Wissenschaft - Verhaltenspharmakologen aus aller Welt diskutierten auf einer Tagung in Tübingen über den Zusammenhang zwischen Essen und Gehirnstoffwechsel

Pille gegen Spaß am Essen

TÜBINGEN. Mehr als 300 Forscher aus aller Welt diskutieren bis gestern in Tübingen über neue Forschungsergebnisse in der Verhaltenspharmakologie. Dabei geht es unter anderem um den Zusammenhang von Essen und Sucht. Die Tagung war dieses Jahr überschattet vom Tod des früheren Präsidenten der Europäischen Gesellschaft der Verhaltenspharmakologen (EBPS) Werner Schmidt. Der Leiter der Abteilung Neuropharmakologie des Zoologischen Instituts der Tübinger Uni war im April überraschend gestorben.

Thomas Tschentke hat von 1988 bis 1999 in Tübingen Biologie studiert und promoviert.  
GEA-FOTO: GISEL
Ein Teller voller Pillen als absolute Spaßbremse kann natürlich nicht die Zukunft sein. Aber für krankhaft Übergewichtige ist tatsächlich ein Medikament auf dem Markt, das den Spaß am Essen reduziert. FOTO: DPA
Verhaltspharmakologie agiert im Grenzbereich zwischen Biologie und Psychologie. Ein Ergebnis verhaltenspharmakologischer Forschung ist beispielsweise ein Medikament zur Behandlung schweren Übergewichts, das seit anderthalb Jahren auf dem Markt ist: Es wirkt nicht als Appetitzügler, sondern blockiert im Gehirn die Rezeptoren für körpereigene Cannabioide - Stoffe, die ähnlich wirken wie Haschisch.

Noch viele Rätsel im Gehirn

Wie Thomas Tzschentke, Mitglied des Exekutivkomitees der EBPS, berichtet, handelt es sich dabei um Substanzen, die im Gehirn bei der Vermittlung positiver Signale beim Essen - oder auch beim Drogenkonsum - beteiligt sind. Versuche, das Medikament auch bei Alkoholikern oder Rauchern einzusetzen, seien allerdings gescheitert. Und es gibt weitere Hinweise, dass Dickwerden im Kopf beginnt: Forscher hätten festgestellt, dass bei stark Übergewichtigen bestimmte Gehirnareale stärker aktiviert seien als bei Normalgewichtigen. »Bei Übergewichtigen wirkt Essen ein bisschen mehr wie eine Droge«, vermutet Tzschentke.

Verhaltenspharmakologen beschäftigen sich vor allem mit Botenstoffen im Gehirn. »Man weiß noch lange nicht alles über den Gehirnstoffwechsel«, sagt Tzschentke. Er ist sich sicher, dass noch nicht einmal alle Botenstoffe entschlüsselt sind. Und selbst wenn die Botenstoffe bekannt sind, können Wissenschaftler häufig schlecht zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden. So galt Dopamin in den 60er Jahren als »Glücksbotenstoff«. Heute weiß man, dass Dopamin auch bei Stress freigesetzt wird, was Forscher vermuten lässt, dass der Stoff dem Körper schlicht und einfach signalisiert, dass etwas Bedeutungsvolles passiert - ob positiv oder negativ. In einem anderen Fall habe die Medizin festgestellt, dass manche Menschen, die an einer Depression leiden, auf Serotonin reagieren. Daraus wurde dann gefolgert, dass Serotonin-Mangel Ursache der Erkrankung ist, sagt Tzschentke.

Weitere Themen der Tagung sind unter anderem Lernen und Gedächtnis, Depression, Sucht, aber auch die Parkinson-Krankheit. Verhaltenspharmakologen beschäftigen sich auch mit so einer praktischen Frage wie der, an was es liegt, dass Schokolade glücklich macht. Und sie sind auch auf der Spur des Suchtgedächtnisses: Möglicherweise entscheidet es darüber, ob schon eine einzige Zigarette einen Raucher rückfällig werden lässt.

Tzschentke, der in Tübingen studiert und promoviert hat, arbeitet inzwischen bei einem Pharmaunternehmen an der Entwicklung von Schmerzmitteln, die auch bei starken Schmerzen wirken, aber nicht unter die strengen Auflagen des Betäubungsmittelgesetzes fallen. Er gibt zu bedenken, dass »Verhaltspharmakologie in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern keine große Tradition hat«. Die USA hatten Skinner, Osteuropa hatte Pawlow«, sagt Tzschentke. Dass derart prominente Vertreter des Behaviorismus in Deutschland fehlen, hat die Entwicklung des Fachs hierzulande gebremst. (GEA)

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