Leserbriefe
Pfullingen/Zum Bericht »Alternative zur Übersbergauffahrt«, GEA vom 9. 11.

»Geschichtsvergessen, pietätsvergessen, traditionsvergessen?«

Wie können die demokratisch gewählten, politischen Entscheidungsträger in Pfullingen auf die Schnapsidee kommen, den seit 120 Jahren bewährten Albaufstieg auf den Pfullinger Übersberg, Mädchenfelsen, Ursulahochberg, Urslenberg, Imenberg usw. einfach zu sperren - auf immer und ewig!? Abgeschrieben ist damit nicht nur für Pfullinger ein wunderbares, von Gästen beneidetes Naherholungsgebiet. Sollte das Bewusstsein, dass besonders fußläufiges Erkunden der Natur der mit Abstand gesündeste Sport für Jung und Alt ist, auch in die Köpfe der Entscheidungsträger gesickert sein, dann bekäme dies ein entscheidendes Gewicht.

Wollte man die Tagespolitiker nicht der Geschichtslosigkeit bezichtigen, so sei an die Pfullinger Wohltäter erinnert, besonders an die Laiblins, die nicht nur diesen Elisenweg gestiftet haben, sondern auch die berühmten Pfullinger Hallen, den bekannten Schönbergturm, die palladianische Villa Laiblin, den Landsitz Erlenhof, den städtischen Gemäldebesitz und so weiter.

Ich weiß nicht, ob man Politikern Pietät oder Respekt vor Tradition unterstellen darf. Vielleicht sind sie ja immun gegen dergleichen. Historisch war ja Pfullingen der Hauptort im Echaztal, zeitweise auch Sitz des schwäbischen Herzogs; seinerzeit die zweitgrößte Markung im alten Württemberg nach Schorndorf. Das kann man heute hier noch nachvollziehen angesichts der Häufung von Domänen wie Achalm, oberer und unterer Lindenhof, St. Johann und großer, noch heutiger Gebietsnamen wie Übersberg, Urslenberg, Gielsberg; auch Tochtergemeinden im Echaztal, Unter- und Oberhausen, Honau; heißt doch der Hügel auf der Albhochfläche an der B 312 Pfullenberg. Erst als der Kaiser dieses kleine Dorf Reutlingen als reichsunmittelbare Stadt an die Pfullinger Markungsgrenze gesetzt hat, fiel Pfullingen herab als Oberamtsstadt und zuletzt als Vorstadt zu Reutlingen am alten Heerweg. Sein Glanz ist stumpf geworden ... und jetzt diese Selbstverstümmelung. Geschichtsvergessen, pietätsvergessen, traditionsvergessen? Freilich gibt es auch die alte Steige von der Martinskirche über Bismarckseiche, Waldcafé, Ernsthütte, Elisenhütte, Imenberg, Engersbuch zum Übersberger Hof; dies aber fast nur als Fußweg, keine Option als moderne Auffahrt.

Man könnte dazu noch manches sagen. Zum Beispiel, dass zur Sanierung des Elisenweges durchaus Mittel eingestellt sind. Man könnte auch erwähnen, dass die endgültige Schließung der Straße zum Übersberg ziemlich geräuschlos vorangetrieben wurde.

Der eigentliche Knackpunkt sei, heißt es, ein geologisches Gutachten, das zu dem Ergebnis gekommen sei, die Straße sei nicht verkehrstauglich. Das ist zumindest überraschend. Es ist doch nichts Neues, dass die neckarseitig hoch aufsteigende Albkante, die Weißjura-Betastufe auf Impressamergel-Tonmergel, der Weißalphastufe aufsitzt, welche wenig wasserdurchlässig ist. Die zurückweichende Betastufe hinterlässt besonders an steileren Wänden reichlich Hangschutt, der bei einer gewissen Wassersättigung der darunterliegenden Schicht auf dieser weggleiten kann. Das war schon immer so. Das ist auch schon immer bekannt, was den Elisenweg anbetrifft, so auch an allen Steigen am Albtrauf, die bekanntermaßen immer wieder saniert werden müssen. Auch früher schon!

In Mössingen ist vor wenigen Jahren sogar eine ganze Feriensiedlung weggerutscht, wird aber inzwischen wieder bewohnt. Auch die B 312 zeigt oberhalb Honau eine Reihe von Schachtdeckeln. In unserem Fall zeugt die Saulach von Wasserreichtum, z. B. der Eisweiher, aus dem seinerzeit im Winter Eis geschlagen wurde, das zur Kühlung von Bier verwendet wurde. Ähnliche Rutschgebiete finden sich am Kugelberg, bei der Jungviehweide oder bei der Lach, einem romantischen Waldweiher beim Gielsberg.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass bei der heutigen Technik des Straßenbaus es unmöglich sein soll, hier Abhilfe zu schaffen. Es handelt sich hier laut geologischer Kartierung um eine Teilstrecke von deutlich weniger als einem Kilometer. Warum soll dies nicht beherrschbar sein, so wie seit Jahrhunderten, seit die Alb von Menschen bewohnt wird? Oder handelt es sich hier um Erbsenzähler unterhalb der Mathematik des kleinen Einmaleins? Oder gönnt man uns in Pfullingen einfach nicht, dass auf eigener Markung, auf eigenen Wegen, wir unser eigenes Gebiet nutzen können, selbstbestimmt?

Denke man an die gebeutelten Lichtensteiner mit ihrer B 312! Noch eine Schnapsidee, aus der Schnapsidee geboren, wäre, den alten Heerweg zu aktivieren, um übers Zellertal die Albhochfläche und den Übersberg zu erreichen.

Dr. Berchtold Kinkelin, Pfullingen

Das könnte Sie auch interessieren
Leserbriefe

An unsere Leser

Wir freuen uns über jede Zuschrift. Bitte fassen Sie sich kurz, nur so können wir eine Vielzahl von Meinungsbeiträgen berücksichtigen. Auswahl und Kürzung von Beiträgen behalten wir uns ausdrücklich vor.

Bitte geben Sie bei jeder Einsendung, auch bei Zuleitung per E-Mail, Ihre volle Anschrift sowie Ihre Telefonnummer an. Anonyme Zuschriften veröffentlichen wir grundsätzlich nicht.

E-Mail: leserbriefe@gea.de
lesen »
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Aktuelle Beilagen