Heimat und Welt
Pop - Die Musikerinnen der Gruppe Ganes arbeiten auf ihrem Album die Epen ihrer ladinischen Heimat auf

Die Pfeile der traurigen Kriegerin

VON ARMIN KNAUER

Als vor sieben Jahren drei junge Frauen aus Südtirol die Popszene mit Songs auf Ladinisch aufmischten, hatten sie schnell das Etikett »Alpenpop« an sich kleben. Das war schon damals Unsinn. Zwar kamen die Geschwister Elisabeth und Marlene Schuon und ihre Cousine Maria Moling aus den Alpen – aus La Val in den Dolomiten, und zwar aus jenem Teil, in dem das Ladinische noch im Alltag gesprochen wird. Aber von alpenländischer Folklore war bei Ganes noch nie eine Spur.

Stattdessen präsentierten die drei, die allesamt Musik studiert haben, astreinen Pop, der klanglich unglaublich ausgeklügelt daherkam und in dem die Stimmen der drei oft in federleichten Harmonien dahinwehten. Wenn überhaupt, dann schwang in ihrer Musik nicht Folklore, sondern Folk mit. Allerdings weniger in der Songstruktur, sondern in ihrer Vorliebe für akustische Klangzaubereien.

Überhaupt waren die drei bald aus dem Alpendorf in der Großstadt München gelandet, von wo aus es Marlene nach Berlin zog, während Elisabeth inzwischen im Bregenzer Wald lebt. Und so schien es, als würde aus der Gruppe Ganes immer mehr ein durchaus urbanes Phänomen.

Und dann das: Plötzlich steht auf dem neuen Album wieder die Bergwelt der Dolomiten im Mittelpunkt. Die Platte »An cunta che« (ladinisch für »Man erzählt«) entfaltet in zwölf Songs die Epenwelt der ladinischen Kultur. »Es sollte mal was ganz anderes sein«, erklärt Elisabeth Schuon beim Besuch in der GEA-Redaktion. Man habe mal ein Album mit einem geschlossenen Thema machen wollen. Die ladinischen Sagen hätten sich dazu angeboten. »Das ist so ein bisschen Herr-der-Ringe-mäßig« schmunzelt ihre Schwester Marlene.

In Wirklichkeit war diese mythisch-naturhafte Schicht bei Ganes nie ganz weg gewesen. Neben luftiger Anmut hatten ihre Pop-Songs schon in früheren Platten immer wieder mal was Verrätseltes und naturhaft Atmosphärisches als doppelte Schicht darunter. Letztlich war das immer Teil der Faszination Ganes: diese Doppeldeutigkeit zwischen urbaner Coolness und unterschwelliger Melancholie, zwischen hippen Pop-Sounds und dunkel-naturhaften Sprach- und Klangbildern. Die Spannung zwischen Heimat und Welt war bei Ganes immer da.

Teil der Kindheit

Für die Schuon-Geschwister und ihre Kusine sind die ladinischen Sagen so selbstverständlicher Teil ihrer Kindheit wie hierzulande Hänsel und Gretel. »Das wurde in der Grundschule erzählt«, sagt Elisabeth Schuon. Eine ihrer Lehrerinnen habe sogar ein Lehrbuch dazu herausgebracht. »Und wenn wir als Kinder durch die Berge gewandert sind, haben wir uns immer vorgestellt, dass hinter dem nächsten Felsen die Dolasila hervorguckt«, sagt Marlene.

Im Gegensatz zu den Märchen der Brüder Grimm, die oft auf französische Hofmärchen des Barock zurückgehen, sind die ladinischen Sagen jedoch sehr alt. Möglicherweise datieren sie bis in die Antike zurück, und sie umfassen einen Gründungs-Mythos der Alpenkulturen wie auch die Legende ihres Niedergangs. Sogenannte »Cuntastories«, Geschichtenerzähler, tradierten sie von Generation zu Generation – erst um 1900 wurden sie von dem autodidaktischen Volkskundler Karl Felix Wolff zum ersten Mal aufgeschrieben. Sein Buch hat sich Marlene Schuon zur Vorbereitung vorgeknöpft. Sie sei sich bewusst, dass Wolffs Deutung umstritten ist. Wolff, erklärt sie, habe die Sagen in der Nähe der germanisch-nordischen Sagenwelt gesehen. Heute gehe man aber davon aus, dass sie eher zu den mediterranen Mythen gehören. So erinnere die Kriegerin Dolasila mit ihren unfehlbaren Pfeilen an die Jagdgöttin Artemis.

