Heimat und Welt

Der Schlaf: Augen zu und durch

Von Josef Tutsch

Die einen hielten die Nachtruhe für Zeitverschwendung oder gar für eine moralisch fragwürdige Beschäftigung, die anderen für das Einswerden mit der »Naturseele«. Der Schlaf hat die Wissenschaftler schon in früheren Jahrhunderten sehr beschäftigt.Ihre zum Teil recht kuriosen Erkenntnisse hat die Medizinhistorikerin Sonja Kinzler zusammengetragen.

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Eine Wohltat der Natur oder eine Strafe Gottes für den Sündenfall unserer Ureltern, pure Zeitverschwendung oder ein Mittel, die Arbeitskraft zu steigern und das menschliche Leben zu verlängern? Der Schlaf lässt sich ganz unterschiedlich sehen und werten und ist im Laufe der Kulturgeschichte auch ganz unterschiedlich gesehen und gewertet worden. Die Medizinhistorikerin Sonja Kinzler hat an der International University Bremen jetzt eine Studie über den »Schlafdiskurs im bürgerlichen Zeitalter« vorgelegt, von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Oder, wissenschaftshistorisch ausgedrückt, bis zu dem Jenaer Neurologen Hans Berger, der in den 1920er-Jahren das Elektroenzephalogramm entwickelte und die Schlafforschung damit auf eine neue Grundlage stellte.

Eine rasante Entwicklung in wenig mehr als anderthalb Jahrhunderten. 1768 äußerte sich der Theologe Adolph Bogislav Grulich über die Frage, »warum wir Menschen unter dem Joche des Schlafes zu seufzen Ursache haben«. Seine Antwort: Dass Menschen ermüden und schlafen müssen, ist eine Strafe, die Gott nach dem Sündenfall unserer Ureltern über sie und alle ihre Nachkommen verhängt hat. Grulich war im Rahmen des Aufklärungszeitalters freilich ein »Konservativer«. Gerade damals wurde diese theologische Betrachtungsweise durch eine eher ökonomische abgelöst. Und in dieser Perspektive wurde der Schlaf entweder als Zeitverschwendung verurteilt oder gerade umgekehrt als von der Natur zwingend vorgegebenes Instrument einer sinnvollen Lebensgestaltung, auch als Mittel zur Lebensverlängerung gepriesen.

Kaum einer der Mediziner oder Philosophen, die sich damals mit dem Schlaf befassten, wollte von Grulichs Sündenfall-Theorie noch etwas wissen. Der Mensch wurde als eine Art Maschine betrachtet, heute würde man vielleicht sagen: mit einer Batterie, die man gelegentlich aufladen müsse. Die »Naturrestauration« sei unentbehrlich, schrieb Immanuel Kant 1798 in seiner Abhandlung »Von der Macht des Gemüts«, »doch mit einer genauen Abmessung der Zeit, von wo an und wie lange sie dauern soll«.

Ein Jahr zuvor hatte der Weimarer Hofarzt Christoph Wilhelm Hufeland in seiner Schrift über »Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern« eine Fülle von Ratschlägen gegeben, wie man »alle Sorgen und Tageslasten mit den Kleidern« ablegen könne: luftige und kühle Schlafzimmer, Matratzen aus Pferdehaar oder Moos, Vermeidung von fettem Essen und anregenden Getränken und so weiter.
Die Sammlungen solcher Ratschläge bildeten sogar eine eigene Literaturgattung; die sogenannten »Gesundheitskatechismen« waren in Kirchen und Schulen ein verbreitetes Lehrmittel. Zitat aus der Fibel von Bernhard Christoph Faust, die zwischen 1794 und 1830 nicht weniger als elf Auflagen erfuhr: »Ist es gut, lange oder kurze Zeit zu schlafen? Lange zu schlafen macht dumm, träge und ungesund; man muss also kurz schlafen.« Oder aus dem Katechismus von Johann Wetzler: »Was kann den ruhigen Schlaf stören? Faulheit, Unmäßigkeit im Essen und Trinken, Unkeuschheit, gar zu warme Schlafzimmer und Federbetten, schreckhafte Träume, Kummer, Sorgen, Verdruss, Zorn und ein böses Gewissen.«

Der Kampf vieler Hygieneprediger damals galt vor allem den Federbetten: Man schwitze darin zu leicht und verweichliche generell, auch »moralisch«. Hufeland warnte zusätzlich davor, am Morgen zu lange liegen zu bleiben; beides fördere die »zu frühe Entwicklung des Geschlechtstriebes«, die Selbstbefriedigung.

