Heimat und Welt
Gesundheit - Dietrich Grönemeyer ist einer der bekanntesten Ärzte Deutschlands, Bestsellerautor und ein stets präsenter Aufklärer in Sachen Gesundheit.

»Die Menschen wissen mehr über ihr Auto als über ihren Körper«

Was die Popularität angeht, können es vermutlich nur wenige deutsche Mediziner mit Dietrich Grönemeyer aufnehmen. Der 60-jährige Arzt und Professor an der Universität Witten/Herdecke gilt als Begründer der Mikrotherapie. Bekannt wurde er jedoch durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, in denen er dem Laienpublikum erklärt, wie der Körper funktioniert und was man tun kann, um ihn gesund zu erhalten. Titel wie »Mensch bleiben«, »Mein Rückenbuch« oder »Lebe mit Herz und Seele« wurden Bestseller, ebenso wie seine Kinderbücher (»Der kleine Medicus«, »Wir Besser-Esser«). Selbst ein Musical zum Thema hat er produziert. Grönemeyer (Bruder des Musikers Herbert Grönemeyer) vertritt eine ganzheitliche Medizin zwischen Hightech und traditioneller Heilkunde, seine Therapiemethoden sind in Medizinerkreisen teilweise umstritten. Um die Menschen zu gesünderer Ernährung und zu mehr Bewegung anzuhalten, plädiert der dreifache Vater für Gesundheitserziehung vom Kindergartenalter an und für die Etablierung als Schulfach. Gisela Sämann hat mit ihm gesprochen.

Dietrich Grönemeyer. Foto: dpa
GEA: Herr Grönemeyer, Sie sind Arzt, aber einen großen Teil Ihrer Zeit widmen Sie der Aufklärung in Sachen Gesundheit. Dabei weiß doch heute fast jeder, wie wichtig Bewegung und gesunde Ernährung sind. Nur: Viele ändern ihren Lebensstil nicht. Was ist daran so schwer?
Dietrich Grönemeyer: Man sollte diese Veränderung nicht als Strafe verstehen, sondern mit Freude angehen und überlegen: Was tut mir gut, was macht mir Spaß? Wie kann ich mich mit einfachen Möglichkeiten in Bewegung bringen? Die meisten Menschen wissen beispielsweise nicht, dass 80 Prozent der Rückenschmerzen auf verspannte Muskulatur zurückzuführen sind. Sie wissen auch nicht, wie sie diese Verspannungen auf einfache Weise wieder loswerden können: indem sie sich nach oben strecken, nach unten dehnen, zur Seite drehen. Oder im Büro zwischendurch mal aufstehen, zum Kollegen gehen, statt zu telefonieren. Wir kommen ja aus dem Sitzen kaum noch heraus, weder im Beruf noch in der Freizeit.

Interessieren sich die Menschen erst für diese Zusammenhänge, wenn sie krank werden?
Grönemeyer: In der Regel ja. Daher mein Plädoyer für den Gesundheitsunterricht in den Schulen: Früh anfangen, schon mit Kindergartenkindern Übungen machen, in der Schule weiter aufklären, in den Hochschulen, in den Betrieben - dann bleibt das im Kopf. Wir fangen nicht früh genug an. Wir werden meist erst aktiv, wenn der Schaden schon groß ist. Die Kosten sind dann umso höher, in jeder Beziehung.

Glauben Sie, dass Kinder ein Schulfach »Gesundheit« toll finden?
Grönemeyer: Nicht, wenn der Stoff trocken angeboten wird. Wenn ich nüchtern über Eiweiß und Kohlenhydrate rede, dann ist das Thema Ernährung völlig unsexy. Meine Erfahrung - und Gesundheitsunterricht halte ich schon seit mehreren Jahren - ist aber, dass man mit fröhlichem Herangehen oder mit Abenteuergeschichten die Kinder mitnehmen, sie das Thema entdecken lassen und dabei Wissen vermitteln kann. Eine ganze Halle wie die SAP-Arena in Mannheim konnte ich 2009 mit dem Thema begeistern, 9 000 Kinder folgten dem Unterricht aufmerksam, neugierig und mit viel Spaß. Oder wenn ich im Schulunterricht Bewegung zulasse, dann kommt eine ganz andere Stimmung auf. »Eins und eins ist zwei« kann ich auch rechnen, indem ich Musik mache, einmal nach rechts und einmal nach links springe. So was wird mit Begeisterung aufgenommen.

Aber Teenies werden Sie nicht mit einem Hüpfspiel locken können.
Grönemeyer: Mein Ansatz ist ja, früher mit gesunder Ernährung und Bewegung anzufangen, damit das schon den Kleineren in Fleisch und Blut übergeht. In der Pubertät ist es ganz schwer, das stimmt. Da habe ich auch kein Geheimmittel. Außer, dass auch hier gilt: Begeisterung schaffen, nicht locker lassen, den Alltag verändern. Man kann ja auch mal sagen: »Wir gehen jetzt auf den Schulhof und lernen dort.« Das fordert natürlich unglaubliche Kraft vom Lehrer, aber damit gewinnt er die Kinder.

