Gesundheit - In Tübingen sprachen Experten über Essstörungen bei Jugendlichen. Immer noch sind deutlich mehr Mädchen von Magersucht betroffen. Doch auch bei Jungen wird Anorexie zunehmend diagnostiziert

Hungern als Gefühl der Macht

TÜBINGEN. Wie dringend das Thema Essstörungen bei Jugendlichen ist, zeigt eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung. Danach ist jedes fünfte Kind zwischen 11 und 17 Jahren davon betroffen. Diese Zahlen zitierte Ulrike Dimmler-Trumpp, Sozialdezernentin des Landkreises, auf der Fachtagung »Jugendliche zwischen Anpassung und Rebellion - Essstörungen - (k)eine Lösung«. Im Landratsamt Tübingen informierten Experten in Vorträgen, luden Interessierte zu Workshops ein und standen in einer Podiumsdiskussion Rede und Antwort.

Warum Mädchen in der Pubertät Gefahr laufen, eine Essstörung zu entwickeln und weshalb die Selbstzerstörung für sie einen Sinn erfüllt, erklärt Barbara Stauber, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft. Obwohl in der Gesellschaft so getan werde, als ob, gebe es keine »festen Fahrpläne« mehr für das Leben der Jugendlichen. Alte Standards seien weggebrochen. Die Einführung von G-8 und Bachelorstudiengängen habe den Leistungsdruck erhöht, eine enorme Beschleunigung stattgefunden.

Form der Stressbewältigung

Um Druck abzubauen und dem Schönheitsideal der Zeit zu genügen, fingen manche Mädchen an, krankhaft ihr Essverhalten zu kontrollieren. Auch weil das ein Bereich sei, »über den sie Macht verspüren«. Während der Übergang zum Erwachsenwerden - körperliche Veränderungen, die Ablösung von den Eltern, Partnerschaften einzugehen, eigene Lebensentwürfe zu entwickeln - sie zusätzlich belasten könne. »Zudem schätzen Jugendliche ihren Körper in diesem Lebensabschnitt als belastbar ein und experimentieren gerne. Wann das Essverhalten pathologisch wird, ist schwer zu erkennen.«

Als Gefahr für Jugendliche kritisiert Sylvia Baeck vom Beratungszentrum »Dick & Dünn« in Berlin Sendungen wie Germany's Next Topmodel. Sie zeigt auf wie Medien das Schönheitsideal beeinflussen. »80 Prozent der Frauen wünschen sich Kleidergröße 38. Aber nur 15 Prozent haben sie.« Die Folge: Abführmittel gehören zu den am häufigsten verkauften Medikamenten, Diätprodukte und Schönheitsoperationen boomen.

Die Beraterin zählt Formen von Essstörungen auf. Dazu zählen neben Magersucht und Bulimie auch das sogenannten »Binge Eating«. Dabei kommt es immer wieder zu Heißhungerattacken, die zu Übergewicht führen. »Wenn die Eltern nicht konsequent an einer Diät mitarbeiten, ist es für ein Kind fast auswegslos, abzunehmen.«

Katharina Zeller, Gestaltungstherapeutin der Tübinger Beratungsstelle »Lebenshunger« weiß aus Gesprächen mit erkrankten Mädchen: »Das Hungern klappt anfangs gut, weil Endorphine ausgeschüttet werden - ein Erbe der Evolution.« Doch das gute Gefühl halte nicht an.

Zwar verspürten Essgestörte keinen Hunger mehr. Ihr Körper erinnere sie jedoch ständig ans Essen. »Erkrankte trinken viel Mineralwasser und suchen ständig Ausreden, warum sie nichts essen.« Sie berichten von einer inneren Stimme, die sie mit Sätzen tyrannisiere wie »Du fette Kuh« und »Du wirst fett«. Es entwickle sich eine Psychodynamik, die sie selbst nicht mehr stoppen könnten. »Über die Hälfte der Mädchen kommen erst auf Druck der Eltern.«

In seinem Vortrag »Der Weg zum Mann ist auch nicht leicht« lenkt Gottfried Barth, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Tübingen, den Blick auf die Jungen. Von Bulimie und Magersucht seien deutlich mehr Mädchen betroffen, doch auch bei Jungen und Männern werde Magersucht zunehmend diagnostiziert. Sportler wie Skispringer und Tänzer, Berufsgruppen wie Models sowie Bi- oder Homosexuelle seien häufiger betroffen. Letztere vielleicht aufgrund des weiblicheren Schönheitsideals.

Jungen mit Adonis-Komplex

Unter Binge Eating leideten Jugendliche egal welchen Geschlechts. Während sich ein größerer Anteil der normalgewichtigen Mädchen als »zu dick« bezeichnete, neigten dazu normalgewichtigen Jungen seltener. Jungen entwickelten häufiger eine Bigorexie, den sogenannten Adonis-Komplex. »Bei Jungen spielt die Muskulatur eine größere Rolle. Sie haben als Idealbild eher einen athletischen Körperbau, während die Mädchen dünn sein möchten.« Das Anhäufen von Muskelpaketen könne krankhafte Züge annehmen. »Behandeln lassen sich Jungen aber seltener als Mädchen.«

Um Essstörungen vorzubeugen, ist eine Beratung ohne Hürden nötig, unterstreicht Regine Kottmann von der Beratungsstelle »Lebenshunger«. Deshalb gehen sie und Niko Bittner vom Verein »Pfundzkerle« in Schulen und sprechen mit Schülern ab Klasse sieben über Essstörungen. (GEA)

Hilfen bei Essstörungen in Tübingen

»Lebenshunger« Präventions- und Beratungsstelle bei Essstörungen, Tima e.V.: Weberstraße 8, 0 70 71/76 30 06

Ernährungstherapiezentrum (ETZ): Karlstraße 8, 0 70 71/5 65 40 10

Psychotherapeutische Praxis, Schwerpunkt Essstörungen: Uhlandstraße 13, 0 70 71/5 20 11; alle niedergelassenen Kinderärzte, Kinder- und Jugendtherapeuten und Psychotherapeuten

Kliniken in Tübingen:

Kinder- und Jugendpsychiatrie, Osianderstraße 14,

0 70 71/2 98 23 38

Abteilung für psychosomatische Medizin, Osianderstraße 5, 0 70 71/2 98 67 19

Gesundheitsamt:

Landratsamt, Wilhelm-Keilstraße 50, 0 70 71/2 07 33 40

Beauftrage für Sucht- und Jugendberufshilfe, Abteilung Soziales, Wilhelm-Keil-Straße 50, 0 70 71/2 07 20 13

Selbsthilfegruppen für Mädchen und junge Frauen, Präventions- und Beratungsstelle »Lebenshunger«, 0 70 71/76 30 06; Selbsthilfegruppe für Angehörige: 0 70 71/7 26 74 (weid)

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