Heimat und Welt

Der schlimmste Einsatz

Von Gisela Sämann

Am 11. März 2009 richtet der 17-jährige Tim K. ein furchtbares Blutbad in der Albertville-Realschule in Winnenden an. Drei Polizisten versuchen als Erste, den Amokläufer zu stellen. Einer von ihnen ist Thomas Schnepf aus Reutlingen-Reicheneck. Die Beamten riskieren dabei ihr Leben. Haben sie die Ereignisse verarbeitet, ein Jahr danach?

Foto: dpa
Winnenden, 11. März 2009: Dieser furchtbare Mittwochmorgen, kurz nach halb zehn. Auf der Polizeiwache geht ein Funkspruch ein - es gibt »ein Amoklauf in der Albertville-Schule«. Thomas Schnepf (50) ruft nach den Kollegen. »So habe ich ihn noch nie gehört«, sagt Sebastian Wolf (29). »Er hat mir eine Maschinenpistole in die Hand gedrückt, und dann sind wir zur Schule gefahren« - zusammen mit Tobias Obermüller, dem Dienstgruppenleiter. Die drei Polizisten sind die Ersten am Tatort.

Als sie an der Schule ankommen, hören sie Schüsse im Gebäude. Sie wissen noch nichts von dem grauenvollen Blutbad, das der Täter bereits angerichtet hat. Dass er mit einer großkalibrigen Waffe innerhalb von Minuten 60 Schuss abgefeuert hat, dass neun Jugendliche tot sind und drei Lehrerinnen, dass es Verletzte gibt. Sie wissen nur eines: Der Amokläufer muss unschädlich gemacht werden, so schnell wie möglich.

Im Eingangsbereich der Schule orientieren sie sich kurz. Da taucht eine Person oben an der Treppe auf. Schüler? Lehrer? Täter? Sebastian Wolf sieht Mündungsfeuer. Sein Leben hängt in diesem Moment am seidenen Faden ? ein Schuss, die Kugel pfeift ihm knapp am Kopf vorbei. Der Täter flüchtet. Also nach oben: Die drei Polizisten suchen den Amokläufer. Es ist eine gespenstische Szene. »Totenstille im ganzen Schulhaus, keine Schreie, nichts«, erinnert sich Wolf. Die Klassenzimmer sind von innen abgeschlossen. Im Flur liegen die toten Lehrerinnen, die sich Tim K. in den Weg gestellt haben.

Die Polizeibeamten suchen das Obergeschoss ab, sie finden den Amokläufer nicht. Sie wollen unten weitersuchen, da erfahren sie über Funk von Schüssen am nahen Landeskrankenhaus. Tim K. ist geflohen, hat inzwischen einen weiteren Menschen getötet und einen schwer verletzt. Den Polizisten ist klar: Sie müssen raus aus der Schule und dem Amokläufer den Weg abschneiden. Die Innenstadt ist nah - nicht auszudenken, wenn der Täter dorthin gelangt!

Sebastian Wolf, Thomas Schnepf und Tobias Obermüller werden Tim K. nicht mehr sehen. Inzwischen sind weitere Einsatzkräfte am Tatort. Doch Tim K. hat ein Auto samt Fahrer gekidnappt und ist schon unterwegs in Richtung Wendlingen. Dort gibt es zwei weitere Todesopfer und zwei schwer verletzte Polizisten, bis Tim K. sich selbst erschießt.
Winnenden, ein Jahr danach: Sebastian Wolf und Thomas Schnepf, sitzen in einem schmucklosen Aufenthaltsraum im Polizeirevier und erzählen, wie sie den grauenvollen Tag erlebt haben, der für viele Familien unendliches Leid gebracht, Menschen schwer traumatisiert und eine ganze Stadt wohl für immer verändert hat. Und wie sie selbst umgehen mit diesem Einsatz, bei dem sie ihr Leben riskiert haben.

»Für die Angehörigen der Opfer ist es natürlich am allerschwersten, damit fertig zu werden«, sagt Sebastian Wolf. Aber auch viele Einsatzkräfte tragen schwer an den Erlebnissen. »Ein gutes Dutzend Kollegen war anschließend in Behandlung«, berichtet Klaus Hinderer, Sprecher der Polizeidirektion Waiblingen. Manche kommen erst jetzt wieder in den Dienst zurück. Hinderer selbst hat heute noch ein ungutes Gefühl, wenn er am Schulgebäude vorbeifährt.

