Heimat und Welt
Rettung - Mörderischer Einsatz in Haiti: Das Deutschen Institut für Katastrophenmedizin in Tübingen unterstützt

»Resignieren ist keine Option«

Von Ralf Grabowski

Sonne, Strand und Meer. Ein lauer Wind, Möwen kreischen. Die Karibik kann so schön sein. Doch sie ist ein Albtraum.



Haiti liegt in Trümmern. Auch ein halbes Jahr nach dem katastrophalen Beben. Anfangs rechnete die Welt mit Tausenden Toten. Mittlerweile ist es gewiss, dass Hunderttausende gestorben sind. »Wenn Sie in den Straßen von Port-au-Prince unterwegs sind, müssen Sie Slalom fahren wegen der vielen Schutthaufen überall«, berichtet Tanja Granzow und ihr Kollege Peter Braitmaier ergänzt: »Und unter diesen Schutthaufen sind immer noch Opfer begraben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das für die Menschen ist, nach Monaten dort ihre Angehörigen zu finden.«

Lachen, inmitten des Elends: Die Kinder sind glücklich, haben sie doch soeben Fußballtore geschenkt bekommen. FOTO: BRAITMAIER
Die beiden sind Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen und waren für zehn Tage zu einem Hilfseinsatz in Haiti. Für Tanja Granzow, die gerade mal 27 Jahre alte Ethnologin, war es nicht der erste Hilfseinsatz. Sie spricht schnell, fast hektisch, und strahlt dabei eine innere Ruhe und Wärme aus. So vereint sie Charme und Zielstrebigkeit. Beides konnte sie im Kampf mit dem Behördendschungel auf Haiti gut gebrauchen. Auch Peter Braitmaier, 30 Jahre alt und Arzt, hat schon »viele Katastrophen gesehen«. Doch Haiti übersteigt alles Erlebte. Häufig wird seine Stimme leiser, klingt brüchig, wenn er von dem unvorstellbaren Leid der Haitianer erzählt.
Ich hatte mit mehr Ablehnung gerechnet
 

Umso mehr strahlen die Augen der beiden, wenn sie von der Hoffnung in dem Land berichten. »Ich war viel negativer eingestellt als die Einheimischen«, wundert sich Braitmaier. »Ich habe junge Leute kennengelernt, die mit voller Energie lernen wollen, die was tun wollen.« Und Granzow ergänzt: »Ich hatte mit mehr Ablehnung gerechnet.« Ablehnung? Sie bringen doch Hilfe. »Die Dichte von internationalen Hilfs-Organisationen ist der Hammer. Sicherlich jedes zehnte Fahrzeug ist ein UN-Fahrzeug.«

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Rettungseinsatz in Haiti

»Resignieren ist keine Option«

Das mobile Haus der Esslinger Zimmerei Wager.
 
Und dann mischten auch noch die Tübinger mit. Und die Esslinger. Sieben Helfer waren es, die sich nach Haiti aufmachten, um ein Haus zu errichten mit festen Wänden und einem Dach. Ein Haus, das auch bei einem Sturm und dem nächsten Beben stehen bleiben würde. Das ist viel in einem Land, in dem die Menschen in Zelten hausen oder in einem Verschlag aus lose zusammengebundenen Stangen mit zerrissenen und im Wind flatternden Plastikplanen.
Der Tübinger Professor Bernd Domres ist einer der erfahrensten Katastrophenmediziner Deutschlands. Gleich im Januar war er auf Haiti und hat unter schwierigsten Bedingungen Verletzten geholfen. Nun hat er seine ehemaligen Patienten besucht. FOTO: PETER BRAITMAIER
Das fünf mal fünf Meter große Gebäude wurde entwickelt und gesponsort von der Esslinger Zimmerei Wager, einem gerade mal acht Mann starken Handwerksbetrieb. Bei dem Einsatz sollte sich zeigen, ob es tatsächlich für Katastropheneinsätze taugt. Dazu waren neben dem Chef Uwe Sindlinger noch drei weitere Handwerker dabei. Um es vorwegzunehmen: Nach zehn harten Tagen stand es, aufgebaut allerdings in nur einem Tag. Der Rest der Zeit ging für die Reise, vor allem aber für Formalitäten drauf.

Vor zwei Jahren haben Sindlinger und sein Kompagnon Christoph Deyle das Konzept für das mobile Haus entwickelt. Stabil sollte es sein und modular, transportabel und wie ein Ikea-Schrank leicht auf- und wieder abzubauen. Dazu wird aus vorgefertigten Teilen zunächst ein Holzrahmen montiert, in den die Wände eingehängt werden. Anschließend kommt das Dach drauf, fertig. »Das Haus hat kein Fundament, und es ist ohne großes Know-how aufzubauen. Deshalb ist es bestens geeignet für Katastrophengebiete, wo man aus wenig viel machen muss«, sagt Sindlinger.

Das Haus wird nun von der medizinischen Hilfsorganisation Lands-Aid genutzt als lokales Medizin-Zentrum zur Erstversorgung und für die Arbeit und Rehabilitation Amputierter. Dass medizinische Hilfe nach wie vor knapp ist, erfuhr das Team gleich nach der Ankunft. Professor Bernd Domres, Mitbegründer und Präsident des unabhängigen Tübinger Instituts, hat den einheimischen Fahrer der Gruppe wegen einer Kleinigkeit behandelt. Die gute Tat sprach sich schnell herum. Kurz darauf kamen immer mehr Anwohner ins Camp, um sich von dem 72-jährigen Arzt untersuchen zu lassen.

