Geschichte - In der Spitalstraße 1 beginnt ein neues Kapitel: Wie ein altes, unscheinbares Gebäude die Stadt prägt

Das Haus, in dem die Zeit wartet

Von Benjamin Dürr

BAD URACH. An einem Tag vor dreizehn Jahren um 17.47 Uhr ist die Zeit stehen geblieben. Die Wanduhr zeigt noch die Zeit, als das Leben aus Spitalstraße Nummer eins auszog. Auf Kleiderbügeln noch die Mäntel, im Regal mit Marmelade gefüllte Gläser, Pullover über die Stuhllehne gelegt, aufgereiht von der Sonne verfärbte fingergroße Figuren aus Plastik, vor dem Badezimmer-Spiegel der Becher neben dem halb vollen Parfümfläschchen, die Türen angelehnt. Das Bett bezogen, die Menschen ausgezogen. Von einer Staubschicht überzogen.

Geschichte ist greifbar in der Spitalstraße 1 mitten in der Uracher Altstadt. Auch in Form von alten Feuerwehrbildern. FOTO: DÜRR
Geschichte ist greifbar in der Spitalstraße 1 mitten in der Uracher Altstadt. Auch in Form von alten Feuerwehrbildern. FOTO: Benjamin Dürr
Bis Frank Holzhäuser die Ruhe durchbricht, aus der schlafenden Spitalstraße eins, dem Handwerkerhaus der Vergangenheit, ein Appartement-Zentrum für die Zukunft formt. Ein neues Kapitel zu schreiben beginnt in der Historie eines Hauses, das zu den älteren in Urach gehört und an Geschichte und Geschichten reich ist. Ein Haus, das unscheinbar ist und doch entscheidend einen Uracher Platz prägt.

»Das schönste Tuch«

Zu einer Zeit, als Graf Eberhard längst nicht geboren, Württemberg noch nicht geteilt war, wurde im vierzehnten Jahrhundert das Loch ausgehoben und zum vier Meter hohen und zwölf mal sechs Meter großen Kellergewölbe ausgemauert, in dem heute der feuchte, kühle, modrige Geruch von siebenhundert Jahren liegt.

Das Erdgeschoss, der Sockel aus massivem Stein aus dem vierzehnten Jahrhundert, wurde später darauf gesetzt und ist eine Werkstatt geblieben mit Raumhöhen von 2,60 Metern und zwei Einfahrtstoren. Im fünfzehnten Jahrhundert soll das Haus als Wirtschaftsgebäude zum gegenüberliegenden Beginen-Konvent gehört haben, 1729 bekam die Spitalstraße eins den Namen »Garnsiede«, noch heute im Munde alter Uracher geführt, in Erinnerung an die von ihr ausgegangene Wirtschaftskraft der Leinenweberei für Stadt und Amt Urach.

Aus dem kalten Wasser des Mühlbachs, der an der Hausmauer kanalisiert vorbei- und unter Holzbrettern im angebauten Abstellraum noch heute durchfließt bis zur Schlossmühle, aus diesem Wasser also und mit der Asche von Buchenholz wurde in schweren Kesseln aus Kupfer weich gekocht, was spröde, mürbe, zäh als Flachs geliefert worden war. Beim Sieden lösten sich die Fäden und Fasern voneinander, sodass der Chronist 1780 in seiner Beschreibung von den drei »Siedereyen« in Urach - in der Spitalstraße war die größte - erzählte, wo »das Garn beynahe halbweis gesotten und so lind gemacht wird, daß man daraus das schönste und vesteste Tuch daraus zu weben vermag«.

Um die Spitalstraße in den Gassen der zu jener Zeit »Altstadt« genannten Uracher Bezirke entstand mit den Handwerkerhäusern ein Arbeiter-Viertel. Noch bis 1879 wurde »gesotten« und gesiedet. 1901 kaufte die Uracher Familie Walcher das Haus mit der Adresse Spitalstraße eins, das bis heute, fast hundert Jahre, in ihrem Besitz bleiben sollte.

Sechs Söhne, ein Haus

Eine Tochter, sechs Söhne: In der Garnsiede, deren Kupferkessel noch bis 1907 standen, richteten sie, jeder ein Handwerker, ihre Werkstätten ein. Elektriker, Schmid und eben der Wagner Ernst Walcher, der um die Jahrhundertwende geboren wurde und in der Spitalstraße eins sein Leben lebte. Nach dem Krieg, der rund um das Haus Krater hinterließ, entwickelte der Wagner Walcher Skier. Denn Holzräder waren nicht mehr gefragt. Das Holz bog er deshalb fortan zu Skiern, mit eigenem, rotem Emblem und goldenem Schriftzug, »Skiwerkstätte Walcher Urach«, sägte, leimte Kanten und entwickelte Bindungen.

Ernst Walcher lebte noch bis 1996 in seinem Haus, bis zu seinem Tod, der kurz vor seinem 96. Geburtstag kam, war seine Adresse Spitalstraße eins. Ein Fan von Feuerwehren, wovon die Bilder im Treppenhaus noch erzählen. Ein Anhänger der CDU mit Wahlplakaten aus den 1970er Jahren über dem kleinen Handwerker-Schreibtisch. Träume, die zwei Generationen vererbt wurden.

Sein Enkel, Axel Walcher, sitzt heute für die CDU im Stadtrat von Bad Urach, ist deren Ortsvereinsvorsitzender. Und arbeitet bei einer Firma für Feuerwehr-Schutzanzüge.

Letzter Mosaikstein

Mehrere Jahre, sagt Axel Walcher heute, 2010, habe die Suche gedauert, einen Investor zu finden. Frank Holzhäuser mit seiner Firma »Pro Casa« baut nun die Spitalstraße eins um. Im Erdgeschoss, der Werkstatt, entstehen eine Gewerbe-Einheit auf der einen Seite, eine Atelier-Wohnung daneben, in den drei Stockwerken darüber insgesamt fünf Wohnungen mit Blick auf Amandus-Kirche oder Hohenurach und 80 bis 140 Quadratmetern Fläche.

Mit der Erfahrung im Umbau Dutzender Denkmalbauten und der Devise »alte Bauten, neues Wohnen« will Holzhäuser die Spitalstraße eins bis Ende 2011 zum seniorengerechten, modernen, energetisch aktuellen Appartement-Haus machen. Unterstützt wird sein »Traum von einem Haus« mit Mitteln aus dem Landesinvestitions-Programm finanziell und vom Bad Uracher Bürgermeister Elmar Rebmann und seiner Bauverwaltungsamtsleiterin Anke Armbrust ideell: Dies sei ein weiterer, letzter und wichtiger Stein in den Bemühungen seit 2002, den Graf-Eberhard-Platz zu sanieren.

In neuem Glanze

Die Bad Uracher Schlossmühle, der Platz westlich der alles überragenden Stiftskirche Sankt Amandus, die Fassade des Beginenhauses und das Seminargebäude (früher: Kupferbau) strahlen schon. Bald beginnen Umbau und Sanierung der Spitalstraße eins. Die Einrichtung wird weichen, das Haus und seine Geschichte bleiben. (GEA)



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