Stuttgart - Dortmund 4:1 - Gross-Team feiert vierten Sieg in Folge und stoppt den zuvor zwölfmal unbesiegten BVB
VfB-Express überrollt die Borussia
VON FRANK ERNST
STUTTGART. Es war der 29. November 2009, da hatte Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart den Tiefpunkt in der Tabelle erreicht. Dem 0:4 in Leverkusen folgte der Absturz auf Rang 17. Beim Champions-League-Teilnehmer schrillten sämtliche Alarmglocken. Zwei Monate später ist der Patient VfB nicht nur runter von der Intensivstation, sondern über den Berg. Nach dem 4:1-Sieg gegen die zuvor zwölfmal in Folge unbesiegte Dortmunder Borussia ist der Abstand zum Relegationsplatz 16 und Hannover 96 auf ziemlich komfortable acht Punkte angewachsen. Trotzdem warnte Erfolgs-Trainer Christian Gross nach dem vierten Sieg in Folge: »Wir sind mathematisch längst noch nicht gesichert.«
Ein Satz, der typisch ist für den manchmal etwas knorrig wirkenden Schweizer, der mit akribischer Arbeit und großer Disziplin die Schwaben wieder zurück in die Erfolgsspur gebracht hat. Auch nach dem »etwas zu hohen Sieg« (Gross) gegen den BVB mit seinem gebürtigen Stuttgarter Trainer Jürgen Klopp (»wir haben es dem VfB oft zu leicht gemacht«) bemängelte der 55-jährige Übungsleiter »viele Abspielfehler« und phasenweise »fehlendes Spielverständnis«. Dazu kritisierte Christian Gross auch die »zu knappe Führung« vor dem Dortmunder Ausgleich: »Da hätte das Spiel kippen können.«
Vorbei an Meister Wolfsburg
Kommen wir also zur Spiel-Chronik und den entscheidenden Szenen. Das 1:0 für den VfB in der 14. Minute war eine Gemeinschafts-Produktion von Pawel Pogrebnjak und Dortmunds Innenverteidiger Felipe Santana, die den Ball aus Nahdistanz in einer äußerst unübersichtlichen Zweikampfszene mit Oberschenkel und Armen über die Linie von Ex-VfB-Keeper Marc Ziegler drückten. Drei Minuten nach der Pause dann die ganz große Chance für die Roten zum 2:0. Ex-Nationalspieler Patrick Owomoyela holte im Strafraum Ciprian Marica von den Beinen. Der schwache Schiedsrichter Peter Gagelmann lag in dieser Szene mit seinem Elfmeterpfiff allerdings mal richtig, doch der Rumäne Marica höchstselbst drosch den Ball an die Latte. Wie war das gleich noch mit der alten Faust-Regel, dass der Gefoulte nie den Strafstoß selber schießen soll?
Und tatsächlich schien sich Maricas Fehlschuss zu rächen. Denn Welttorjäger Lucas Barrios glich in der 55. Minute zum 1:1. Allerdings war der Dortmunder Aktion ein klares Foul an Pogrebnjak vorausgegangen, dass Gagelmann vielleicht auch deshalb nicht sehen wollte, weil der immer besser werdende russische VfB-Angreifer kurz zuvor auf ziemliche plumpe Art versuchte, einen Elfer zu schinden. Genau jetzt folgte jene Phase, wo das Spiel nicht nur in der Wahrnehmung von Christian Gross zu kippen drohte. Manager Horst Heldt bilanzierte später: »Nach dem 1:1 sind wir nicht zusammengefallen. Das wäre vor ein paar Monaten noch anders gewesen.«
Die hohe Stuttgarter Kampfbereitschaft paarte VfB-Coach Gross mit der zündenden Idee und wechselte Zdravko Kuzmanovic für Timo Gebhart ein. Der gebürtige Schweizer mit serbischem Pass schnappte sich in der 77. Minute den Ball zum Freistoß und hämmerte das Runde rechts unten ins Eckige. Jetzt war der VfB-Express nicht mehr zu stoppen und überrollte den BVB. Marica nutzte ein Missverständnis in der Borussen-Abwehr zum 3:1 (86.) aus, und der starke Christian Träsch rundete ein Spiel von hohem Unterhaltungswert mit seinem tollen Linksschuss zum 4:1 (89.) ab.
Damit kletterten die Schwaben nicht nur auf Rang zehn, sondern zogen auch an Meister Wolfsburg vorbei, der am 29. November 2009 noch elf Punkte und neun Plätze vor dem VfB lag. Was Horst Heldt so kommentierte: »Manchmal geht es halt schnell im Fußball.« (GEA)