Erziehung - Gesunde Ernährung spielt künftig in Kindergärten eine wichtige Rolle. Begleitmaterial für Erzieherinnen

Zu dick und zu wenig Bewegung

MÜNSINGEN. Die jüngste Verzehrstudie hat es an den Tag gebracht: Jede zweite Frau sowie zwei Drittel aller Männer in der Bundesrepublik sind übergewichtig und auch bereits jedes vierte Kind leidet unter Fettleibigkeit und Bewegungsmangel. Was liegt da näher, als mit der Erziehung zu bewusster und gesunder Ernährung bereits im Kindergarten zu beginnen? Im städtischen Kindergarten« Kirchtal« in Münsingen hat Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch gestern zusammen mit dem Reutlinger Landrat Thomas Reumann die »Esspedition Kindergarten« gestartet, eine im Landkreis Reutlingen begonnene, landesweite Fortbildungskampagne, die Erzieherinnen und Erziehern in Kindergärten und Ganztageseinrichtungen helfen soll, Mädchen und Jungen gutes Essen von Anfang an schmackhaft zu machen. Das baden-württembergische Ministerium für Ernährung und Ländlicher Raum hat dazu zusammen mit den Beki-Fachfrauen einen 250-seitigen Ordner mit umfangreichem Arbeitsmaterial für pädagogische Fachkräfte zusammengestellt: Er ist Bestandteil des neuen Orientierungsplans für Kindergärten, der ab 2009/10 im ganzen Land verbindlich sein wird.

Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch hat in Münsingen den neuen Leitfaden »Esspedition Kindergarten« vorgestellt und die Bedeutung gesunder Ernährung betont. GEA-FOTO: OEL
Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch hat in Münsingen den neuen Leitfaden »Esspedition Kindergarten« vorgestellt und die Bedeutung gesunder Ernährung betont. GEA-FOTO: OEL
»Es gibt ein Leben jenseits von Big Mac und Fertigpizza«

Gesundheitsbewusstes Ernährungsverhalten könne man nicht früh genug üben, ist Landrat Thomas Reumann überzeugt davon, dass die jetzt gestartete und im »Kirchtal«-Kindergarten bereits mit Gesundheitsprojekten begonnene Aktion »Esspedition Kindergarten« sowie die Arbeit der Fachfrauen für Bewusste Kinderernährung«, kurz »Beki« hierzu eine gute Chance ist. »Es gibt ein Leben jenseits von Big Mac und Fertigpizza«, so Reumann, und dies zu vermitteln, sei neben dem Elternhaus immer mehr auch der Kindergarten der richtige Platz.

70 Milliarden Euro, dies betonte Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch, koste es das Gesundheitssystem, allein ernährungsbedingte Schäden, wie Diabetes oder auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufzufangen. Daher müsse das Thema gesunde Ernährung überall dort eine Rolle spielen, wo Erziehung und Bildung stattfinde. Dies sei nicht erst die Schule, so Gurr-Hirsch, die auf das gemeinsame Pausenfrühstück und Kochen bereits im Kindergarten und das Einüben von Ess-Ritualen in Kindergärten und Tagesstätten verwies.

Eine wichtige Rolle komme hier den Erzieherinnen zu, die auch in Sachen Ernährung als Vorbilder fungierten. Als mögliche Hilfe, dieses Thema kindgerecht umzusetzen, stellte die Staatssekretärin einen vom Ministerium für Ernährung und Ländlicher Raum in Zusammenarbeit mit dem aid-infodienst in Bonn erstellten Ordner vor und verwies auf die Arbeit der insgesamt 256 Beki-Fachfrauen, von denen sieben allein im Landkreis Reutlingen tätig sind.

Zwei dieser Expertinnen für die richtige Ernährung von Kindern, die ihr Wissen auch direkt an Eltern sowie an Kinder vom Kindergarten- bis zum Schulalter weitergeben, sind Inke Meyer und Iris Goller: Sie haben die gestern nach Münsingen gekommenen Erzieherinnen und Erzieher schon mal mit den wichtigsten Inhalten des in acht Kapitel unterteilten Leitfadens »Esspedition Kindergarten« vertraut gemacht. So finden sich auf 250 Seiten Arbeitsmaterialien und Anregungen dafür, wie gemeinsame Mahlzeiten im Kindergarten gestaltet und bei ihrer Vorbereitung alle Sinne der Kinder mit einbezogen werden können. Außerdem folgen Tipps für Elternabende zu diesem Thema, Ernährungsempfehlungen für Kinder und Beispiele dafür, wie eine gute Verpflegung in Ganztageseinrichtungen aussehen soll.

»Viele Kinder wissen nicht mehr, wie ein gedeckter Tisch aussieht«

Die Kultur des gemeinsamen Essens, so die Beobachtung von Münsingens Bürgermeister Mike Münzing, gehe in der Gesellschaft immer mehr verloren. »Viele Kinder wissen nicht mehr, wie ein gedeckter Tisch aussieht, und haben es verlernt, das Besteck zu gebrauchen«, will Münzing dies aus dem Ganztagesbetrieb einer Münsinger Hauptschule erfahren haben. Kindern solche Selbstverständlichkeiten wieder zu vermitteln, sei eine wichtige Aufgabe bereits an Kindergärten sagte Münzing, der vor allem den Beki-Frauen für ihr Engagement dankte.

Anneliese Wagner, Leiterin des »Kirchtal«-Kindergartens zog vier Jahre nach dem in Münsingen gestarteten Gesundheitsprojekt das Fazit, vernünftige Ernährung dürfe mit Kindern nicht nur projekthaft thematisiert werden. Vielmehr müsse dies als Ritual ständig im Alltag mit einbezogen sein. (GEA)

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