Tübingen
Kommentar

Die Realität der Öko-Träume

Von Arnfried Lenschow

Ökologisch gut sein wollen alle. Aber die Verhältnisse, die sind nun mal nicht so. Insofern ist es ehrenwert, dass Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sich den Realitäten stellt und auch in Fragen der Stromerzeugung keine Angst hat, sich die Hände - und das grüne Ideal-Gewissen - schmutzig zu machen durch Eintreten für ein Steinkohlekraftwerk im fernen Brunsbüttel.

Andererseits hat sich in den vergangenen zwei Jahren nicht nur in puncto Bewusstseinswandel ungeheuer viel getan. Die erneuerbaren Energien wurden in einem Maße ausgebaut, wie dies kaum einer erwartet hatte. Dass die automobile Zukunft elektrisch ist, wird auch nicht mehr bezweifelt. Der Trend geht zu kleinräumigen Strukturen im Energiebereich, etwa zu Elektroautos, die im Ruhezustand Kapazitätsspitzen im Stromnetz abfedern könnten und nachts aufgeladen werden, wenn beispielsweise Windstrom im Überangebot da ist.

Angesichts dieses schnellen Wandels stellt sich dann doch ein Unbehagen ein, wenn ein solches Großprojekt wie das Steinkohlekraftwerk in Brunsbüttel in Angriff genommen werden soll. Irgendwie wirkt dies eben doch, als ob ein alter Gaul noch mal fit gespritzt wird für ein Rennen, das längst gelaufen ist. Die großen Energieversorger mit ihren eigenen Mitteln des Gigantismus in einer absehbar vom Aussterben bedrohten Technik zu schlagen hat ein Geschmäckle.

Freilich hilft Wehklagen nicht, wenn keiner auch persönliche Konsequenzen zieht. Dass die Großversorger ohne Druck von außen die notwendigen Schritte gegen den Klimawandel machen, dürfte eine fromme Hoffnung sein. Da braucht man sich nur den von ihnen bejubelten Ausstieg vom Atomausstieg anzusehen, der auch noch als ökologische Lösung verkauft wird.

Wenn die Großkonzerne darauf verweisen können, dass auch das ach so grüne Tübingen bei der Kohlekraft doch eigentlich das Gleiche tut, ist dies fatal. Insofern hätte ein Ausstieg aus dem Projekt Signalwirkung. Den Boden dafür zu bereiten, haben die 90 Prozent Tübinger mit in der Hand, die heute noch keinen Ökostrom beziehen.

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