Heimat und Welt
Werden die Geschicke der Welt vom Geheimbund der Illuminaten geleitet? Und haben außerirdische Astronauten die Pyramiden gebaut? Verschwörungstheorien sind manchmal witzig, meistens spannend und häufig an der Grenze des Glaubwürdigen – fast immer aber falsch

Das Böse ist immer und überall - Warum es Verschwörungstheorien gibt

Von Ralf Grabowski

Vor zehn Jahren am 11. September: Islamische Terroristen lenken Flugzeuge ins World Trade Center in New York. Schon wenige Stunden später kursieren Meldungen in Internet-Foren, dass der CIA hinter diesen Anschlägen stehe. Viele Menschen nehmen die Welt nicht so, wie sie ist, sondern vermuten finstere Mächte am Werk. Im Gespräch mit Ralf Grabowski erklärt Dr. Thomas Grüter den Grund für solche Verschwörungstheorien.

Die dreizehnstufige Pyramide mit dem allsehenden Auge ziert die Rückseite des Großen Siegels der Verinigten Staaten, wie es auch auf der Dollarnote abgebildet ist. Verschwörungstheoretiker behaupten, dass das Auge auf der Pyramide das Zeichen des Illuminaten-Ordens sei. Beweise gibt es dafür freilich nicht: Vielmehr symolisiert das allsehende Auge die göttliche Dreifaltigkeit. Die Zahl 13 wiederum erscheint häufig in der Symbolik der Vereinigten Staaten. Immerhin waren es anfangs 13 Gründungsstaaten, die sich zur USA zusammengeschlossen haben. FOTO: FOTOLIA
GEA: Was fasziniert Sie an Verschwörungstheorien?
Dr. Thomas Grüter: Mich interessiert, wie solche Vorstellungen zustande kommen. Wie kann es sein, dass ein horrender Verdacht gegen andere Leute erhoben und auch noch geglaubt wird? Verschwörungstheorien ziehen sich ja durch die ganze Weltgeschichte hindurch. Natürlich hat es zu allen Zeiten auch wirkliche Verschwörungen gegeben. Nur sind die an anderen Stellen zu finden, als Verschwörungstheoretiker vermuten.

Woher kommt dieser Glaube an Verschwörungen?
Grüter: Der Grund ist ein Misstrauen gegenüber einer Gruppe, von der man annimmt, dass sie der eigenen Gruppe feindlich gegenübersteht. Salopp ausgedrückt: Verschwörung hängt man gern den Leuten an, denen man sie auch zutrauen würde. Und das sind nicht unbedingt diejenigen, mit denen man täglich zu tun hat.

Das klingt nach urtümlichem, tief verankertem Verhalten.
Grüter: Forschungen haben gezeigt, dass Menschen im Allgemeinen die eigene Gruppe für besser halten als andere. Wenn das nicht so wäre, würden Gruppen auch auseinanderfallen, weil jeder meinte, er wäre in einer anderen Gruppe besser aufgehoben. Der englische Sozialpsychologe Henri Tajfel hat für seine berühmten Studien Leute rein zufällig zu Gruppen zusammengestellt. Dabei hat sich herausgestellt, dass die eigenen Gruppen jeweils positiver beurteilt wurden als die anderen. Das heißt: Dieser Effekt ist sehr allgemein und hat mit der Gruppe an sich nichts zu tun, sondern nur mit der Tatsache, dass man überhaupt zu einer Gruppe gehört.

Fremde werden also eher Opfer von Verschwörungen?
Grüter: Nehmen Sie das Beispiel der Juden. Sie waren eine fremde Gruppe mit einer fremden Sprache, fremder Schrift und fremder Kultur. Und sie waren über Jahrhunderte die vermeintlichen Christusmörder, ihnen trauten die Menschen Böses zu. Ein solcher latenter Verschwörungsglaube besteht zunächst mal nur aus Gefühlen, dumpfen Ahnungen und Stammtischreden. Manchmal werden auf dieser Grundlage bestimmte Ereignisse umgedeutet zu einer, wie ich es nenne, Verschwörungslegende.

Dr. Thomas Grüter beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien aller Art. FOTO: PRIVAT
Können Sie ein Beispiel nennen?
Grüter: Im Jahr 1235 starben bei einem Mühlenbrand nahe Fulda die fünf Söhne des Müllers. Höchstwahrscheinlich ein Unglücksfall. Doch der Tod dieser Jungen wurde den Juden in die Schuhe geschoben. Sie sollen die Kinder bei einem Blutritual umgebracht haben. Das ist eine solche Verschwörungslegende. Die sehr tragisch für die Fuldaer Juden ausging, weil eine rasende Menge die gesamte jüdische Gemeinde auslöschte.

