort. Wenn Sie meine Bücher lesen, müssen sie die Marginalien gar nicht anschauen, die registrieren sie ganz unbewusst. Viele Leser sagen, sie hätten ungefähr fünf Minuten des Widerwillens gebraucht (lacht). Klar, sie kennen ja sonst nur Bleiwüsten.

Bei ihr klingt das Handy. Weil unser Gespräch viel länger dauern wird als vereinbart, erledigt sie am Mobiltelefon einen geschäftlichen Termin. Ich darf mithören und erlebe ihre klare, manchmal fast brüske Art des Umgangs. Es geht um viele Details, es geht vor allem aber darum, dass der Anrufer bei ihrem letzten Gespräch nicht richtig aufgepasst hat.
Sie leiden unter dem Asperger-Syndrom, einer leichten Form des Autismus ...
Birkenbihl: ... ich leide überhaupt nicht, aber die anderen leiden (lacht). Man hat mit mir umso mehr Schwierigkeiten, je weniger man Versprechen einhält. Da schreie ich dann immer furchtbar rum. Wenn’s gut geht, bin ich emotional zwölf Jahre alt, und wenn’s nicht gut geht, müssen sie mich behandeln wie ein vierjähriges Kind. Und intellektuell bin ich 151 Jahre alt.
Ich leide nicht am Asperger-Syndrom. Die anderen leiden
 

Zurück zum Thema. Was genau finden Sie an der Schule schlecht?
Birkenbihl: Jetzt muss ich ihnen zuvor noch was erzählen über unser Gehirn: Wenn wir dabei sind, etwas zu tun, und es passiert ein Fehler, dann können Sie den Fehler bewusst oder unbewusst korrigieren. Leuchtet das ein?

Ja.
Birkenbihl: Gut. Wenn ich etwas Neues lerne, und Sie korrigieren mich dauernd, dann zwingen Sie mich, den Fehler bewusst wahrzunehmen. Nehmen wir an, Sie sind im Begriff, beim Autofahren die Spur zu verlieren. Das löst eine Fehlerwelle im Gehirn aus, offizieller Name ERN. Das steht für error related negativity, weil es ein minimaler Stromabfall ist, der sich messen lässt. Diese Fehlerwelle stoppt den Dopaminfluss, der mit zielorientierten Tätigkeiten einhergeht. Dopamin ist der Motivator, der uns bei der Stange hält. Wenn wir die ERN-Welle unbewusst registrieren, können wir Fehler oft auch unbewusst verarbeiten oder korrigieren, etwa die Spur auf der Straße halten. Korrigiert mich aber jemand, dann muss ich den Fehler bewusst wahrnehmen, was von der Tätigkeit ablenkt. Mehr noch: Ich löse mich von der Tätigkeit und werde immer unsicherer. Wenn ich Fehler dagegen unbewusst korrigieren kann, lerne ich leicht und schnell, weil meine Konzentration ständig auf der Tätigkeit selbst liegt.

Wie sieht die optimale Schule aus?
Birkenbihl: Die optimale Schule ist eine demokratische Schule. Davon gibt es einige, auch in Deutschland, zum Beispiel die Sutburry-Schulen. Dort gibt es keinerlei Zwang, etwas zu lernen.

Aber ohne Noten würde doch kein Schüler etwas lernen.
Birkenbihl: Völlig falsch! Der US-amerikanische Professor Douglas McGregor entwickelte schon 1960 ein Management-Modell, die X-Y-Theorie. Managementeinstellung X besagt: Der Mitarbeiter ist faul, der will nicht arbeiten und sich nicht entwickeln. Wir müssen ihn zwingen und deshalb auch kontrollieren. Die Theorie Y besagt, der Mitarbeiter ist prima. Arbeit ist genauso natürlich wie Sport oder Spiel. Deshalb engagiert er sich und er wächst mit seinen Aufgaben. Unsere Einstellung den Schülern gegenüber ist: Die Schüler sind alle faul, wir müssen sie kontrollieren, deswegen gibt es das Notensystem. Wenn wir die Noten nicht hätten, dann würden die gar nichts tun. Die Theorie Y besagt: Die Schüler sind prima, Lernen ist angeboren, genauso wie Sport oder Spiel. Eine demokratische Schule lässt Lernen zu. Die normale Schule zerstört die Lernfähigkeit systematisch, weil sie auf Pauken setzt, und Pauken ist nicht lernen.

Sondern? Pauken ist ...
Birkenbihl: Pauken kreiert im Kopf ein kognitives Vakuum, während Lernen immer mit Einsicht, Begreifen und wachsendem Können einhergeht.

Vera F. Birkenbihl, deren Methoden in Österreich zum Repertoire der Lehrerausbildung gehören, brennt für ihre Mission. Wenn sie sich über die herkömmliche Art der Wissensvermittlung ärgert, wird sie laut. Manchmal unterstützt sie ihre Aussage mit Schlägen auf die Tischplatte. Doch sie lacht auch gern und zeigt viel Humor.

Wie kann ich meinem Kind helfen, das an einer ganz normalen Schule ist und Schwierigkeiten hat?
Birkenbihl: Ich habe einige Techniken entwickelt, sich selbst zu unterrichten. Etwa die Zitatetechnik. Ein einfaches Beispiel: Demnächst kommen die Bienen dran. Nun geht ihr Kind ins Internet und sucht nach »Bienen Zitat« oder »Bienen Definition«. Dann findet es verschiedene Textstellen, die mit Bienen zu tun haben, sucht sich die ersten zehn und kopiert sie in ein Word-Dokument. Das druckt es aus und liest es durch. Danach hat es schon einen sehr guten Überblick. Oder es fragt andere, welche Assoziationen ihnen zu Bienen einfallen. Und erst danach liest es dieses möglicherweise langweilige Schulbuch durch und hat einen ganz anderen Einstieg, weil es mehr weiß.

Haben Sie noch einen Tipp?
Birkenbihl: Spielen Sie »Stadt, Land, Fluss«. Wenn wir mit Kindern »Stadt, Land, Fluss« spielen, öffnen sich ihre inneren Archive für Namen von Städten, Ländern und Flüssen. Das Spiel kann man variieren und jede Kategorie austauschen. Mit Managern spiele ich manchmal »Stadt, Land, Quantenphysik«. Da dauert es immer lange, bis jemand »Stopp« sagt. Klar, weil unsere innere Schublade für Quantenphysik leer ist. Wenn wir regelmäßig spielen würden, würden wie nach und nach Wörter sammeln zu diesem Thema. Wenn Sie nun wissen, dass ein bestimmtes Thema, etwa die Römer, drankommt, dann spielen Sie »Stadt, Land, Römer«. Damit bereiten Sie Ihre Kinder vor. (GEA)

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