Domres ist einer der erfahrensten Katastrophenmediziner Deutschlands. Seit den späten 70er-Jahren ist er in Krisengebieten unterwegs. Er war auch in diesem Januar als einer der ersten internationalen Helfer auf Haiti, operierte zehn, zwölf, vierzehn Stunden am Tag - ohne moderne Diagnosegeräte, ohne Hightech-Medizin, manchmal sogar ohne Licht und ohne Strom. Dann musste eine Stirnlampe genügen.

Diese in Jahrzehnten gesammelte Erfahrung - und die vieler seiner Kollegen - fließt in das Wissen des Tübinger Instituts ein. Wie können Mediziner Leben retten ohne perfekte OP-Räume, ohne sterile Verbände, ohne einen Stab an Fachärzten? »Wem helfe ich bei Katastrophen als Erstes: dem der schreit oder dem, der nicht mehr schreit?«, pointiert es der Arzt Peter Braitmaier. Auf solche Situationen sind die wenigsten Uni-Absolventen vorbereitet. Ziel des Instituts ist es, Notfallpläne zu erstellen, Ärzte und Rettungskräfte auszubilden, das Krisenmanagement zu verbessern.

Mit der am 1. März gegründeten hauseigenen Stiftung gehen sie einen Schritt weiter. »Wir wollen das, was das Institut auf nationaler Ebene macht, der Welt geben«, formuliert es Braitmaier, der auch Geschäftsführer der Stiftung ist. »Inzwischen sterben weltweit mehr Menschen auf der Straße, als an Malaria«, sagt er. »In den sogenannten Entwicklungsländern gibt es keinen Rettungsdienst und keinen Notarzt, es gibt auch keine Notfallambulanz. Verletzte laufen irgendwo im Krankenhaus auf, die ?golden hour?, die ersten paar Minuten also, in der ärztliche Behandlung erfolgsversprechend ist, verstreicht häufig ungenutzt.«

Damit hat die Stiftung ein Alleinstellungsmerkmal. Für den September organisiert sie in Tübingen die »Summer School« für Medizinstudenten. In einem Crashkurs über fünf Tage wird Katastrophenmedizin gelehrt. Dazu kommen zwei Tage Einführung in Aspekte der humanitären Hilfe. »Also: Wie ist internationale Hilfe eigentlich organisiert, wer sind die Ansprechpartner, was ist zur Sicherheitslage zu sagen, wie funktioniert Campmanagement?«, referiert Granzow.

Denn ohne dieses Wissen sind Helfer in einem Krisengebiet wie jetzt in Haiti hoffnungslos verloren. »Das Land hat keinerlei Struktur mehr, nichts«, erzählt Sindlinger von seinem Einsatz. Das große Ganze fehlt, doch einzelne Behörden funktionieren. Freilich ohne Absprachen untereinander. Denn obwohl der Container mit dem Haus nebst einer kompletten Zimmerei-Werkstatt längst im Hafen von Port-au-Prince lag, bekamen die Helfer aus Deutschland ihn nicht so einfach aus dem Zoll heraus.
Wir haben den Container in zwei Tagen herausgepeitscht
 

Da waren Formulare nötig von unterschiedlichen Behörden und Ministerien, Dutzende Stempel und Unterschriften mussten abgeholt werden, und es bedurfte einer gehörigen Portion Hartnäckigkeit, ja fast schon Sturheit, damit nach zwei endlosen Tagen der Behörden-Rennerei der Container tatsächlich auf das Grundstück kam. »Vor allem Tanja ist zäh, hartnäckig und irrsinnig gut organisiert«, schreibt Matthias Eigel in seinem Blog. Eigel ist Chef einer Esslinger Werbeagentur und hat den Einsatz dokumentiert. Und Sindlinger berichtet: »Wir haben den Container in zwei Tagen herausgepeitscht. Andere Organisationen brauchen drei Wochen dafür.« In den zehn Tagen in Haiti haben die Helfer viel Leid gesehen. »Aber resignieren ob des Leids in der Welt? Das ist für mich keine Option«, konstatiert Granzow.

Manchmal genügen schon Kleinigkeiten. Als ein Teil des Teams unterwegs war im Behördendschungel, blieb der andere Teil im Camp zurück und baute aus Schuttmaterial eine solide Werkbank, damit sich die Anwohner in Zukunft selbst helfen können.

Daneben schauten sie kleinen Jungs beim Fußballspielen zu; wie sie mühsam mit Steinen Tore absteckten. Für die Handwerker keine Frage: Schnell waren aus Holzlatten Tore gezimmert und noch schneller sprach sich dieses Glück unter den Kindern herum. Fehlten noch richtige Bälle, die Matthias Eigel ihnen spendierte ? und dafür ein kleines eigenes Projekt aufbauen möchte. »Bälle für Haiti!« heißt es und soll Nahrung, aber auch Spielsachen, Kleidung und Schuhe an die in Haiti lebenden Kinder verteilen. Um ihnen ein Leben in Würde ermöglichen. »Ich habe pure Existenzangst in den Augen gesehen. Ein Kind hat so etwas nicht verdient.« (GEA)

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