Erfahrungsaustausch - Erste Reutlinger Gesprächsgruppe für mager- und ess-brech-süchtige Frauen ist in Gründung

Heimlichkeit bestimmt den Alltag

REUTLINGEN. Oft beginnt der Horror mit einem Erfolgserlebnis. Mit einer geglückten Diät, die den Betroffenen ein gerüttelt Maß an Anerkennung verschafft: Weil sie plötzlich auffallen. Weil sie für ihr »diszipliniertes Durchhalten«, für ihr attraktiveres, weil schlankeres Aussehen gelobt werden. Und weil sie Selbstbewusstsein aus eben diesen positiven Reaktionen schöpfen. Alles ganz normal? Manchmal schon. Manchmal aber auch nicht, wie die beiden Sozialpädagoginnen Heidrun Storz und Xempha Rolser durch ihre Beratungstätigkeit im Bereich »Essstörungen« wissen.

Banger Blick auf die Waage: Bei Menschen mit Essstörung kommt er täglich mindestens einmal vor. GEA-FOTO: PACHER
Banger Blick auf die Waage: Bei Menschen mit Essstörung kommt er täglich mindestens einmal vor. GEA-FOTO: PACHER
Dass Diäten nämlich auch zwanghafte Züge entwickeln können, dass die Personenwaage zum Stimmungsbarometer, mehr noch: zum Folterinstrument avancieren kann - die zunehmende Zahl mager- und ess-brech-süchtiger Mädchen und Frauen belegt dies in erschütternder Deutlichkeit. Wobei inzwischen auch immer mehr Männer vom vermeintlichen »Frauenleiden« der Essstörung betroffen sind.

Auf dem Vormarsch

Dabei fällt die Erfassung schwer. Wie viele Menschen tatsächlich in krankheitstypischer Heimlichkeit Nahrung verweigern oder unkontrolliert in sich hineinschlingen - es lässt sich kaum beziffern. Weil aber Therapeuten und Beratungsstellen regen Zulauf erfahren, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass »Anorexia nervosa« und »Bulimie« auf dem Vormarsch sind. Kein Wunder also, dass die Ursachenforschung allerlei Anstrengungen unternimmt, die Ursprünge gestörten Essverhaltens aufzudecken. Doch das erweist sich in der Praxis als überaus kompliziertes Unterfangen.

»Derzeit«, sagt Xempha Rolser, »geht man von drei Faktoren aus.« So können die Gründe für eine abnorme Nahrungsaufnahme sowohl soziokulturell als auch genetisch oder seelisch bedingt sein. Wobei der hierzulande kolportierten Beauty-Formel »Schlank gleich Schön« eine gewisse Schlüsselfunktion zukommen dürfte. Sie nämlich hat das Zeug Essstörungen auszulösen; kann Initialzünder krankhafter Selbstkasteiung sein. Die eigentlichen Ursachen gründen jedoch tiefer. Und schenkt man vergleichenden Fallstudien Glauben, dann sind Bulimie oder Anorexie oftmals familiär verortet.

Heißt konkret: Die von Patienten beschriebenen sozialen Backgrounds weisen verblüffende Übereinstimmungen auf. Danach laufen Menschen, die in einem Klima strikter Leistungsorientiertheit, Pflichterfüllung und Kontrolliertheit aufwachsen viel eher Gefahr, an einer Essstörung zu erkranken, als solche, in deren Elternhaus weniger Wert auf Perfektionismus gelegt wird.

Angepasst und intelligent

Kennzeichnend für Bulimiker und Anorektiker scheint außerdem das Leben hinter einer Fassade makelloser Bilderbuch-Bürgerlichkeit zu sein. Familiäre Probleme sind tabu, werden unter den Teppich gekehrt und irgendwann buchstäblich in sich reingefressen oder ausgehungert - weil für Konfliktbewältigung kein Platz ist. Von liebevollem Verständnis oder Solidarität gar nicht zu reden.

Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass Menschen mit Essstörung nach außen hin angepasst scheinen. »Sie sind in aller Regel intelligent und leistungsbetont, haben ausgezeichnete Manieren und wirken überaus kontrolliert«, skizziert Heidrun Storz das Auftreten Betroffener. »Sie sind aber auch meist sehr einsam.« Denn viele gesellige Freizeitaktivitäten - etwa Partys oder Kaffeeklatsch - kommen für Bulimiker und Anorektiker wegen ihrer Sucht gar nicht in Betracht. »Ständig kreisen ihre Gedanken ums Essen« - darum, wie es unauffällig vermieden werden kann oder wann der passende, ungestörte Zeitpunkt für Fress-Orgien gekommen ist.

Besonders abgeschottet

»Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück, kapseln sich ab«, so Xempha Rolser. Und: Sie sind nie um Ausreden verlegen. Heimlichkeiten und Kalorien-Kalkulation diktieren ihren Alltag. Wobei Ess-Brech-Süchtige besonders abgeschottet leben. Doch obwohl mit ihrer Krankheit schlimmste Schamgefühle einhergehen, verleugnen sie ihren Zustand so gut es geht vor sich selbst. Und das hat gesundheitliche Konsequenzen - vom kariösen Gebiss über Stoffwechselstörungen bis hin zu Haarausfall und Muskelschäden.

»Wer sich professionelle Hilfe sucht, hat meist eine mehrjährige Krankengeschichte hinter sich«, erklärt Stotz, die wohl weiß, dass es Heilungschancen gibt. Wenngleich der Weg aus der Sucht lang ist. Hilfreich kann ihrer Erfahrung nach ein Therapie-begleitender und -ergänzender Gesprächskreis sein. Denn der Erfahrungsaustausch Betroffener mag die Rückfall-Wahrscheinlichkeit verringern. Mal ganz davon abgesehen, dass die vereinsamten Teilnehmer hier mitunter neue soziale Kontakte knüpfen können. In jedem Falle aber wirken sich Verständnis und Offenheit im geschützten Raum wohltuend auf die malträtierte Psyche Essgestörter aus, geben Sicherheit.

Reutlinger Gesprächskreis

Deshalb wollen die beiden Sozialpädagoginnen mit therapeutischer Zusatzausbildung jetzt auch in Reutlingen eine entsprechende Gesprächsgruppe anbieten. Sie wendet sich speziell an Frauen zwischen 17 und 30 Jahren, die an Mager- oder Ess-Brech-Sucht leiden beziehungsweise den Verdacht hegen, Bulimikerinnen oder Anorektikerinnen zu sein.

Da sich Rolser und Storz unter anderem im Esslinger Arbeitskreis »Ess-Störungen« engagieren, verfügen sie über gute Kontakte zu Ärzten und Ernährungsberaterinnen mit denen sie in ständigem Austausch stehen. (GEA)

Weitere Informationen
07121 / 253 82
Hstorz@aol.com

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