Handfeste Erörterungen, die sich bis weit ins 20. Jahrhundert gehalten haben. In der anspruchsvollen wissenschaftlichen Diskussion scheinen sie jedoch gerade um 1800 zurückgetreten zu sein. Es war - in Reaktion auf das mechanistische Denken der Aufklärung - die Zeit der Romantik; »für etwa ein Dritteljahrhundert«, schreibt Kinzler, »ging das Thema Schlaf in der naturphilosophischen Physiologie und Seelenkunde auf«. Der Physiologe Philipp Franz von Walther sprach von der »Hingebung des egoistischen Seins in das allgemeine Leben des Naturgeistes«, vom »Zusammenfließen der besonderen Seele des Menschen mit der allgemeinen Naturseele«.

»Je näher der Mensch seinem Ursprung ist, desto mehr muss er schlafen«, schrieb bereits Hufeland. 1837 meinte der Anthropologe Karl Friedrich Burdach, der Schlaf sei »eine Rückkehr zum Zustande des Embryos«. In einem Ratgeber wurde der Mensch als höher entwickeltes, vollkommenes Tier dargestellt - eben weil er weniger schlafen müsse. Die naturphilosophische Spekulation mündete am Ende in eine Deutung der Geschichte, in der die positive Wertung der Ursprünge zugunsten des Fortschritts wieder aufgehoben wurde: Nord- und Mitteleuropäer dürften als zivilisierter gelten als die Einwohner wärmerer Regionen, eben weil sie weniger schlafen müssten. Umgekehrt hätten Wilde, Kinder, Frauen, Kranke und Angehörige niedriger sozialer Schichten einen tieferen Schlaf als andere.
Sonja Kinzler verzichtet darauf, diese romantische oder romantisch beeinflusste »Wissenschaft vom Traum« in den Rahmen der europäischen Kulturentwicklung zu stellen; ihre Studie ist auf den deutschen Sprachraum konzentriert.

Noch vor der Mitte des 19. Jahrhunderts trat wieder eine stärker empirische, auf ökonomische Nützlichkeit bezogene Betrachtungsweise in den Vordergrund. Da spielte sicherlich auch die zunehmende Industrialisierung und Verstädterung eine Rolle: »Die modernen Arbeiter mussten den Schlaf an eine neue, nicht mehr vom landwirtschaftlich geprägten Tagesablauf, sondern vom industriellen Arbeitsrhythmus bestimmte Zeitökonomie anpassen.« Während die bäuerliche Arbeit vor allem vom Wetter abhängig war, disziplinierte die Industrie zur Regelmäßigkeit. Gas und Elektrizität ermöglichten Nachtarbeit in einem zuvor unbekannten Ausmaß; der Wecker wurde zum Massenprodukt.

Die Hoffnung, Schlaf und Wachheit nach Belieben steuern zu können, beflügelte die Forscher. Man suchte verstärkt nach »Ermüdungsstoffen«, die den Schlaf zu einer bestimmten Stunde herbeiführten und damit indirekt die Arbeitsfähigkeit einige Stunden später steigerten. Traditionell wurden verschiedene Methoden von Aderlässen und Blutegeln über Abführmitteln bis zu Baldrian, Alkohol und Hanf praktiziert.

In der Literatur wurde vor allem Opium (»Mohnsaft«) kontrovers diskutiert. Bereits 1796 hatte der Mediziner Wolf Davidson irritiert festgestellt, dass Opium wahrscheinlich »zuerst die Lebenskraft erhöht, die Nerven spannt und nun eine größere Erschlaffung erfolgt«. Dass der »Mohnsaft« süchtig machte, drang erst allmählich ins allgemeine Bewusstsein. Statt durch den Schlaf gestärkt zu sein, seien die Opiumsüchtigen »vielmehr erst recht abgespannt«, schrieb ein Ratgeber 1831.

