Heimat und Welt
Die Lästerspalte

Der gefälschte Weihnachtsbaum

Von Gisela Sämann

Normalerweise geben wir an dieser Stelle immer gute Ratschläge für die Festttage. Ernährungsexperten aus allen Ecken der Republik bitten uns jedes Jahr per Pressemitteilung inständig, unsere Leserinnen und Leser zu mahnen: beim Weihnachtsbraten höchstens drei Mal zulangen, nie mehr als zwanzig Gutsle auf einmal essen und spätestens am zweiten Feiertag kurz um den Block laufen.

Wir lassen es dieses Jahr. Erstens wollen wir den Kollegen von den Frauen- und Männermagazinen nicht das Geschäft verderben, die ihre Titelstorys für Januar schon fertig haben (»Den Weihnachtsspeck wegdenken«, »In zehn Minuten zum Waschbrettbauch«). Und zweitens sind die fresstechnischen Härten nichts im Vergleich zu dem, worunter die Österreicher heuer am Christfest zu leiden haben.



Die Alpenrepublik muss gerade ganz tapfer sein. Wissenschaftler und Verbraucherschützer haben festgestellt, dass angeblich original österreichische Weihnachtsbäume ihr »Heimatsiegel« zu Unrecht tragen, weil sie in Wahrheit in Meeresnähe gewachsen sind. Vermutlich in Dänemark oder Norddeutschland, berichtet der Verein für Konsumenteninformation (VKI). Der schnöde Betrug wurde aufgedeckt, weil Tester in Wien bei unterschiedlichen Anbietern Nordmann-Tannen kauften (»jeweils einen der schönsten Bäume mit möglichst dichten, langen Nadeln«) und anschließend die Isotope der Tannennadeln untersuchten. Fünf von siebzehn Weihnachtsbäumen waren gefälscht, empört sich der VKI-Geschäftsführer.

Vermutlich ist es für ein Bergvolk schon schlimm genug, wenn vorgeblich landsmännische Gewächse in Wahrheit dänische Flachland-Isotope enthalten. Aber was es für die Ösis bedeutet, unwissentlich eine deutsche Piefke-Tanne zu schmücken, kann man hierzulande nur im Ansatz erahnen.

Hoffen wir, dass in österreichischen Haushalten dennoch der Weihnachtsfriede einkehrt und das nagende Misstrauen beim Anblick des Christbaumes verdrängt. Die Festtage sollen doch glücklich sein! Im Glücklichsein sind übrigens die Dänen Europameister. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich nicht damit aufhalten, Isotope an Nordmann-Tannen zu analysieren.

Seite versenden
 

Das könnte Sie auch interessieren

«Drache» steigt in die Lüfte

Washington (dpa) - Nun hat es geklappt: Der erste ... mehr»

Berliner S-Bahn nach Kabelbrand...

Berlin (dpa) - Die Berliner S-Bahn kommt nicht rau... mehr»

Löwenschreck und Frauenfreundin

ST. JOHANN. Angelika Wohlenberg alias »Mama Massai... mehr»

Zierlauch: Genuss fürs Auge

Zwischen den Stauden im Frühlingsgarten fallen die... mehr»

Konzert in der Stephanuskirche

MÜNSINGEN. Das Heimattreffen in Gruorn über die Pf... mehr»

H+W Serie

Alles über Fitness

Welcher Sport ist überhaupt der Richtige? Was ist besser: Joggen, schwimmen oder Krafttraining? Und kann ich als älterer Mensch auch noch mit Ausdauersport beginnen? In einer mehrteiligen Serie geben wir die Antworten.
lesen »