Sebastian Wolf sieht es vergleichsweise nüchtern. Weil man es als Polizeibeamter vielleicht so sehen muss: »Wir wissen, dass in diesem Beruf gefährliche Situationen passieren können. Wir sind ja dafür ausgebildet.« Auch für den schlimmsten aller Fälle, für einen Amoklauf. Seit Jahren gibt es entsprechende Trainingseinheiten, die alle Polizisten durchlaufen. Denn es sind die »normalen« Streifenbeamten, die als Erste am Tatort sind - bis Spezialeinheiten eintreffen, vergeht zu viel Zeit. Zeit, in der die »Interventionsteams« aus drei Polizisten das Leben Unschuldiger retten sollen, indem sie den Täter unschädlich machen. Was bedeuten kann, dass sie ihn töten müssen. Wolf wird es noch im Nachhinein mulmig, wenn er an den schwarz gekleideten Passanten denkt, auf den sie vor der Klinik gestoßen sind. Die Polizisten meinen, eine Pistole zu sehen: »Hände hoch, Waffe weg« - der Mann weiß nicht, wie ihm geschieht. Er hat einen Autoschlüssel in der Hand, das Schlüsselmäppchen hängt heraus. »Da können wir froh sein, dass nichts passiert ist.«

Froh sei er, dass er das Amok-Training vorher absolviert habe, sagt Sebastian Wolf heute. »Man weiß, wie man vorgehen muss«, ergänzt Thomas Schnepf. Auch wenn selbst die realistischste Übungssituation nie mit dem Ernstfall vergleichbar ist. Was ging ihnen durch den Kopf, als sie zur Schule gefahren sind? Wolf: »Man denkt gar nicht so viel. Man hat auch keine Gefühle. Da geht der Adrenalinspiegel nach oben; alles andere ist unterdrückt, weil man sich so auf den Einsatz konzentriert.« Thomas Schnepf nickt. Und die Begegnung mit dem Täter im Treppenhaus? »Ich habe das wahrgenommen, dass der auf mich schießt«, sagt Sebastian Wolf. »Aber es hat in mir keine Reaktion ausgelöst. Das kommt erst hinterher.«

Sie fühlen noch lange nicht wirklich etwas. »Den ganzen Tag hat man eigentlich nur funktioniert. Das ist zuerst alles so unwirklich, das ganze Ausmaß begreift man gar nicht sofort.« Das Interventionsteam hilft am Tatort mit. Am frühen Nachmittag sind Wolf, Schnepf und Obermüller wieder auf dem Revier. Ein Konfliktberater ist da zur Unterstützung, ein Psychologe. Sie sprechen mit ihnen und wissen nachher nicht mehr, worüber. »Ich weiß nur, dass wir da eine Weile gesessen sind und geredet haben«, erinnert sich Schnepf. Am Abend fahren sie nach Hause ? Thomas Schnepf nach Reutlingen-Reicheneck.

Wolfs Freundin hat vom Amoklauf zunächst gar nichts mitgekriegt, »erst, als ich sie angerufen habe, dass es mir gut geht«. Seine Mutter hat die Nachricht im Radio gehört; er fährt abends noch zu ihr, seine Freundin kommt auch dorthin. »Man hat sich in den Arm genommen und nicht viel geschwätzt. Ich war immer noch wie in einem Film.« Er geht dann zum ersten spontanen Trauergottesdienst, der noch am Tag der Tat stattfindet. »Irgendwie war mir danach, obwohl ich sonst nicht in die Kirche gehe.«

Thomas Schnepfs Frau wird von einem Bekannten über den Amoklauf informiert. Die Angst um den Ehemann muss sie aushalten: »Sie weiß, dass es keinen Sinn hat, bei so was anzurufen.« Später läuft bei Schnepfs »den ganzen Abend die Kiste«. Der zweifache Familienvater will alle Informationen über die Tat. Und lieber nicht darüber nachdenken, was hätte sein können, wenn er nicht vor Jahren von Winnenden nach Reutlingen gezogen wäre. »Dann wäre mein Sohn mit höchstwahrscheinlich in einer dieser Zehner-Klassen gesessen.«

Schlaf gibt es für die zwei Polizisten wenig in der Nacht nach der grauenvollen Tat. Sebastian Wolf wacht morgens auf mit dem Gedanken: »Jetzt hast du den Scheiß, jetzt musst du damit umgehen.« Die Anspannung ist auf einmal spürbar, das Wissen um die Lebensgefahr und auch die Erleichterung, dass ihm nichts passiert ist. Wolf ist klar, dass sich so ein Erlebnis nicht verdrängen lässt, dass er immer wieder damit konfrontiert werden wird. »Dann habe ich beschlossen: Ich beschäftige mich damit.

