Heimat und Welt
Kult

Das war ... spitze!!!

Erinnern Sie sich noch an Flokatiteppiche, Fototapeten und Lavalampen? An Käseigel, Acrylhemden und Bonanzaräder? Das alles war in den 70er-Jahren der letzte Schrei. Kein Jahrzehnt war so wild, keines hat unseren Geschmack so nachhaltig geprägt wie die Flower-Power-Zeit. Die Autorinnen Veronika Immler und Antje Steinhäuser haben jetzt ein Buch über diese schrille Zeit verfasst - und beschreiben die herben Stilverirrungen mit viel Humor.

Ein gehäkelter Überzug, der das klassische Post-Telefon kaschiert: Eine der vielen geschmacklichen Verfehlungen der 70er-Jahre. FOTO:  iStock

Das Leben auf dem Flokati


Der Flokati. Das Symbol für den Einrichtungsstil der Siebziger! Nur echt von griechischen Hirten, aus naturfarbener Schafwolle mit einem Flor, in dem Walnüsse und Flummis unauffindbar werden können. Ein geduldiger Dreckfänger - aber das nahm man gern in Kauf. Nichts belegte ausdrucksstärker den Willen zur Lebensart, zur Kuschelhöhle, zum Rückzug in die eigene Welt. Der Flokati machte den harten Boden zur Liegewiese. Manche hängten sich ein Exemplar auch an die Wand. Nur Banausen kaufen die neumodischen Webwerke in Farben wie »Latte macchiato« und »Rubinrot«.

Strickovertop und Acrylhemd

Noch so ein Verbrechen am Auge: Die Mode der Badezimmerkacheln FOTO:  iStock
Ist das wirklich Mutti? Oder haben wir damals mit einem durchgetickten bunten Alien zusammengelebt, ohne es zu merken? Sahen wir vielleicht selbst so aus? Wenn man sich die Fotoalben aus den Siebzigern ansieht, kann man wahrlich nicht ganz sicher sein. Auf einem unserer Sonntagsausflüge lacht Mutti breit unter lindgrünem Lidschatten und hinter hellrosa Lippenstift hervor, angetan mit einem warnroten Lackblouson über einer segelkragendominierten (aber bügelfreien) Acrylhemdbluse mit einem Strickovertop und einer beschleiften Indigo-Jeansweste zu einer Jeansrundhose, in deren Bein man locker mindestens einen Pygmäenhochsitz hätte verstecken können (das Hosenmodell besaß sie auch als Augenschocker in kanariengelbem Samt).

Vati sah dagegen eher unscheinbar, aber äußerst vertrauenswürdig aus, wie er da im »Der Kommissar«-Look mit brav gegürteltem steingrauen Trench (der den Blick freigab auf ein sehr ordentliches, sehr faltenfreies hellblaues Diolen-Hemd mit rostfarbener Krawatte) und dunkelbrauner Gabardinehose im Wald rumsteht.

»Recht gute Unterhaltung«

Sie hießen Roswitha Schnabel, Ute Zingelmann und Mady Riehl und informierten uns charmant lächelnd über das, was uns im TV als Nächstes erwartete, indem sie einen Ansagetext sprachen, der sowohl über Uhrzeit und Sender informierte (»zur besseren Orientierung« - wohl für die, die den Überblick über die drei Programme verloren hatten) als auch neugierig machte auf die nachfolgende Sendung (»recht gute Unterhaltung!«). Das waren noch Zeiten, in denen man persönlich und höflich begrüßt und klar eingewiesen wurde (»Sehen Sie nun ...«).

Zur Sonne, zum Meer

Der VW Käfer sorgte für die große Landflucht im Sommer: Bis unters Dach vollgepackt ging es nach Italien. FOTO:  iStock
Endlich Urlaub - wie herrlich! Das eigene Auto, steigende Gehälter und die gesetzliche Festlegung der Mindesturlaubstage machten es deutschen Wohlstandsbürgern seit Mitte der Sechziger möglich, mit Kind und Kegel auf Reisen zu gehen.

Besonders beliebt: das bayerische Voralpenland. Vor heimatfilmähnlicher Bergkulisse erfreuten sich deutsche Touristen in Knickerbockern und karierten Wanderhemden an den Seppel-Aufmärschen von wild juchzenden Eingeborenen in Lederhosen und mit Gamsbarthüten. Sie lauschten den Alphornbläsern, besuchten Jodelaufführungen, Fingerhakel-, Säge- und Melk-Wettbewerbe. Sie vertilgten Unmengen an Knödeln und Schweinebraten und ließen sich mit ihrem Auto in einer Serpentine der deutschen Alpenstraße vor einer eindrücklichen Bergkette (»Den da nennen sie Watzmann!«) fotografieren.