Der Zusammenhang zwischen Schulnoten und Bewegung ist inzwischen ja durch etliche Studien belegt.
Grönemeyer: Ja. Die Dietrich-Grönemeyer-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium eine große Studie mit über 5 000 Kindern gemacht. Da haben wir herausgearbeitet: Kinder, die zum Beispiel lange auf einem Bein stehen können, sind besser in Mathematik, Deutsch und der ersten Fremdsprache. Das heißt, wer sich im Gleichgewicht befindet, ist lernfähiger. Außerdem wissen wir, dass Lernen mit Musik oder mit Spaß unter anderem deshalb besser funktioniert, weil die Neuronen für Lernen und Gedächtnis einerseits und Spaß, Bewegung und Singen andererseits eng im limbischen System im Gehirn zusammenliegen und ständig in Verbindung stehen. Alles, was Freude macht, was uns in Bewegung versetzt, wird besser abgespeichert.

Wie hoch ist der Anteil der Eigenverantwortung in Sachen Gesundheit, wie viel entscheidet der Lebensstil?
Grönemeyer: Paracelsus hat gesagt: »Du, Mensch, du bist der wahre Arzt. Die Ärzte sind nur Gehilfen.« Ich finde, da ist sehr viel Wahres dran. Wir wissen selbst am besten, was uns auf den Schultern lastet, was uns das Kreuz bricht, was uns auf den Magen schlägt. Wir haben mindestens 50 Prozent selbst in der Hand. Wenn wir schwer erkranken, verschiebt sich das natürlich. Dann liegt die Heilung oft erst einmal in der Hand des Arztes. Aber schon in der Genesungszeit und bei der Vorbeugung der nächsten Erkrankung liegt wieder viel beim Patienten.

Die Bereitschaft, zum Beispiel für hochwertiges Essen Geld auszugeben, ist in Deutschland geringer als in anderen europäischen Ländern. Dafür wird aber ins Auto nur bestes Öl und Benzin gefüllt – aus lauter Sorge, dass sonst der Motor kaputt geht.
Grönemeyer: Über das Auto wissen die Menschen auch mehr als über den Körper. Deswegen sage ich ja: Wir müssen mehr Wissen vermitteln.

Zurück zum Thema Rücken: Wenn 80 Prozent der Schmerzen von Verspannungen herrühren, müsste sich diese Volkskrankheit doch relativ einfach kurieren lassen, oder?
Grönemeyer: Die Mediziner reden bei Rückenschmerzen zu oft über die Bandscheiben. Deshalb steigen da auch die Operationszahlen. Wenn ich aber weiß, es handelt sich großteils um Verspannungen, dann muss ich mir Gedanken machen über das Sitzen, die Bewegung und auch über die psychische Situation der Menschen. Ich muss einfach verstehen, was passiert, wenn wir uns ärgern und aus dem Ärger nicht rauskommen. Wenn wir in schwierigen sozialen Situationen sind, zum Beispiel den Verlust des Arbeitsplatzes fürchten, dann verspannt sich der Rücken auch.

Heißt das, weniger operieren und mehr psychosoziale Betreuung?
Grönemeyer: Erst mal mehr selbst in die Hand nehmen. Wenn ich unter Druck gerate, sollte ich mich bewegen: zum Schwimmen gehen, laufen, mir Ruhe verschaffen, dem Rücken Wärme zukommen lassen, damit sich die Muskulatur entspannt. Wenn wir uns mehr bewegen, beugen wir nicht nur Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes vor. Die Bewegung macht auch den Kopf frei, wenn wir unter Druck sind. Und dann kann ich auch die Probleme wieder angehen, die unter anderem zur Verkrampfung der Rückenmuskulatur geführt haben.

Die typische Ausrede: »Tagsüber habe ich keine Zeit für Sport und abends kann ich mich nicht aufraffen.«
Grönemeyer: Ja, so ist das. Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, begreift man, dass man für Veränderung sorgen muss. Auf der anderen Seite vertraue ich darauf: Steter Tropfen höhlt den Stein. Je früher ich mit der Wissensvermittlung anfange, umso eher wird die Zukunft anders sein. Deshalb konzentriere ich mich bei meinen Aktivitäten sehr auf junge Menschen.

Das deutsche Gesundheitssystem wird viel kritisiert, auch von Ihnen. Gibt es irgendwo was Besseres?
Grönemeyer: Viele auf der Welt schauen auf Deutschland, wir haben gute Voraussetzungen. Aber mehr als 60 Prozent im medizinischen Alltag sind heute mit Verwaltungsarbeit ausgefüllt, das müssen wir ändern. Die Mitarbeiter in den Krankenhäusern müssen bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Es sollte wieder mehr Geld investiert werden in Menschen, vor allem in diejenigen, die ganz nah am Patienten sind. Wenn man an diesen Stellschrauben drehen würde, dann wäre schon viel gewonnen. Außerdem müsste man das Netzwerk zwischen ambulanter Medizin und stationärer Versorgung optimieren und in die Gesundheitsbildung investieren – das heißt Gesundheitsunterricht in den Schulen und täglich eine Stunde Schulsport. Zudem brauchen wir Abrechnungstransparenz, damit jeder Patient weiß, wie und womit er behandelt wurde und was das kostet.

Wie könnte das finanziert werden?
Grönemeyer: Das Geld ist da. Es wird ja oftmals nur unnötig ausgegeben. Wir könnten beispielsweise allein 50 Prozent der Rückenoperationen einsparen oder einen nicht geringen Teil der diagnostischen Herz-Katheder, wenn wir neue Technologien nutzen würden und in der Vorsorge anders unterwegs wären. Wir könnten 80 Prozent der Diabetes-Medikamente einsparen, vor allem beim Altersdiabetes, der erschreckenderweise inzwischen Kinder erreicht hat, wenn wir die Betroffenen in Bewegung bringen und die Ernährung optimieren. Da ließe sich viel Geld einsparen, das man an anderer Stelle wieder vernünftig einsetzen könnte. (GEA)

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