Heimat und Welt
Kinder - Sehschwächen müssen in den ersten Lebensjahren behandelt werden. Im Schulalter ist es meist schon zu spät

Durchblick von Anfang an

Von Gisela Sämann

Macht Spaß: die Welt mit zwei gesunden Augen betrachten. Foto: Fotolia
Manche Eltern wollen die Diagnose gar nicht glauben. »Mein Kind sieht doch gut«, hört der Metzinger Augenarzt Friedrich Lorch immer wieder, wenn er bei putzmunteren, umtriebigen Kleinen Sehfehler feststellt. »Eltern können das nicht erkennen, eine Sehschwäche fällt im Alltag meistens nicht auf.« Schon gar nicht, wenn nur ein Auge betroffen ist - dann übernimmt das gesunde Auge einfach die ganze Arbeit. Fatal allerdings ist es, wenn irgendwann in späteren Jahren dieses gesunde Auge krank wird oder gar komplett ausfällt. »Dann hat man ein dickes Problem«, sagt Lorch.

Gemeinsam mit Kinderärzten machen sich Augenärzte im Kreis Reutlingen deshalb seit fünf Jahren im Projekt »KinderAugen« dafür stark, dass auch die ganz Kleinen augenärztlich untersucht werden. Der erste Termin sollte laut den Experten um den ersten Geburtstag herum liegen, mit etwa drei Jahren steht dann der zweite Besuch beim Augenarzt an. Wenn Eltern diese Vorsorgeuntersuchungen nutzen, sagt Friedrich Lorch, dann haben sie viel dafür getan, dass ihre Kinder die Welt mit zwei gesunden Augen betrachten können.



Das Projekt »KinderAugen« habe sich bewährt, berichtet Lorch, einer der Initiatoren. Es funktioniert so: Die Kinderärzte empfehlen den Eltern den Besuch bei einem Augenarzt, die Fachleute machen die Untersuchung. Pro Jahr werden im Kreis auf diese Weise rund 800 Kinder untersucht, bei rund 40 werden Sehschwächen gefunden. Laut dem Berufsverband der Augenärzte Deuschlands bestehen bei zehn Prozent der Kleinkinder Sehschwächen, nach Schätzungen werden 60 Prozent zu spät behandelt. Die Vorsorgeuntersuchung kostet rund 65 Euro und wird nicht von den Kassen übernommen - die Behandlung eventueller Sehfehler wird allerdings voll bezahlt.

»Am Geld scheitert es nicht«, weiß Friedrich Lorch. Eher am fehlenden Wissen, warum die frühen Untersuchungen so wichtig sind. »Kinderaugen müssen sehen lernen«, sagt Lorch. Dieses Lernen geschieht in den allerersten Lebensjahren. Aber nicht nur das Auge wird in dieser Zeit trainiert. Sehen ist ebenso eine Leistung des Gehirns, das die optischen Reize und Eindrücke empfängt und verarbeitet. Zur »Hardware« des Sehapparats muss quasi die »Software« im Gehirn entwickelt werden. Auch diese Programmierung findet in den ersten Lebensjahren statt - und läuft nur mit guter Sehfähigkeit optimal.

Werden Sehschwächen nicht frühzeitig korrigiert, kann das Auge ungefähr vom sechsten Lebensjahr an nichts mehr dazulernen. Es bleibt lebenslang schwach; selbst Brillen oder Operationen richten dann nicht mehr viel aus. »Viele Eltern wissen nicht, dass Schäden ab einem gewissen Alter irreparabel sind«, sagt Lorch. »Wenn die Kinder über sechs Jahre alt sind, kriegt man praktisch nichts mehr hin.«

Augenärzte verordnen deshalb selbst Einjährigen eine Brille, wenn es nötig ist. Häufig wird ein Auge zeitweilig abgeklebt, in Einzelfällen ist vielleicht eine Schieloperation nötig. Noch einen ganz pragmatischen Grund für die frühe Therapie nennt Lorch: »Kleine Kinder machen zum Beispiel das Abkleben eines Auges noch klaglos mit. Wenn sie im Kindergarten sind und von den anderen vielleicht gehänselt werden, ist es schon schwieriger.«

