Leserbriefe
Offener Brief zum »Pflegenotstand am Universitätsklinikum Tübingen«per E-Mail

»Mehr Personal für Kliniken«

Als Klinikseelsorger blicken wir auf die Versorgung der Kranken und teilen ihre Not; wir erleben aber auch die große Not derer, die in der Krankenversorgung arbeiten. Wir sehen Mitarbeiter der Kliniken, insbesondere der Pflege, die mit viel Engagement und Sorgfalt ihre Arbeit tun. Sie tun damit einen unverzichtbaren Dienst an uns allen, denn die Versorgung der Kranken ist Aufgabe der Gesellschaft. Zunehmend aber müssen wir beobachten, dass Pflegekräfte an ihre Grenzen kommen durch die steigenden Patientenzahlen bei immer kürzer werdenden Liegezeiten und vielen gleichzeitig ablaufenden Vorgängen.

Viele in den Kliniken tätige Mitarbeiter kommen aufgrund der Arbeitsverdichtung und der steigenden qualitativen Anforderungen an ihre seelische und körperliche Belastungsgrenze. Sie müssen erleben, dass sie die eigenen Ansprüche an die Qualität ihrer Arbeit nicht mehr erfüllen können. Gerade junge Pflegende haben die Sorge, dass ihre Kräfte nicht reichen, diesen Beruf, den sie lieben, in Vollzeit und bis zur Rente ausüben zu können. Die Notwendigkeit vieler Vertretungsdienste belasten die Einzelnen und ganze Teams. Das Risiko von Fehlern bei der Arbeit steigt.

Wir sehen die Not der Patienten, die trotz besten Willens nicht mehr umfassend und würdevoll betreut werden können, weil die verantwortlichen Pflegekräfte zu viele Patienten gleichzeitig zu versorgen haben. Viele Schwerkranke und chronisch Kranke passen in ihren sehr individuellen Notlagen nicht in die Schemata, die das Gesundheitssystem zur Finanzierung geschaffen hat.

Wir wissen um den enormen Kostendruck im Gesundheitswesen. Krankenhäuser sind Einrichtungen der Daseinsvorsorge. Sie können nicht der profitorientierten Wirtschaftlichkeit unterliegen. Das Gesundheitswesen hat den Auftrag zum Wohl der Menschen zu agieren, die sich ihm anvertrauen (müssen). Im Mittelpunkt steht der Mensch - sowohl der Patient als auch die große Gruppe der Mitarbeiter. Deshalb unterstützen wir Seelsorger die Bemühungen, das Gesundheitswesen zu reformieren. Wir solidarisieren uns mit der Forderung nach mehr Personal in den Kliniken. Dabei sehen wir auch die Zwickmühle des Vorstands zwischen finanziellen Engpässen, politischen Vorgaben und seiner Verantwortung für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung.

Wir rufen alle Verantwortlichen auf, sich für eine deutliche Veränderung im Gesundheitswesen einzusetzen.

Das Team der Ökumenischen Klinikseelsorge Tübingen

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