Leserbriefe
Artenvielfalt/Schließungspläne Wawilow-Institut zu St. Petersburg

»Verarmung der Menschheit«

Seit dem Jahr 1926 gibt es im heutigen Sankt Petersburg, früher Leningrad, die weltweit größte Samenbank. 300 000 Varianten von Nutzpflanzen werden dort bewahrt. Forscher und Saatzüchter aus aller Welt haben darauf Zugriff. Als in USA die Sojabohnen unter starkem Befall von Würmern litten, konnten wurmresistente Samen eingekreuzt werden; auch unsere »Alblaisen« konnten mit Saatgut aus St. Petersburg wieder zur Aussaat gebracht werden.

Nun darf man sich nicht vorstellen, dass dort nur Tütchen aufbewahrt werden. Immer wieder müssen Samen, Knollen und Zwiebeln ausgebracht, die Pflanzen gepflegt, hochwertiges Saatgut wieder verwahrt werden. Die Obstbäume und Beerensträucher brauchen ständige Pflege.

Während der 900 Tage Belagerung im 2. Weltkrieg wurde das Institut unter fast unmenschlichen Bedingungen aufrechterhalten. Einige Forscher verhungerten, ließen das Saatgut aber unberührt. Typisch für unseren Zeitgeist scheint zu sein, dass Teile des Institutes nun an einen Baukonzern verkauft wurden, der Komfortwohnungen bauen will. Nur noch Medwedew oder Putin könnten helfend eingreifen.

Krieg und Not haben es nicht geschafft diese Schätze anzutasten, gegen den schnellen Profit aber scheint hier kein Kraut gewachsen. Ein Beispiel für die Verarmung der Menschheit.

Irmgard Heller-Braun, Reutlingen

Erklärung der Red.: Auf dem 70 Hektar großen Institutsgelände in Pawlowsk will die Russian Housing Development Foundation (RHDF) Wohnungen bauen. Gegen das Vorhaben ist ein internationaler Proteststurm entflammt. Das oberste russische Schiedsgericht hat im August eine Beschwerde gegen das Projekt abgelehnt. Die Gen-Bank gilt als älteste Saatgutbank der Welt, 90 Prozent der hier verwahrten Pflanzen kommen nach Angaben von Wissenschaftlern in keiner anderen Sammlung vor. Die von unserer Leserin erwähnten, zwischenzeitlich verschollenen Alblinsen-Sorten wurden 2006 in der Sammlung des Wawilow-Instituts wiederentdeckt.


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