Magersucht - Sie hat alle gehasst, die dünner waren: Seit 15 Jahren leidet Anna an Anorexie. Die 30-Jährige erzählt von der Krankheit und den Versuchen, davon loszukommen

»Jeder Tag ist ein Kampf«

TÜBINGEN. Nennen wir sie Anna. Anna sagt von sich: »Ich war immer gut. Ein Vorzeigekind.« Sie war gut in der Schule, hat Klavier und Querflöte gespielt. Bis ihre Schwester besser wurde als sie. Da hat Anna mit der Musik aufgehört und gedacht: »Aber ich kann besser verzichten. Ich kann hungern.« Sie kann so gut hungern, dass sie mit 23 Jahren bei einer Körpergröße von 1,75 Meter gerade noch 37 Kilogramm wiegt. Anna ist magersüchtig, seit sie 15 Jahre alt ist.

Bloß kein Gramm mehr: Magersucht kann viele Ursachen haben. 
FOTO: DPA
Bloß kein Gramm mehr: Magersucht kann viele Ursachen haben. FOTO: DPA
Heute, mit 30 Jahren, wiegt die Esslingerin wieder 50 Kilogramm. Das ist das Ergebnis von 40 Stunden Einzeltherapie, die Anna erhalten hat im Rahmen einer Studie zur ambulanten Therapie von Magersucht (vergleiche »Neue Therapien im Test«). 40 Stunden Einzeltherapie für 15 Jahre Krankheit: »Das ist nicht viel«, sagt Professor Stephan Zipfel, Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Tübinger Uniklinik.

Anna ist sehr schüchtern und frühreif. Mit neun Jahren ist sie über 1,70 Meter groß, wiegt 65 Kilogramm. »Mops« sagen sie in der Schule. Von diesem Moment an hat sie ein Ziel: kleiner und dünner zu sein als alle anderen. Die ersten Diäten folgen. Mit 15 hat sie ihren ersten Freund, der sie einmal in den Bauch zwickt und sagt: »Du hast ja noch Babyspeck.« Jetzt macht sie ernst, wirft ihr Pausenbrot weg, übergibt sich nach dem Essen. Ihre Eltern nehmen sie mit zu einer Beratungsstelle, aber auf Beratung hat sie keinen Bock. Mit 18 macht sie die erste ambulante Therapie, die nichts bringt, weil sie keine Therapie will.



»Zu diesem Zeitpunkt habe ich das nicht als Problem gesehen. Das Schlimmste war einfach der ständige Streit mit den Eltern.«



Zur Magersucht kommt vorübergehend Bulimie. In der zwölften Klasse fällt Anna in der Schule ab. Sie ist so ausgelaugt, dass sie kaum aus dem Bett kommt, so kaputt, dass sie im Unterricht ständig einschläft. Sie raucht, nimmt nur noch schwarzen Kaffee zu sich und Cola light, das abführend wirkt. Freiwillig wiederholt sie die Klasse, kommt in ein neues Umfeld, hat einen neuen Freund, erhält nach der Schule einen Ausbildungsplatz - es geht aufwärts. Nur nicht mit dem Gewicht.



»Ich wollte immer leer sein. Den ganzen Tag über habe ich nichts gegessen, habe mir sogar verboten, etwas mit Kalorien zu trinken. Ich habe gedacht: Wenn ich erst mal richtig dünn bin, dann darf ich wieder essen. Ich wollte immer die Dünnste sein und habe alle gehasst, die dünner waren als ich.«



Eines Tages - sie wiegt 47 Kilogramm - klappt sie an ihrem Ausbildungsplatz zusammen. Eine Therapie will die Krankenkasse nicht bezahlen und versucht, sie in die Reha abzuschieben. Während über Behandlung und Verantwortung und Kosten gestritten wird, nimmt Anna immer weiter ab. Als sie auf 37 Kilogramm abgemagert ist, geht es plötzlich. Innerhalb einer Woche erhält sie eine stationäre Therapie.

In einer internistischen Klinik wird sie aufgepäppelt, nimmt in drei Monaten acht Kilogramm zu, bevor sie erstmals stationär eine Psychotherapie macht. »Vielleicht hätte ich dort länger bleiben sollen«, sagt sie heute. Aber nach fünf Monaten will sie raus, trinkt literweise Wasser, um für die Waage ihr Gewicht nach oben zu treiben. Es geht ihr besser, bevor wieder eine ambulante Therapie folgt. Anna arbeitet an sich, wird selbstbewusster, aber dann zahlt die Kasse nicht mehr. Ihr Therapeut rät ihr zu einer weiteren stationären Behandlung, aber das will sie nicht, weil sie einen neuen Partner gefunden hat.



»Ich habe immer mal wieder etwas gegessen, weil ich nicht wollte, dass er mich so sieht. Aber die Krankheit hat mich nicht losgelassen. Mein Partner hat versucht, mich zu therapieren, aber das hat nicht funktioniert, im Gegenteil. Wir haben uns oft gestritten, weil ich nur Äpfel oder Gurken gegessen habe. Ich habe gewusst, dass ich etwas machen muss.«



In der Zeitung liest sie, dass die Uniklinik Tübingen noch Teilnehmerinnen für eine Studie sucht. Anna wird angenommen und fährt ein- bis zweimal in der Woche abends nach Feierabend zur Therapie nach Tübingen. Sie muss ein streng kontrolliertes Esstagebuch führen und regelmäßig ihr Blut untersuchen lassen, damit sie nicht wieder mit Wasser ihr Gewicht nach oben treibt. Nach und nach wird ihr Essplan voller.

»Angefangen habe ich mit Joghurt und Obst, dann sind Haferflocken dazugekommen. Schließlich habe ich schon mal um 13 Uhr etwas gegessen und nicht erst um 20.30 Uhr.«



Monate nach Beginn der Behandlung ist Anna so weit, dass sie einmal in der Woche eine warme Mahlzeit essen kann. Kartoffelbrei mit Karotten, Brokkoli und Blumenkohl wünscht sie sich und findet, dass ein Esslöffel Kartoffelbrei schon bedrohlich viel ist.



»Es ist immer noch schwierig. Jeder Tag ist ein Kampf. Ich weiß, dass ich essen muss, aber ich habe nicht mehr so viel Angst davor.«



Später steigt Anna von der Portion eines Löffels auf die Größe einer Tasse um. Jetzt, nach dem Abschluss der Therapie an der Tübinger Uniklinik, wiegt sie 50 Kilogramm. Das, sagt sie, ist eine magische Grenze. (GEA)

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