Der Pfullinger Kinderarzt Wolfgang Brehm, ebenfalls beim Projekt »KinderAugen« dabei, ist vom Nutzen der Zusammenarbeit mit den Augenärzten zutiefst überzeugt. Zwar testen auch die Kinderärzte im Rahmen gesetzlicher Vorsorgeuntersuchungen das Sehvermögen, aber: »Wir sind dafür keine Fachleute.« In der Kinderarztpraxis könnten nur grobe Tests gemacht werden und folglich auch nur grobe Fehlsichtigkeiten wie deutliches Schielen erkannt werden. Aber das könnten aufmerksame Eltern oft auch selbst feststellen. Um verborgene Sehschwächen aufzuspüren, brauche man spezielle Geräte und eine spezielle Ausbildung.

Besonders problematisch sind die einseitigen Sehschwächen, weil sie im Alltag nicht auffallen - oft noch nicht mal den Betroffenen selbst. »Ein Kind braucht nicht unbedingt zwei gesunde Augen, um gut zurechtzukommen«, sagt Lorch. Schon die Kleinsten könnten Sehfehler auf einem Auge sehr gut kompensieren und sich trotzdem sicher bewegen. »Die großen Probleme kommen oft in sehr viel späteren Jahren.« Zum Beispiel, wenn das gesunde Auge bei einem Unfall verletzt wird und man plötzlich auf das schwache Auge angewiesen ist - dann ist es unter Umständen vorbei mit dem Autofahren und vielleicht auch vorbei mit der beruflichen Karriere. Und: »Alte Menschen haben oft Durchblutungsstörungen«, sagt Friedrich Lorch. »Wenn das gesunde Auge davon betroffen ist und ausfällt, hat man kein zweites zum Kompensieren.«

Genug Gründe, um die augenärztliche Untersuchung bei Kleinkindern in das gesetzliche Vorsorgeprogramm aufzunehmen, finden die Ärzte vom Projekt »KinderAugen«. Da beißen die Mediziner bei den Krankenkassen bisher allerdings auf Granit. Solange das so bleibt, wünschen sich Lorch und Brehm, dass sich noch mehr Kinder- und Augenärzte im Landkreis Reutlingen an dem Projekt beteiligen und die Eltern entsprechend informieren. Damit möglichst viele Kinder von Anfang an den vollen Durchblick haben. (GEA)

Seite versenden
 

Das könnte Sie auch interessieren

Eva Longoria ist in Frankreich...

Eine Prinzessin in Cannes: Eva Longoria. Foto: Guillaume Horcajuelo

New York (dpa) - «Desperate Housewives»-Schauspiel... mehr»

Neues Bond-Girl stellt ersten...

Cannes (dpa) - Das neue Bond-Girl, Bérénice Marloh... mehr»

Brunettis 20. Fall: «Reiches Erbe»...

Donna Leon veröffentlicht jedes Jahr einen Brunetti-Krimi. Foto: Herbert Knosowski

Zürich (dpa) - Bereits zu Beginn ihrer schriftstel... mehr»

Bericht: Viele Kliniken zahlen...

Noch immer zahlen viele Kliniken

Berlin (dpa) - Viele Ärzte kassieren Extra-Honorar... mehr»

Hollande: Umbau Europas meine...

François Hollande hat sich die «Reorganisation Europas» zum Ziel gesteckt. Foto: Tannen Maury

Chicago (dpa) - Der neue französische Staatspräsid... mehr»

H+W Serie

Alles über Fitness

Welcher Sport ist überhaupt der Richtige? Was ist besser: Joggen, schwimmen oder Krafttraining? Und kann ich als älterer Mensch auch noch mit Ausdauersport beginnen? In einer mehrteiligen Serie geben wir die Antworten.
lesen »