Heimat und Welt
Die Lästerspalte

Ab sofort bin ich im Recht

Von Ralf Grabowski

Neulich, auf einem Feldweg zwischen Mähringen und Ohmenhausen. Ich fahre mit dem Rad ins Büro, die Sonne scheint, noch ist es nicht zu heiß. Vor mir sehe ich eine Frau mit ihrem Hund. Beide gehen dicht beieinander am rechten Wegesrand. Doch den Bruchteil einer Sekunde, bevor ich die beiden überholen will, macht diese Frau einen Schlenker in Richtung Mitte des Weges.
Mir entfährt ein »Hey!«, und ich habe gehörig zu tun, im Sattel zu bleiben und gleichzeitig sie nicht über den Haufen zu fahren. Dann ergießt sich eine Schimpfkanonade über mich: Was mir denn einfallen würde, so schnell an ihr vorbeizubrausen (was ich eigentlich gern hörte, weil: So schnell fühle ich mich gar nicht). Sie habe mich gar nicht kommen gehört (obwohl ich geschnauft habe wie ein Walross) und ich solle doch gefälligst zuvor klingeln!

Nun bin ich ein eher friedfertiger Mensch, »verbindlich«, wie es eine Freundin formuliert. Ich nahm mir ihre Anregung zu Herzen und kündigte fortan mein Kommen an mit einem hellen, freundlichen »Pling«.

Einige Tage später - wieder mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit, diesmal vor dem Tübinger Tor: Vor mir auf dem Radweg tippelt ein altes Ehepaar, geschätzte 80. »Pling!« Ich klingele und will gerade in Schrittgeschwindigkeit an den beiden alten Leutchen vorbei, als der Mann stehen bleibt, sich auf seinen Spazierstock stützt und mich schwäbisch-bruddelig anraunzt. »So eine Unverschämtheit«, bruddelte er, »einfach zu klingeln. So eine Belästigung!« Ich deute auf die Radweg-Markierung, die mich ins Recht und ihn ins Unrecht setzt. Damit fache ich seinen Zorn allerdings noch mehr an.

Richtig und falsch, das lernte ich aus beiden Vorfällen, ist eben eine Frage der Perspektive. Und ich habe mir vorgenommen, künftig nur noch meine Perspektive als die Richtige anzusehen.

Kürzlich war ich mal wieder in meinem Elternhaus und fand im Keller die Sturmklingel aus Jugendtagen. Noch immer ist sie laut, schrill und lang anhaltend. Sie ziert jetzt mein Fahrrad. Und ich finde, sie unterstreicht sehr vehement meine richtige Perspektive.

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