Die Sehnsucht nach Sonne, Meer, lauen Nächten und dem Dolce Vita von Bella Italia ließ jedoch immer mehr Deutsche zum Teutonengrill an die Adria aufbrechen. Man sprach von »Reisewut« und meinte damit nicht das Gefühl, das hochkochte, wenn man stundenlang in der kilometerlangen Blechlawine steckte, um flott über die Alpen zu kommen, wofür man schließlich bereits um 3 Uhr morgens in Bocholt-Suderwick aufgebrochen war.

Unser orangefarbener VW Passat war immer bis unters Dach beladen und unsere Habseligkeiten unter der Heckklappe vorsorglich mit einem Laken bedeckt, um unverfrorene Ganoven nicht auf die Idee zu bringen, im Kofferraum des deutschen Urlauberautos könnte sich tatsächlich Transportgut befinden.

Wie jedes Jahr zur Reisezeit hatten der ADAC und einschlägige Zeitungen vor barbarischen italienischen Straßenräubern gewarnt, die vor nichts und niemandem Halt machten und angeblich tagtäglich unschuldige Touristinnen an ihren Perlenketten hinter Motorrädern durch antike italienische Innenstädte schleiften.

Mutti kontrollierte deshalb schon seit Kufstein in Tirol halbstündlich, ob unsere Reisepässe noch im abschließbaren Handschuhfach lagen, und ob Vati denn die gewechselten Lire und die Reiseschecks sicher im Brustbeutel verstaut hatte.

Lässig auf dem Bonanza-Rad

Böse Zungen behaupteten, es sei der Ghetto-Ersatz-Chopper für Arme, Minderjährige und Nichtamerikaner gewesen, aber wir wissen es besser: Dieser aufgemotzte Teenager-Wegbereiter war Kult! Jungs, denen der lässige Ansitz auf einem Bonanza-Rad in Fleisch und Blut übergegangen war, hatten es später bedeutend leichter bei den Mädels.

Ein Bonanzarad war in aller Regel orange, gelb oder hellgrün und hatte einen Bananensattel mit Rückenlehne (ungepolstert war astrein, versteht sich), einen Hirschgeweihlenker und eine Drei-Gang-Nabenschaltung mit phallusverdächtigem Riesenhebel mitten auf der Querstange.

Aufgepimpt wurde der Easy-Rider-Light-Bock mit Wimpeln, Rallyestreifen auf dem Schutzblech, gestreift umwickelten Bremskabeln und so vielen Reflektoren, wie die Speichen fassten. Die richtigen Checker hatten einen Fuchsschwanz an einer Teleskopstange und einen Spiegel am Hochlenker. Die Federung der Vorderräder war Fake, aber das störte keinen großen Geist. Cooler konnte man nicht aufs Mofa-Alter warten.

Ein Hossa auf den Partykeller

Zur feschen Party in den 70ern durfte der Käseigel nicht fehlen.
Während junge Menschen heute gerne großzügig verglaste Kneipen aufsuchen, die wie Wohnzimmer aus guten alten Zeiten möbliert sind, ging man früher in Neubaugebieten aus. Die Bungalows dort besaßen tief unter der Erde konspirative Räume, die wie Kneipen ausgestattet waren.

Selbst in Haushalten, in denen die Frauen im Alltag gestärkte, weiße Rüschenblusen und Faltenröcke trugen (statt Polyestertops und Schlaghosen) und in deren Häusern das Wildeste der neue Frische-Duft der Fa-Seife war, gab es sie - die verruchte Zone im Untergrund: den Partykeller mit eingebauter Kellerbar! Ungedämmte, fußkalte Räume ohne natürliches Licht und Lüftungsmöglichkeit mit lichten Raumhöhen knapp über zwei Metern mutierten regelmäßig zu entfesselten Partyzonen.

Auch wenn Girlanden Heizungsrohre kaschierten, Urlaubstrophäen wie buntbemalte Keramikteller aus Spanien die Betonwände zierten, mit Bast umwickelte Chiantiflaschen als romantische Kerzenständer dienten und ausrangierte Polstergarnituren Sitzgelegenheit boten, haftete diesen Räumen immer etwas Bedrückendes an. Abgeschnitten von der Außenwelt, wurde zu Stimmungsmusik wie »Fiesta Mexicana« von Rex Gildo oder »Griechischer Wein« von Udo Jürgens ausgelassen getanzt, gegrölt, gefeiert, gequalmt und gebechert.

Am rustikal vertäfelten Heimwerkertresen, eindrücklich ausgestattet mit allerlei Hochprozentigem, beschwipsten sich biedere Hausfrauen mit Mixgetränken aus Eierlikör und Bluna oder Asbach Uralt mit Afri-Cola oder nippten genüsslich an ihren Ananasbowle-Gläsern. Nassgescheitelte Stadtangestellte brachten sich bei vom Hausherrn gezapftem Bier vom Fass in Fahrt und stopften Spießchen vom Käseigel mit Silberzwiebeln und Senfgürkchen in sich hinein.

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