Er besorgt sich alle Informationen über den Amoklauf, die er kriegen kann. Und setzt sich dann selbst an den Computer, um aufzuschreiben, was er erlebt hat. Ein erstes Stück Verarbeitung, wie der Polizeiarzt Wolf später bescheinigen wird. Und wie hat sich Thomas Schnepf am Tag danach gefühlt? »Nicht besonders gut«, knurrt er. In der nächsten Schicht arbeiten beide wieder. »Das war wichtig«, sagen sie.

Denn es muss ja weitergehen, auch nach einem solchen Erlebnis. Ihre Einstellung zum Beruf, den sie lieben, habe sich nicht verändert, betonen beide. Dass sie es verarbeiten konnten, dass keine Ängste zurückgeblieben sind. Und dass sie froh sind, dass sie die toten Jugendlichen nicht sehen mussten ? für etliche Kollegen am Tatort war dieser Anblick mehr, als sie ertragen konnten. Ein Polizeibeamter von der Einsatzhundertschaft war mit einer der Lehrerinnen verheiratet, die bei dem Amoklauf starb. Er fand seine tote Frau am Tatort.

Was hat Sebastian Wolf und Thomas Schnepf geholfen in der Zeit danach? Vor allem die Gespräche mit ihren Kollegen, der Halt aneinander. Der Pressesprecher Klaus Hinderer sagt, wenn sich jemand nach dem Amoklauf hätte versetzen lassen wollen, dann wäre man diesem Wunsch nachgekommen. »Im Nachhinein finde ich es gut, dass alle geblieben sind«, meint Sebastian Wolf. Alle aus der »Gefahrengemeinschaft«, wie er es nennt. »Mit Konfliktberatern und Psychologen kann man natürlich auch reden, aber die waren halt nicht dabei.«

Wolf sagt, dass er die Bilder vom 11. März 2009 wohl nicht mehr loskriegen wird: »Wie der oben an der Treppe steht und auf mich schießt: Das Bild kommt immer wieder. Ich kann es aber auch in die Schublade zurücktun. Und die Schublade zumachen.« An der Realschule, die seit der Tat leer steht, fahren sie in jeder Schicht mindestens einmal vorbei. Schnepf ist Wochen nach der Tat mit der Kripo in das Gebäude gegangen, »damit erst gar keine Hemmschwelle aufgebaut wird«. Auch Wolf war später in der Schule: »Es ist für mich nur ein Gebäude, in dem etwas Schlimmes passiert ist. Die Tragödie bezieht sich auf die Personen.«

Im Nachhinein sei es auch gut zu sehen, dass das Erlernte aus dem Amok-Training im Ernstfall abrufbar ist. Und doch hinterlässt so ein Einsatz Spuren auf einer tieferen Ebene, ahnt der 29-Jährige: »Das kann man vielleicht zwei, drei Mal mitmachen ? aber man weiß nicht, wie oft.« Könnte sein, dass bei zu vielen schlimmen Erfahrungen doch irgendwann »die Festplatte voll ist«, wie es Pressesprecher Hinderer formuliert. Thomas Schnepf hatte schon vor dem Blutbad in der Schule schwierige Situationen im Dienst zu bewältigen, bei denen es »haarscharf an der Schießerei« vorbeiging. Er hat inzwischen eine Kur gemacht, um Abstand zu gewinnen.

Winnenden hat sich verändert, dauerhaft, das spüren die Polizisten. »Der Amoklauf ist nach wie vor ein sehr präsentes Thema in der Stadt. Und das wird noch lange so bleiben«, sagt Wolf. »Jeder kennt hier jeden. Jeder hat einen Bekannten, der irgendwie betroffen ist. Die Nähe im ländlichen Raum ist eine ganz andere als zum Beispiel in Stuttgart.«

Wie wird es werden am Donnerstag, am Jahrestag, wenn sie an der großen Gedenkfeier teilnehmen? »Man weiß es nicht«, sagt Thomas Schnepf, »kann sein, dass alles wieder hochkommt.« Sebastian Wolf weiß immerhin eines: »Das wird für mich ein Stück weit auch mein zweiter Geburtstag sein.« (GEA)

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