Das erste synthetische Schlafmittel war Chloralhydrat, das der Berliner Pharmakologe Oscar Liebreich 1869 vorstellte. Der Schlaf, den dieses Mittel hervorbrachte, sei »ein normaler« und trete »zuweilen schon fünf Minuten nach Verabreichung ein«, pries Liebreich seine Entwicklung an. »Normal«? Nun ja, daran hatten offenbar schon Liebreichs Zeitgenossen ihre Zweifel. Der Arzt Gustav Amburger experimentierte erfolgreich mit wirkstofffreien Präparaten. Schlafmittel führten »später zur größeren Schlaflosigkeit durch Abstumpfung und wirkliche krampfhafte Überreizung«, warnte ein »Hauslexikon der Gesundheitslehre«.

Die »nervöse Schlaflosigkeit« war die große Zivilisationskrankheit dieser Jahrzehnte um 1900. Oft genug sei Schlaflosigkeit »ein Symptom krankhafter Nervenschwäche«, schrieb das »Brockhaus Conversations-Lexikon« 1886. Das Krankheitsbild dieser Nervenschwäche blieb jedoch undeutlich. In den letzten Jahrzehnten habe sich in den Verhältnissen der »Kulturnationen« viel geändert, schrieb der bekannte Psychiater Richard von Krafft-Ebing 1895, »und zwar auf Kosten des Nervensystems, das gesteigerten sozialen und wirtschaftlichen Anforderungen durch vermehrte Verausgabung von Spannkraft bei vielfach ungenügender Erholung gerecht werden muss«.
Wenn die Ärzte nicht recht wussten, wie sie die nervöse Schlaflosigkeit einordnen sollten - die Ratgeberliteratur blühte auch weiterhin. Der Brockhaus empfahl Fußbäder, Klistiere, kalte Waschungen des Oberkörpers, Bier oder Wein sowie (nur auf ärztliche Anordnung!) auch Morphium, Chloralhydrat und Bromkalium. Als Ideal galt nicht ein chemisch erzwungener, sondern ein »natürlicher« Schlaf. »Müllers Handbuch der Neurasthenie« sah die Behandlung in Seebädern vor – in den Kurorten hatte sich ein rasch expandierender Gesundheitsmarkt ausgebildet.

Mit dem letzten Ratschlag konnten natürlich nur gut betuchte Kreise etwas anfangen. Dieser »Diskurs über die Schlaflosigkeit war in erster Linie ein bürgerlicher Diskurs«, betont Kinzler. Über die Belastung der Industriearbeiter scheinen viele dieser bürgerlichen Theoretiker sich keine Gedanken gemacht zu haben.

Schlafen können, um morgen wieder arbeiten zu können: ein Problem, das viele von uns auch heute noch verfolgt. Aber daneben blieb die Utopie lebendig, gerade umgekehrt das »Joch« des Schlafenmüssens abzuschütteln, das jenem Theologen Grulich zufolge als göttliche Strafe über alle Menschen verhängt war. In bürgerlichen Kreisen griff man gern zu Kaffee, der für Arbeiter freilich zu teuer war. Seit 1904 experimentierte der Erlanger Physiologe Wolfgang Weichardt an Mäusen mit dem Ermüdungsmittel Kenotoxin und dem Gegenmittel »Antikenotoxin«. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs »impften« Ärzte der österreichisch-ungarischen Armee Rekruten mit Weichardts Antikenotoxin.

Die Ergebnisse waren enttäuschend; eine Kontrollgruppe, der konzentriertes Koffein gespritzt worden war, war sogar vitaler. Kinzler: »Das Ziel, mit Hilfe der Chemie gegen den Schlaf impfen zu können, wie beispielsweise gegen Tuberkulose, erwies sich als reine Utopie.« (GEA)

Sonja Kinzler: »Das Joch des Schlafs.
Der Schlafdiskurs im bürgerlichen Zeitalter«, 272 Seiten,Böhlau Verlag, 34,90 Euro


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