Zuerst muss also ein Verschwörungsglaube vorhanden sein. Auf dieser Grundlage werden Verschwörungslegenden gebaut. Und dann?
Grüter: Dann fasst irgendwer die Legenden zu einer Theorie zusammen. Theorien sind ja Kunstprodukte, die sich jemand ausdrücklich ausgedacht hat.

Nennen Sie bitte Beispiele.
Grüter: Viele kennen Charles Berlitz, der beispielsweise den Geheimnissen des Bermuda-Dreiecks auf der Spur war, Erich von Däniken, der in seinen Büchern behauptet, dass außerirdische Astronauen immer wieder die Erde besucht haben, oder die Romane von Dan Brown. Von Däniken beispielsweise kann hervorragend schreiben. Aber wenn man seine Bücher drei- oder viermal liest, dann fallen einem schon Ungereimtheiten auf.

Verschwörungstheorien lassen sich also nur schwer entlarven?
Grüter: Wenn der Autor geschickt nachprüfbare Fakten mit Fälschungen verbindet, sind sie ausgesprochen schwierig zu widerlegen. In der Regel sind 70 Prozent der Fakten in solchen Büchern richtig, 20 Prozent kaum nachprüfbar und zehn Prozent falsch. Doch genau diese falschen sind es, die dem Ganzen den Dreh geben. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, eine der Theorien von Mathias Bröckers zum 11. September auseinanderzunehmen. Ich musste tagelang recherchieren, obwohl der entsprechende Abschnitt nur etwa fünf Seiten umfasst. Gerade bei Verschwörungstheorien im Internet kommt es auch immer wieder vor, dass sich drei, vier Autoren gegenseitig zitieren. Einer bringt ein Gerücht auf, drei andere bauen es in ihre Theorien ein, die der erste Autor dann wiederum als Beweis anführt.

Wenn es sich um Internet-Links handelt, dann sind die Seiten womöglich auch irgendwann gelöscht.
Grüter: Ja, wenn Seiten verschwinden, haben Sie noch mehr Verschwörungstheorien. Dann heißt es: »Da gab es mal eine Seite, die hat das genau dokumentiert, aber jetzt ist sie weg!« Schon die Nichtexistenz einer Seite dient also dazu, Verschwörungstheorien zu begründen.
Es gab das Gerücht, die liberale Regierung versprühe Verhütungsmittel
 

Sind Menschen an den Rändern des politischen Spektrums besonders anfällig für Verschwörungstheorien?
Grüter: Das kann man gar nicht sagen. Ein Beispiel: Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs unterschrieben 93 deutsche Intellektuelle eine Schrift, in der das kriegerische Vorgehen des Deutschen Reiches rechtfertigt wurde. Darunter waren auch viele Liberale, von denen man das gar nicht vermuten würde. Sie alle glaubten an eine internationale Verschwörung gegen Deutschland. Sie folgten den relativ einfachen Prozessen der Sozialpsychologie: Wenn die eigene Gruppe als angegriffen erlebt wird, dann rücken ihre Mitglieder zusammen. Sie neigen dann dazu, jede Verschwörungstheorie zu glauben.

Wirklich alles?
Grüter: Na ja, vieles. Es gab in den 90er-Jahren das Gerücht, und Verschwörungslegenden gehören wie die sogenannten »urban legends« ja zu Gerüchten, dass die liberale Regierung Clinton in den USA absichtlich Verhütungsmittel aus Flugzeugen sprühen ließ, um zu verhindern, dass ihre Gegner in den ländlichen Gebieten sich vermehren. Die Kondensstreifen seien in Wirklichkeit Spuren dieser chemischen Stoffe.

Aber das ist doch richtig abgedreht.
Grüter: Ja, das ist völlig abgedreht, aber es wurde geglaubt! Empfängnisverhütung galt unter den Rechts-Religiösen als absolut teuflisch, und Liberale galten als Helfer des Teufels. Dann kombiniert man das und hat die tollste Verschwörungstheorie. (GEA)

Dr. Thomas Grüter:
Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer. Wie Verschwörungstheorien funktionieren.
320 Seiten, 8,95 Euro

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