Die Platte umreißt in etwa der Hälfte der Songs den Hauptstrang der ladinischen Sagen vom Aufstieg und Fall des Alpenvolks der Fanes. Daneben gehen weitere Lieder auf für sich stehende Märchen der ladinischen Bergwelt ein.

Das Hauptepos setzt ein mit dem Waisenmädchen Moltina, das von einer Wasserfrau, einer Gana, aufgezogen wird und mit den Murmeltieren aufwächst. Die Heirat mit einem Prinzen und ein Pakt mit den Murmeltieren als den eigentlichen Bewohnern der Bergwelt macht Moltina zur Königin des Fanes-Volks. Zentrales Motiv ist danach das Schicksal der Kriegerin Dolasila mit ihren unfehlbaren Pfeilen. Vom machtgierigen Fanes-König wird sie zum Krieg gezwungen und an der Heirat mit ihrem Geliebten Ey de Net (»Nachtauge«) gehindert, weil sie dann ihre Zauberkraft verlieren würde. In ihrer Verzweiflung verschenkt sie dreizehn ihrer Pfeil an unheimliche Kindwesen, die ihr in den Bergen begegnen – durch einen von ihnen wird die Frieden suchende Kriegerin am nächsten Tag sterben.

Pop trifft Archaisches

Auch diese Musik legen Ganes mit einem modernen Pop-Sound an. Und auch hier ist es wieder das Spiel mit ausgeklügelten Stimm- und Instrumentalfarben, das innerhalb dieses Rahmens dann doch die Aura des Mystischen und Naturhaften zaubert. Da hört man Geigen, Flöten (Nick Flade), Cello (Philipp Timm), Klarinette (Sebastian Borkowski), Flügelhorn (Bernhard Bär), Posaune (Johannes Bär), Klavier (Alex Trebo), Gitarren (Alex Sprave), Hackbrett (Philipp Thimm) und Kontrabass (»Elaiza«-Bassistin Natalie Plöger). Man hört aber auch einen alten Synthesizer und einen alten Drum-Computer aus den 80ern – auch diese »elektronischen Altertümer« weben mit an der besonderen Feen-Atmosphäre. Und natürlich die Ganes-typischen, mehrstimmigen Gesänge. Es sei mal etwas ganz anderes gewesen, nicht wie sonst aus der eigenen Biografie und dem eigenen Emotionsleben zu schöpfen, sagt Elisabeth Schuon. »Man taucht in die Rollen der Sagen ein wie ein Schauspieler, identifiziert sich mit den Figuren«, ergänzt Marlene. Das Ganze sei fast »wie einen Film in Tönen zu machen«. Die Songstrukturen sind daher auch oft untypisch, die Anlage zuweilen fast sinfonisch; Background-Chöre mit reizvollen Dissonanzen lassen Bezüge zu Filmmusik, Jazz und Klassik einfließen.

So lässt diese Musik Panoramen vorüberziehen, die archaisch und abenteuerlich sind, voll irisierender Klangfarben wie die Bergwelt der Dolomiten im Abendlicht. Und doch von einer Musik getragen, die mit der Leichtigkeit des Pop daherkommt.

Aktuell sind die ladinischen Sagen noch immer. »Es passiert ja auch heute, dass Menschen gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen«, sagt Elisabeth Schuon. Und das Anliegen der Dolasila, aus dem Teufelskreis immer neuer Schlachten herauszufinden, ist gerade heute ein drängendes Thema. (GEA)



Album: »An cunta che« (Capriola/Blanko Musik)

Live: 6. Dezember, 20 Uhr, Theaterhaus Stuttgart

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