Tübingen
LEUTE - Schwester Carlagnese gründete in Tübingen vor über zwanzig Jahren das bundesweit erste Kinderhaus

An Bedürfnissen orientiert: Alle unter einem Dach

VON UWE RENZ

TÜBINGEN. Verheiratet, alleinerziehend oder Mutter mit vier Kindern von vier verschiedenen Vätern? »Das hat mich nie interessiert, mir geht es um den Menschen vor mir«, sagt Schwester Carlagnese. Bedürfnisorientiert, barmherzig, vertrauend, offen - diese Begriffe nennt die 77-jährige Ordensfrau immer wieder mit fester Stimme. In Tübingen und weit darüber hinaus ist sie eine Legende: Sie bereitete in der Unistadt vor rund 25 Jahren den Boden für Kinderhäuser mit altersgemischten Gruppen, flexiblen Öffnungszeiten und pädagogischen Wegen sowie intensivem Kontakt zwischen Erzieherinnen und Eltern.

Italienische Wurzeln

Was heute bundesweit verbreitet ist, brauchte zu Beginn eine klare Vision und starkes Beharrungsvermögen. Beides brachte Schwester Carlagnese, 1932 in Ettlingen als Tochter italienisch-deutscher Eltern geboren, mit. Vielleicht waren es ihre italienischen Wurzeln, die sich so segensreich auch für deutsche Familien auswirkten. Denn der streng für Kinder zwischen drei und sechs Jahren gegliederte Kindergarten sei eine typisch deutsche Einrichtung, meint sie.



Als die junge Erminia im italienischen Udine ein Dominikanerinnen-Internat besuchte, war ihr früh klar, dass sie ihr »Leben Gott schenken wird«, wie sie sagt. Sie hatte einen Ruf als lernbegieriges Mädchen, »aber in Betragen hatte ich immer eine schlechte Note«. Mit 16 wusste sie felsenfest, dass sie ihr Leben in einem Orden verbringen werde.

In Verona kam sie in Kontakt mit den »Sorelle della Misericordia«, den Barmherzigen Schwestern. Sie trat dieser Gemeinschaft bei, die dort von dem 1773 in Tübingen geborenen und zum Katholizismus konvertierten Priester Carlo Steeb gegründet worden war, und legte 1954 ihre erste Profess ab. In Berlin, Reutlingen und Esslingen studierte sie Sozialpädagogik und Supervision und übernahm fünf Jahre später in Tübingen die Leitung des Carlo-Steeb-Kindergartens, den Mitschwestern aus Verona an ein bestehendes Flüchtlingswohnheim für Studenten angebaut hatten.

Riesiger Zulauf

»Wir haben die Kinder aufgenommen, wie sie kamen, unabhängig von Herkunft, familiärer Situation oder religiösem Hintergrund«, erinnert sich Schwester Carlagnese. Es waren viele, bald mehr als 150, der Zulauf war riesig. Es kamen Kinder aus damals sogenannten Gastarbeiterfamilien, von Studentenpaaren, von alleinerziehenden Frauen und Kinder aus zerrütteten oder in Not geratenen Familien.

Drei Einrichtungen waren mit der Zeit entstanden: Kindergarten, Kindertagheim und Schülerhort. Bereits 1962 entschied sich der kleine Konvent, den Sprösslingen Mittagessen zu servieren. »Wir sahen eben die Bedürfnisse.« Mit immer größerem Unwohlsein spürte die Ordensfrau, dass alle Kinder im Haus letztlich das Gleiche brauchten und doch getrennt waren. »Warum sollten sie nicht gemeinsam in Gruppen zusammenleben?«, fragte die Ordensfrau. Nach langen Diskussionen war es so weit: Das »Haus für Kinder« der Sorelle della Misericordia von Verona konnte 1987 in Tübingens Süden nach mehrjährigen Tastversuchen Wirklichkeit werden.

Bundesweit Aufsehen erregte Schwester Carlagnese unbeabsichtigt mit einem Artikel, den sie 1988 für die Fachpublikation »Welt des Kindes« über ihr Kinderhauskonzept schrieb. »Experten der Pädagogik, der Kirchen, der Politik und von Schulen aus ganz Deutschland kamen nach Tübingen und machten sich vor Ort ein Bild«, erinnert sich die Sorella. Noch heute wundert sie sich über den Andrang: »Für uns war unser Haus doch selbstverständlich.«

Bis heute gilt ihre Devise, Kindern als Individuen gerecht zu werden, sie ernst zu nehmen und in Entscheidungen etwa über das hauseigene Kinderparlament einzubeziehen. Vor einem Jahr gaben die Schwestern das Kinderhaus in die Hände der katholischen Gesamtkirchengemeinde Tübingen, weil die Generalleitung der Sorelle della Misericordia in Verona keinen Ersatz für Schwester Carlagnese finden konnte. Zuversichtlich sei sie, dass es mit dem Kinderhaus gut weiter gehe, sagt dessen Begründerin. (GEA)



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